Sie hatten ihn durchleuchtet, um sicherzugehen, dass sie ihm drohen und ihn gleichzeitig mit ihren Versprechungen locken konnten. Und sie mussten sicherstellen, dass er über das, was er jetzt sah, nie ein Wort verlieren würde.
Europa, irgendwann in der Zukunft. Einige Länder des Kontinents haben sich zu dem Staat Erimus zusammengeschlossen. Krankheiten gelten als nahezu ausgemerzt. Jeder Einwohner ist zum Schutz der eigenen Gesundheit zur Einnahme staatlich verordneter Vitamine verpflichtet.
Dem Nachtwächter Luke, der für das Pharmaunternehmen Sanaris arbeitet, wird eine neue Stelle angeboten. Im streng geheimen Labor, in dem die Vitamine entwickelt werden, blickt er hinter die Kulissen und entdeckt den erschütternden Grund für das scheinbar perfekte und sorgenfreie Leben, das ihm und seinen Mitmenschen vergönnt ist.
Für einen Rückzieher ist es zu spät, denn Sanaris erkauft sich Lukes Schweigen zu einem hohen Preis.
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Wenn Corporate Governance die Demokratie ablöst
Bewertung aus Frankfurt am 07.02.2023
Bewertungsnummer: 1875005
Bewertet: eBook (ePUB)
Drei Dinge haben mich an "Sanaris" ganz besonders gepackt und bewegt:
ERSTENS schafft es Gina Grimpo auf meisterliche Weise, eine atmosphärische Düsternis zu erzeugen, die zwischen den Zeilen entsteht. Man fühlt regelrecht die leeren, stillen Flure des Sanaris-Firmengebäudes. Aber auch Lukes Leben, wie vermutlich das Leben aller Menschen in Erimus, ist von absoluter Gleichförmigkeit geprägt – so war zumindest mein Empfinden. Einer Gleichförmigkeit, die für Luke Stabilität und Verlässlichkeit bedeutet, aber dem Leser subtil deutlich macht, dass wir es hier mit einer "1984"-artigen Gesellschaft zu tun haben. Schlafen, arbeiten und wieder von vorn. Dazwischen kleine Freiräume für bescheidenes Glück in den eigenen vier Wänden – für manche, nicht für alle.
Ein Absatz, der das grandios darstellt, ist auf der eBook-Position 66/802 zu finden:
„Er hatte sich mit müdem Gesicht zwischen andere müde Gesichter gequetscht, viele von ihnen waren auf dem Weg zur Arbeit, einige wenige, so wie er, auf dem Heimweg gewesen.
Eine immer gleiche Tristesse, deren schaler Geschmack sich auf die Atemluft im Inneren des Busses niedergeschlagen zu haben schien.
Die Luft war dick gewesen, hatte träge über ihnen gehangen und nur gelegentlich war etwas unverbrauchter Sauerstoff hineingeströmt, wenn ein paar der müden Gesichter an einer Haltestelle gegen einen neuen Schwung müder Gesichter getauscht worden waren.“
ZWEITENS zeigt "Sanaris" das Individuum "Luke" in einer greifbaren Zerreißprobe: Das moralisch Richtige versus das gesellschaftlich Geforderte, die einander ausschließen. Dieser Kampf, dieses Ringen mit sich selbst, ist emotional fühlbar und für mich völlig glaubwürdig dargestellt. Luke, der verlässliche Nachtwächter, der eigentlich viel mehr weiß, als er offen zugibt; der vorzieht, zu schweigen und damit das Interesse seiner Vorgesetzten weckt, die genau jemanden wie ihn suchen: pflichtbewusst und angepasst. Lukes Zögern, das moralisch Richtige zu tun, hat ihn (erstaunlicherweise) in meinen Augen nie schwach wirken lassen, sondern machte ihn nur zu einem verlässlichen, liebenden Partner.
DRITTENS ist "Sanaris" auf eine traurige Weise so aktuell wie kaum ein anderes Buch in meiner (digitalen) Bibliothek. Es beschreibt eine durchaus wahrscheinliche Zukunft, die einerseits einen Planeten zeigt, der durch massive Umweltschäden so gut wie unbewohnbar geworden ist und andererseits eine Gesellschaft, in der Corporate Governance und Shareholder Value alle demokratischen Prozesse abgelöst oder zumindest weitgehend ausgehöhlt haben.
Man mag Zweifel am Klimawandel haben, aber bebaute Flächen weiten sich stetig aus, Erosion durch extensive Landwirtschaft und Viehzucht, Verseuchung und Überfischung der Meere, zunehmender Wassermangel, Brandrodung – alles offensichtliche Dinge, für deren Beobachtung man kein Experte sein muss.
Und genau so sieht es jenseits von Erimus aus.
In Erimus selbst herrscht der Pharmakonzern "Sanaris" mit den Methoden eines technokratischen Überwachungsstaates, auch das hätte nicht anschaulicher dargestellt werden können. Aktueller geht es nicht.
Pointiert ist das auf Position 481/802 zusammengefasst: „Kein Impfstoff, kein Profit. So lautete die einfache Rechnung in Wennigers Universum. Und es gab in diesem Universum kein Leben, das es wert war, über den Profit gestellt zu werden.“
FAZIT
Nach "TabulaRasa" von Gregg Irol, die zweite Dystopie, die hochaktuell und sehr präzise den Finger in die Wunde legt. #Sanaris zeigt auf ergreifende Weise den Menschen im moralisch-gesellschaftlichen Spannungsfeld zwischen Ideal und Wirklichkeit. Eine Romanwelt, die leider eine realistische Zukunft entwirft, wenn wir nicht gegensteuern, durch politisches Engagement, informierte Entscheidungen, Vernetzung und am Ende: Rebellion. Denn letztlich sind wir alle "Luke".
Eine großartige und beängstigend realistische Dystopie - Leseempfehlung!
Buchtelei aus Frankfurt am 26.07.2024
Bewertungsnummer: 2253475
Bewertet: eBook (ePUB)
In einer dystopisch gezeichneten Welt ist das Leben stark durch die klimatischen Veränderungen geprägt. Ein neuer Staat wurde kreiert, indem die Anzahl der Bewohner strikt vorgegeben wird, um alle ausreichend ernähren zu können. Täglich nehmen sie Vitamine ein um Erkrankungen auszumerzen und werden dabei überwacht. Doch diese Vitamine stammen aus einem Labor, in dem unheilvolles geschieht. Und in dem der Nachtwächter Luke arbeitet, der als interessanter Charakter ungewollt zu tiefe Einblicke erhält.
Diese kreierte Welt ist dabei erschreckend realitätsnah, was einen absoluten Anreiz darstellt, die Geschichte erfahren zu wollen. Ich persönlich mag es, wenn Bücher direkt mit einem Ereignis starten, anstatt eines langsamen Einstiegs in die Geschichte. Das ist hier sehr gut gelungen. Kombiniert mit einem sehr gut lesbaren Schreibstil war ich schnell drin und empfand es bis zum Ende als spannend .
Die Charaktere sind sehr gut vorstellbar als auch nachvollziehbar beschrieben. Die gesamte Geschichte wird aus ihren verschiedenen Perspektiven beschrieben, was ich als absoluten Mehrwert empfand.
Die Tatsache, dass ich am Ende das Gefühl hatte, hier hätte sogar noch mehr ge- und beschrieben werden können, zeugt von einer wirklichen guten Story. Das Ende kam mir fast zu schnell.
Kurzum - wer gerne Dystopien liest, muss Sanaris unbedingt gelesen haben! Alle anderen empfehle ich sich auf diese Welt einzulassen. Es erweitert den Horizont und bietet Anlass über die Zukunft nachzudenken.
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