Eine unbekannte Mutter, die Liz Taylor ähnelt, ein zärtlich geliebter Vater, der sich für Musset hält, ein verheirateter Liebhaber, der mit einem Revolver spielt, ein anderer, der an Becketts Todestag auftaucht, Freundinnen in Deutschland, Korsika und England, deren Erinnerung manchmal fast verschwunden ist, und ein mal weibliches, mal männliches, verletzliches oder mörderisches Ich erscheinen abwechselnd, wie man Karten aufdeckt, in diesem neuen Spiel von Anne Serre, das unter dem Zeichen von Lewis Carroll steht. Ein Selbstporträt in dreiunddreißig Facetten.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
14.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spielerische Post-Autofiktion
»Sie haben aber zu viele Bücher. Wie wollen Sie sich da zurecht finden? Vermischen Sie nicht sämtliche Geschichten? Ach, das ist nicht schlimm? Das sehe ich aber anders! Wenn man Sie zu einem Buch befragt, sollten Sie es nicht verwechseln, sonst hält man Sie am Ende noch für verwirrt. Außerdem erzählt jedes Buch eine bestimmte Geschichte und keine andere. Wäre ich Schriftstellerin wie Sie, würde es mir kein bisschen gefallen, wenn man meine Bücher mit anderen verwechselt.«
Es ist verschwommen, was für eine Geschichte »Im Herzen eines goldenen Sommers« erzählt.
Serre mischt alles zusammen, ihre erlesenen, ihre erzählten und ihre erlebten Geschichten. Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat aus anderen Literaturen, zeigt eine der dreißig Facetten ein und derselben Person. Die Kapitel hängen scheinbar lose zusammen, sind angefüllt mit literarischen Bezügen, die ebenso wild zusammengewürfelt sind, wie die autobiographischen.
Wir lesen von einer Frau, von einer Schriftstellerin, die in der Literatur zuhause ist. Wir sehen durch ihre Augen eine sinnliche Mutter, einen liebenden Vater, eine verlorene Freundin, eine Angestellte, die Schwester, den Verleger, Lektor und immer wieder sie in verschiedenen Gestalten. Sie ist unsicher, wütend, ängstlich, begehrend, nimmt die Gestalt einer stalkenden Geliebten, einer ausbeutenden Arbeitgeberin, einer schüchternen Schwester, einer Mörderin ein. Dieser Text ist verwischt, phantasierend, magisch und er ist nicht auf der Suche nach der Wahrheit.
»Warum muss man immerzu auf die Wahrheit pochen? Und auf welche Wahrheit eigentlich?«
Gratulation an Serre, an Klobusiczky, an den Berenbergverlag. Ein spannender Text von hoher Qualität, der mit dem Trend der autofiktionalen Literatur spielt und neue spannende Formen findet.
Kaffeeelse
5/5
10.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abwechselnde und traumhafte Ichs
In diesem wundervollen Buch versammelt die französische Autorin Anne Serre intensive und eindringliche Kurzgeschichten, die irgendwie zu einem düsteren Episodenroman verschmelzen, aber ebenso auch eine Eigenständigkeit besitzen, die aber in meinen Augen nach einer Verbindung drängen. Denn manches kehrt in den Kurzgeschichten wieder. Anderes klingt wieder neu, lässt aber den Leser irgendwie nach einer Verbindung suchen. Zumindest ging es mir bei der Lektüre so. Damit macht mich die Autorin neugierig und lässt in mir eine Lust auf mehr von dieser interessanten Autorin erwachen. Aber nicht nur damit, denn auch die Sprache gefällt mir und auch die Entstehung der Kurzgeschichten. Am Ende des Textes listet sie die Bücher aus ihrer eigenen Bibliothek auf, deren erste Sätze auch der erste Satz der Kurzgeschichten sind, vieler Kurzgeschichten, nicht aller Kurzgeschichten. Es sind 25 Bücher aufgelistet und in dem Buch sind 33 Kurzgeschichten versammelt. Das ist eine richtig interessante Idee, aus den ersten Sätzen verschiedener Romane Kurzgeschichten zu bauen ist schon interessant, aber dann in diesen Kurzgeschichten Verbindungen zu erschaffen, teils vorhandene Verbindungen, teils durchklingende und durchscheinende Verbindungen, das ist in meinen Augen schon eine Herausforderung.
Dann ist der Sprachklang in diesen Kurzgeschichten, aber auch die erzeugte Stimmung herausragend. Etwas verschwommen und traumhaft, aber auch mit einer Lust am Sezieren und Beschreiben menschlichen Denkens und Tuns, zugleich auch zauberhaft und schwerelos gleiten diese Geschichten am Leser vorbei und erzeugen eine Intensität, die man in Kurzgeschichten erst einmal erschaffen muss. Eine Meisterleistung in meinen Augen.
Dann kommt ein Spiel, ein gewisser Tanz dazu. In einer anfänglich genannten Vorbemerkung von Fernando Pessoa ist von mehreren Selbsten einer einzelnen Person die Rede und Anne Serre kreiert diese vielen Selbste in diesen Kurzgeschichten. Und diese verschiedenen Selbste tanzen fast etwas magisch vor den Augen der Leser vorbei und fesseln die Leser damit. Und stellen auch gewisse Fragen. Von wem sind denn diese unterschiedlichen Denken? Spricht hier die Autorin selbst? Oder ist dies auch eine Form auf sich selbst zu blicken und die eigenen unterschiedlichen Selbste zu erforschen? Denn manches eigene Tun könnte manchmal ja auch von jemand anderem stammen, denn manch eigenes Tun erscheint im Nachhinein betrachtet recht eigenartig und nicht zu einem selbst passend.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.