Die Krim – eine Region, die ein Paradies sein könnte, aber zum Spielball zerstrittener Länder wurde
Landolf Scherzer, der „Spezialist für Recherchen vor Ort“, fuhr 2019 auf die Krim. Er ahnte nicht, dass es der Vorabend eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine war. Aber aus seinen Beobachtungen und Begegnungen wird die historische Dimension der Konflikte deutlich. Das Porträt einer Krisenregion entsteht, das weder vereinfacht noch verurteilt und dadurch umso wahrhaftiger und lebendiger ist.
„Die meisten hier haben Leidensgeschichten. Russen, Polen, Deutsche, Ukrainer … Nicht nur bei den Tataren blieb die Angst wie ein Geschwür im Kopf. Auf der Krim ist sie jetzt als Angst vor dem Krieg wieder lebendig. “
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26.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Interessant, vielseitig und…
Interessant, vielseitig und lesenswert „Wir Tataren wissen: Wenn du die Erinnerung tötest, tötest du dich. Die Russen sagen: Dem Volk, das nicht über seine Vergangenheit spricht, bleiben auch die Wahrheit über die Gegenwart und die Träume von der Zukunft verschlossen.“ (Zitat Pos. 733) Thema und Inhalt Der Schriftsteller und Publizist Landolf Scherzer reist 2019 auf die Krim, er stellt Fragen und hört vor allem zu. So erfährt er die Lebensgeschichten von Krimtataren. Mit dieser Reportagereise erfüllt er den Wunsch seines Freundes Wassja, selbst Krimtatar, der Ende 2018 mit seiner Frau nach Australien auswandert und ihn bittet, für ihn auf die Krim zu fliegen und die Geschichten der Krimtataren aufzuschreiben, damit die Vergangenheit nicht vergessen wird und damit die Deutschen verstehen, was heute auf der Krim geschieht. Auf Wassjas Empfehlung kann er privat bei einer Familie in der Nähe der Stadt Saki wohnen. Als er Babuschka Gulnada fragt, ob sie Ukrainerin, Tatarin, Usbekin oder Russin sei, erhält er die Antwort, sie seien Usbeken und Russen und Ukrainer, zuerst jedoch Tataren, Krimtataren. Darum geht es in dieser Reportage, einerseits um die Vergangenheit, andererseits um das Leben der Menschen auf der Krim und die Veränderungen seit 2014. Umsetzung Landolf Scherzer besucht die besten Freunde von Wassja, sechs Brüder, die auf einige seiner Fragen antworten, auf andere nicht, sondern statt dessen ihm Geschichten und Erlebnisse aus ihrem Alltag erzählen. Unterwegs spricht der Autor auch selbst unterschiedliche Menschen an, oder wird von ihnen angesprochen. Alle diese Begegnungen notiert er täglich, dazu die Gespräche, die Geschichten, die er erfährt, die Gastfreundschaft, die er überall antrifft, und ergänzt diese Notizen mit seinem eigenen Tagesablauf und den persönlichen Eindrücken und Erfahrungen, ungewöhnlichen, ernsten, nachdenklichen und skurrilen, erheiternden Erlebnissen. Dennoch bleiben viele offene Fragen. Daher reist er knapp neun Monate später mit einem Freund, der durch seinen Handel mit Heimtextilien Kontakte in die Ukraine hat, ein zweites Mal auf die Krim. Diesmal füllen sich die Lücken in seinen Notizen und er schreibt an Wassja: „Alles, was ich erkunden konnte, werde ich nun versuchen aufzuschreiben. Wie und wann und was, weiß ich noch nicht.“ (Zitat Pos. 3644) Nun ist es aufgeschrieben, in den einzelnen Kapiteln sind jeweils mehrere Geschichten zusammengefasst. Die langen Überschriften skizzieren bereits, worum es im jeweiligen Kapitel geht, so sieht eine der Überschriften aus: „Von Bauern, die auf der Krim tiefe Brunnen bohren, dem Geschichtsbruder, der nach 2014 den Fehler gemacht hat, so viel Knoblauch wie zuvor anzubauen, und dem Zaren, der 1867 Alaska an die USA verkaufen musste.“ (Kapitalüberschrift, Pos. 563, 564) Fazit „Ich stehe am Fenster“ – so beginnt diese interessante, abwechslungsreiche, eindrückliche Reportage über die Halbinsel Krim, die wechselvolle Geschichte und die Menschen, die dort leben. Auch wenn man sich in den letzten Monaten bereits durch Sachbücher und Berichte über die Ukraine informiert hat, findet man hier breit gefächerte, vertiefende Einblicke, informatives Wissen und Hintergrundwissen, das man so noch nicht gelesen hat. „Doch Patrioten werden nicht als Patrioten geboren. Patrioten müssen sich die Herrschenden erst durch Ideologie Formen.“ (Zitat Pos. 2613). Dieses Zitat, die Aussage des Chefredakteurs einer Zeitung, ist wohl die beste Erklärung dafür, warum man dieses Buch, das der Autor den Ukrainern und Russen widmet, die sich für ein friedliches Zusammenleben aller Völker einsetzen, unbedingt lesen sollte.
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