Karl-Josef Kuschel hat ein Leben lang seine Aufmerksamkeit der Literatur und ihren Dichtern gewidmet: persönlich und in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Sein neues Buch ist weder eine Autobiografie noch einfach ein Sachbuch über Literatur – oder besser: Es ist beides. Es erzählt von seinen Begegnungen mit Menschen und Büchern und mit den magischen Orten, wo Literatur entstanden ist und die der Autor selbst alle aufgesucht hat. Und es ist ein erfahrungsgesättigtes Lob des Lesens und des Lebens mit Büchern: der geistigen Freiheit, die sie bedeuten, und der menschheitsverbindenden Wirkung, die sie zeitigen. Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoff, Friedrich Schiller, Hermann Hesse, Bertholt Brecht, Heinrich Böll.
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Karl-Josef Reisen Langjährige…
Juti aus HD am 29.05.2024
Bewertungsnummer: 2861669
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Karl-Josef Reisen Langjährige Professoren haben den Vorteil, dass sie sich selbst zitieren. Karl-Josef Kuschel hat zu jedem Kapitel dieses Buches mindestens schon ein ausführlicheres Werk veröffentlicht. Doch damit nicht genug: Nun können Karl-Josef Fans schon mit Kuschel reisen und wenn er hundert wird, wird er nicht mehr auf den Spuren toter Dichter reisen, sondern sich selbst auf die Spuren von Karl-Josef begeben. Der Autor schreibt zwar, er habe gelegentlich erst vor Ort seinen Dichter voll verstanden, aber einen konsistentes Pilgerprogramm hat er nicht. In Oberhausen geboren – und mehrfach erwähnt, dort schlechten Deutschunterricht genossen – findet der Professor bei Küng und Jens in Tübingen in der Schnittmenge zwischen Literatur und Theologie seine Heimat. Nebenbei kündigt er auf S.37 an, dass er uns sogar noch einen zweiten Band aufdrücken wird. Also denn, besuchen wir das Grab von Hölderlin und Horkheimer. Nach fast hundert Seiten beginnt mit Lessing in Wolfenbüttel das zweiten Kapitel. Seine Wohnstube befand sich unweit der Bibliothek, wo er Direktor war. In seinem Haus verlor er Frau – Eva König, geboren in Heidelberg – und Kind bevor er den weisen Nathan schrieb,was unsern Kuschel dazu treibt über Lessing Beziehungen zum Islam einzugehen. Friedrich Schiller musste dagegen aus seiner Heimat fliehen, weil der Württemberger Landesherr den guten Militärarzt nicht als Dichter im Mannheimer Theater, sondern lieber in Hohenasperg im Gefängnis sehen wollte. Im thüringischen Bauerbach beginnt des Dichters größte Schaffensperiode. Also nix wie hin. Kuschel gräbt die Beziehung Schillers mit einem berühmten Juden aus. Gut Annette von Drüste-Hülshoff interessiert mich nicht, aber ihr Turmzimmer in Meersburg ist wohl doch eine Reise Wert. Die Dichterin schaffte jedenfalls ein halbes Jahr lang jeden Tag mindestens ein Gedicht. Da fahr ich lieber nach Gaienhofen zum Haus von Frau und Herrn Hesse. Klar könnte man auch auf Hesses Spuren ins Tessin Reisen, aber da sind die touristischen Pfade schon ausgetreten. Wegen des schönen Bodensees hätte ich fast Heines Matratzengruft in Paris vergessen. In der Rue d’ Amsterdam 54, früher 50, ist Heine 1848 erkrankt, aber erst 1854 gestorben. 6 Jahre, um den Weg zu Gott zurück zu finden. Und natürlich Rilke in Duino an der Adria bei Triest, wo er seine große Schaffenskrise überwand. Nun geht es wieder an den Bodensee, zu Hesse in Gaienhofen, weil die touristischen Pfaden im Tessin und in Tübingen schon ausgetreten sind. „Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das ein klar, dass ich entweder Dichter oder gar nichts werden wolle.“ (271) ist ein Zitat von ihm. Seine in der indischen Mission arbeitenden Eltern haben ihn für Indien spiritisiert. Friedhöfe tun es dem Autor an. In Berlin liegen Hegel, Fichte und – neues Thema – Brecht. Spannender ist aber Alfred Döblin, dessen Sohn eine Gleichung in der Wahrscheinlichkeitsrechnung entdeckte. (Buch: Die verlorene Gleichung) Alfred soll bei seiner Geburtstagsfeier von seiner Bekehrung berichtet haben, was Brecht in dem Gedicht „Peinlicher Vorfall“ kommentierte. Thomas Mann und sein Haus in Litauen und in Kalifornien schließen sich an. Dann kommen Autoren, die über Jerusalem berichtet haben. Es folgen noch Heinrich Böll, der in Köln in der Hülchrather Str. 7 lebte (493) und ein Haus in Langenbroich in der Eifel besaß, der mir unbekannte Wolfgang Hildesheimer und der Abschluss – natürlich am Bodensee – mit Martin Walser. Der Epilog enthält leider wieder viel Selbstbeweihräucherung. Also viel Licht, aber auch viel Schatten, insgesamt 3 Sterne.
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