Candace Chen arbeitet für einen Verlagsdienstleister am Times Square, zuständig für die Herstellung von Themenbibeln in Asien. So hingebungsvoll folgt sie ihren täglichen Routinen, dass sie erst gar nicht bemerkt, wie tödliche Pilzsporen über New York hereinbrechen, importiert mit billigen Konsumgütern.
Während das Fieber rasant um sich greift, bleibt Candace stoisch auf ihrem Posten. Anfragen wollen geschrieben, Deadlines eingehalten, Arbeitszeiten erfasst werden. Geködert von einem Bonus ihres Arbeitgebers, ist sie bald die letzte in ihrem Büro – und schließlich in ganz New York.
Die beißende Satire auf den modernen Kapitalismus entwirft ein unheimlich vertrautes Schreckensszenario und fragt erbarmungslos, was uns wirklich wichtig ist.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bewertung
5/5
03.09.2022
Buch (Taschenbuch)
Im Lichte einer Endzeit sinnt...
Im Lichte einer Endzeit sinnt Candance über ihre Vergangenheit nach und zeichnet so ein eindringliches Bild unserer Gesellschaft.
Über Allem steht die Frage - Erinnerung oder Aufbruch?
Ein drängender, kluger und atmospherischer Roman!
Bewertung
5/5
12.07.2022
Buch (Taschenbuch)
Erschreckend realistisch
„New York Ghost“ ist ein Debüt der chinesischen-amerikanisch Autorin Ling Ma. Sie hat ihn bereits 2018 geschrieben, wo noch niemand in der Welt vom Covid-19 Virus gewusst hatte. Der Roman hat schon einige Preise gewonnen und stand 2021 auf der Shortlist des PEN/Hemingway Award for Debut Novel.
Auf diesen Roman bin ich übrigens deshalb gekommen, weil die deutsche Autorin und in diesem Fall Übersetzerin Zoe Beck auf Ihrem Instagram Account Werbung für dieses Buch gemacht hat. Der Verlag CulturBooks sagte mir bis vor Kurzem gar nichts. Aber das hatte sich geändert, nachdem ich mir die Vita der Autorin Zoe Beck einmal bei Wikipedia näher angeguckt habe. Darin stand u.a. „Gemeinsam mit Jan Karsten gründete Beck 2013 den Literaturverlag CulturBooks.“ Nun war mein Interesse erst recht geweckt. Zoe Beck übersetzt einen Roman, der wunderbar zu ihren eigenen Krimis passt und veröffentlicht ihn dann auch noch in ihrem eigenen Verlag. Wenn das nicht für Qualität und Überzeugung steht! Inzwischen ist das Buch als Taschenbuch im Unionsverlag erschienen.
„New York Ghost“ ist die Geschichte der jungen chinesisch-amerikanischen Candace Chen. Das Buch beginnt mit dem Prolog, in dem Candace beschreibt, wie eine Gruppe von erst acht, später neun Überlebenden des grassierenden Shen-Fieber in der Wildnis zu überleben versucht. Von ihnen ist niemand ein Naturmensch. Sie sind alles Stadtmenschen mit Jobs wie Markenstrateginnen, Immobilienanwälten, Personalplanungsspezialisten und Finanzberaterinnen. Sie haben es bis hierher geschafft, anfangs haben ihnen noch ihre Handys und Tablets geholfen, aber irgendwann funktionierten auch die nicht mehr. Um gemeinsam zu überleben, haben sie einen Anführer – Bob – gewählt. Und er hat aus der Gruppe so etwas wie eine Sekte gemacht, die bestimmte Rituale erfüllen muss. Diese achtköpfige Gruppe findet Candace und nimmt sie bei sich auf.
Nach diesem Prolog wechselt die Geschichte auf die verschiedenen Zeitebenen. Diese verschiedenen Zeitebenen werden nicht weiter grafisch hervorgehoben. Das man in einer anderen Ebene ist, merkt man aber natürlich beim Lesen. Es gibt die Zeitebene, in der Candace in New York ankommt und sich treiben lässt. Sie wandert durch New York, fotografiert für ihren Blog New York Ghost und feiert mit anderen Collegeabsolventen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben. Dann gibt es die Geschichte, wie Candace Eltern aus China in die USA gekommen sind und sich ihr Leben in Salt Lake City aufgebaut haben. Und dann gibt es die Zeit, in der Candace eine Arbeit gefunden hat. Sie arbeitet bei einem Verlagsdienstleister und ist für die Herstellung von Bibeln zuständig. Dort bleibt sie fünf Jahre und hat sich intern einen guten Namen gemacht. Doch wirklich ein Leben hat sie neben der Arbeit nicht, wenn man von ihrem Freund Jonathan absieht. Doch Jonathan ist ganz anders als sie. Er lässt sich nicht verbiegen und geht keiner Arbeit auf Dauer nach. Und so kommt es, dass Jonathan New York verlassen will, aber Candace nicht. Es gibt bereits die ersten Fälle des Shen-Fiebers, welches Jonathan, der immer sehr informiert ist, Angst bereitet. Aber Candace, die sich deutlich weniger für das Zeitgeschehen interessiert, tut das Ganze als übertrieben ab. Und dann zieht sich die Schlinge immer enger zusammen.
Mich hat diese Geschichte in mehrfacher Hinsicht fasziniert. Natürlich, weil es in der Geschichte um eine Pandemie geht, die die Menschen tötet. Das ist aktuell UNSER Thema. Wir alle wissen (immer noch) nicht, wie wir mit „unserer“ Pandemie umgehen sollen. Da ist es natürlich sehr spannend, einen Roman zu lesen, in dem es um ein ähnliches Thema geht. Was macht es mit den Menschen, die vermeintlich davonkommen? Das hatte schon etwas von William Goldings „Herr der Fliegen“. Und was passiert mit den Menschen, wenn die Technik nicht mehr funktioniert? Es keinen Strom mehr gibt? Da denken jetzt einige von Ihnen wahrscheinlich an Marc Elsbergs Roman „Blackout“. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.
Denn da sind auch noch die anderen Geschichten, die sich mit unserer Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen. Wie wollen wir leben? Und können wir überhaupt so leben, oder lässt die Gesellschaft es nicht zu? Mich hat die Beschreibung der jungen Menschen in New York schon erschüttert. Dieses ziellose Leben, was aber schon am Konsum orientiert war. Dieses Leben, was man sich nur leisten kann, wenn man einen Job hat oder von Haus aus reich ist, denn New York ist teuer. Doch wenn man einen Job hat, frisst dieser einen definitiv auf. Das wäre kein Leben, so wie ich es mir wünsche. Aber lebe ich wirklich anders oder habe ich anders gelebt? Und dann die Geschichte von Candace Eltern – eine klassische Einwandererfamilie. In diesem Fall kommen sie aus China, einem Land ohne Demokratie und Meinungsfreiheit. Sie wünschen sich, dass es ihre Tochter einmal besser haben soll. Dafür nehmen sie viel in Kauf. Doch trotzdem gehören sie nie wirklich dazu – weder in den USA noch in China. Ein schweres Los, was zumeist alle Menschen eint, die in ein vermeintlich besseres Land ziehen. Und dann die Zeit, wenn man endlich eine Arbeit hat, damit man sich das Leben, welches man leben möchte, leisten kann. Aber ist das überhaupt möglich? Hängen wir nicht alle im Hamsterrad fest und lassen unser Leben an uns vorbeilaufen. Wenn wir alt und in Rente sind, dann werden wir endlich leben! Aber kommt es überhaupt dazu? Wie entwickelt sich die Gesellschaft, die Gesundheit?
Mich haben diese Geschichten sehr zum Nachdenken gebracht. Und ich frage mich, was wir aus unserem Leben machen. Vielleicht sind die Umweltkatastrophen und Pandemien ja doch zu etwas nütze? Vielleicht fangen wir endlich an und überlegen, wie wir wirklich leben möchten.
Es ist ein wirklich stimmiger Roman mit einem passenden Ende. Ich bin gespannt, was wir von Ling Ma noch in Zukunft zu lesen bekommen.
Und an dieser Stelle möchte ich noch einmal auf den Anfang zurückkommen. Das Buch wurde von Zoe Beck aus dem Amerikanischen übersetzt. Und wir nehmen so etwas einfach so hin. Über die Übersetzer machen wir uns selten Gedanken. Aber wir sollten nie vergessen, was diese Menschen für eine tolle Arbeit leisten, so dass wir das Buch in unserer Sprache lesen können!
„New York Ghost“ hat mich in mehrfacher Weise fasziniert, obwohl es eigentlich so gar nicht mein Genre ist- Das Buch ist eine Dystopie, die aber tatsächlich in der Gegenwart spielen konnte. Eine Dystopie über eine tödliche Pandemie, bei der nach und nach das „normale“ Leben zum Erliegen kommt. Es ist aber auch ein Roman über chinesische Einwanderer in die USA, um Karrierestreben und um Konsum.
Und dann hat es auch noch die bekannte und mehrfach prämierte Autorin Zoe Beck übersetzt.
Ein wirklich lesenswertes Buch!
pearl-on-the-rox
Book Circle Community
5/5
10.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Faszinierende Postapokalypse
Die Story verfolgt Candace Chen, eine New Yorkerin, die mit den Auswirkungen einer globalen Pandemie kämpft. Die Autorin wechselt geschickt zwischen den Zeitebenen, schafft einen berührenden Kontrast zwischen dem Chaos der Epidemie und Candaces Leben zuvor.
Ling Mas Stärke liegt in der Erforschung der Monotonie des Alltags und der Suche nach Bedeutung in einer entfremdeten Welt. Themen wie Isolation, Identität und die prägende Rolle der Unternehmenskultur werden gekonnt behandelt. Die Protagonistin ist zugleich fesselnd und rätselhaft, ihre Geschichte zieht die Lesenden mit sich, während sie in einer zerbrochenen Welt nach dem Sinn sucht.
Der Schreibstil ist scharfsinnig und erfasst die Trostlosigkeit einer zusammenbrechenden Gesellschaft und bewahrt trotzdem einen subtilen Hauch von Hoffnung. Das Tempo des Romans erlaubt es, die Details der geschaffenen Welt zu geniessen und über deren Implikationen nachzudenken. Bemerkenswert ist, dass der Roman 2018, also vor der COVID-19-Pandemie veröffentlicht wurde und beinahe prophetisch die Umstände beschreibt, die eine solche Krise auslösen kann. Es ist ein packendes Debüt, welches geschickt die Komplexitäten des modernen Lebens erforscht und postapokalyptische Elemente mit einer scharfen Analyse der zeitgenössischen Gesellschaft verbindet. Ich freue mich bereits auf die kommenden Werke dieser herausragenden Autorin.
Ling Mas Debütroman „New York Ghost“ ist ein endzeitlicher Roman, der in einer Welt spielt, in der eine aus China stammende Fieberpandemie fast alles menschliche Leben ausgelöscht hat. Das würde den Inhalt des Romans beschreiben und trifft dennoch die Vielschichtigkeit des Werkes nicht mal im Ansatz. Es gibt mehrere Erzählstränge, die das Buch durchziehen und jeder ist für sich genommen schon sehr lesenswert.
Die Protagonistin Candace Chen ist mit einer Gruppe anderer, noch nicht infizierter Personen unterwegs durch die apokalyptische Welt zu einem sicheren Hafen, den der Anführer der Gruppe Bob, der mit einem religiösen-sektenartigen Charakter die Gruppe führt, für die Gruppe auserkoren hat. Das Shen-Fieber, eine durch Pilzsporen übertragene Erkrankung, die v.a. das Gehirn befällt und die Menschen zu maschienenartigen Zombies werden lässt, die ununterbrochen ihren alltäglichen Aufgaben nachgehen, bis die letzten Impulse im Gehirn aufgehört haben, wurde vermutlich durch Billigprodukte aus China in der ganzen Welt verteilt und hat den Großteil der Menschheit dahingerafft. Candace war als eine der letzten Überlebenden noch in New York und hat ihre Eindrücke und Bilder von der entvölkerten Stadt auf dem Kanal „New York Ghost“ geteilt.
Ein weiterer Erzählstrang erzählt die frühe Geschichte von Candace und ihren Eltern, die einst China verlassen hatten, um in Amerika eine bessere Zukunft für ihre einzige Tochter schaffen zu können. Es erzählt die Geschichte der hart arbeitenden, sehr ehrgeizigen und fleißigen Migranten, die trotzdem nie so ganz Teil der neuen Gesellschaft wurden. Besonders Candace´ Mutter zerbricht psychisch am Fremdsein in dem neuen Land und ihrer fehlenden Aufgabe.
Der dritte Erzählstrang berichtet von Candace´ Leben nach dem Tod ihrer Eltern in New York: Sie arbeitet bei einer großen Firma, die Bibeln auf Kundenwunsch mit den verrücktesten Designs herstellt. Dabei koordiniert sie den Einkauf aus Niedriglohnländern wie China. Sie driftet durch ihr New Yorker Leben, hängt tagsüber in ihrem Bürojob fest und trifft sich abends mit ihrem Freund, einem Freigeist, in dessen Kellerwohnung, ohne zu bemerken, wie die Seuche mehr und mehr um sich greift. Als eine der letzten arbeitet sie in ihrem Büroturm in New York, hängt ihrem geregelten Leben, ihren Routinen nach, setzt ihren Kotaktmann in China zur Produktion weiter unter Druck, während um sie herum nur noch Chaos und Anarchie herrschen. Denn anders als in anderen Endzeitszenarien ist das Shen-Fieber nicht von Mensch zu Mensch übertragbar und lässt die Infizierten auch nicht zu blutgierigen Zombies werden, sondern zu einer Art pflichterfüllende Roboter, die ihre Tätigkeiten bis sie verfault sind weiter fortsetzen. Somit droht Candace v.a. Gefahr durch die Seuche selbst, ihre letzten Mitüberlebenden, der Einsamkeit und der feindlichen Umwelt.
Für mich beinhaltet dieses Buch sehr viel Gesellschafts- und Konsumkritik, einen beißenden, ironischen Humor, spannende Motive und nicht zuletzt eine fast prophetische Vorausnahme der Covid-Pandemie. Denn das Buch ist nicht im letzten Jahr geschrieben worden, sondern 2018, lange vor Covid-19.
Es lässt sich wunderbar lesen, fesselt, ist unerwartet komisch, sehr aktuell und lässt einen trotzdem nicht tief deprimiert zurück.
Bewertung
5/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mein neuer Buchtipp für Sie!
Als im Jahr 1949 Orwells "1984" erschien, war kaum vorstellbar, wie realitätsnah der Blick in die Zukunft des Briten werden sollte.Im Jahr 2018 wurde der Debutroman von Ling-Ma "New York Ghost" veröffentlicht.Die 1983 in China geborene und in den USA aufgewachsene Autorin beschreibt den Ausbruch des Shen-Fiebers das die Menschheit dahinrafft und die Welt in einen post-apokalyptischen Zustand versetzt.Die Leser begleiten Candice Shen auf ihrer Reise durch ein ausgestorbenes New York, bei ihren Erlebnissen als Mitglied einer sektenähnlichen Vereinigung Überlebender, die plündernd durch die Peripherie ziehen. Kunstvoll verwebt Ling Ma diesen dystopischen Erzählstrang mit einer Kombination aus Migrationsgeschichte, Arbeitswelt-Satire, Globalisierungs- und Konsumkritik sowie einem Generationsporträt urbaner Millennials.Vielleicht sah die Autorin Corona nicht voraus. Dennoch ist dieser bemerkenswerte und preisgekrönte Erstling der Roman der Stunde und erscheint nun auch in der deutschen, kongenialen Übersetzung der Schriftstellerin Zoe Beck.
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