Iona, hochschwanger und obdachlos, bricht eines Nachts bei strömendem Regen in ein leerstehendes Haus in einem süddeutschen Dorf ein. Sie sucht dort ihren Vater Tahvo, den sie nie kennengelernt hat, nie kennenlernen wollte. Doch nun braucht sie Geld. Tahvo aber ist verschwunden - stattdessen trifft Iona auf seine Nachbarin. Tine, die ihre Adoptivtochter über alles liebt, aber nie verwunden hat, keine leiblichen Kinder bekommen zu können, hatte eine Affäre mit Tahvo, und sie vermisst ihn. Karolin, die Tavho vor vielen Jahren in Berlin kannte, führt die einzige Gaststätte des Dorfes. Auch sie kämpft mit den Geistern der Vergangenheit und ihren Erinnerungen.
Die drei Frauen machen sich auf in Tahvos Heimat Finnland, um dort nach ihm zu suchen. Auf der Reise geraten ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Mutterschaft, vom Leben und davon, wer Tahvo eigentlich ist, mehr und mehr aneinander. Aber sie machen auch die Erfahrung, dass es nicht der abwesende Mann ist, der ihre Leben bestimmt, und dass sie manche Illusionen besser begraben sollten.
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Ein tiefgründer Roman mit…
Ste am 11.05.2022
Bewertungsnummer: 2769599
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein tiefgründer Roman mit einem interessanten Figurengeflecht Inhalt: Die hochschwangere Iona steht vor dem Haus von Tahvo, ihrem Vater, den sie noch nie getroffen hat. Doch auf ihr Klingeln reagiert niemand. Kurzerhand bricht sie in das Haus ein. Allerdings bleibt der Einbruch nicht lange unbemerkt: Tine, eine Nachbarin, die eine besondere Beziehung zu Tahvo hat, wird bei Iona vorstellig. Da Tahvo verschwunden bleibt, begeben sich die beiden auf Spurensuche. Und ehe sie es sich versehen, schließt sich eine dritte Frau der Suche an… Persönliche Meinung: „Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut“ ist ein Roman von Marie Malcovati. Erzählt wird die Handlung von einem auktorialen Erzähler, der wechselweise Leben und Gedankenwelt der drei weiblichen Figuren (Iona, Tine und Karolin), die Tahvos Verbleib nachspüren, beleuchtet. Gerade zu Beginn der Handlung ist die Beziehung der drei suchenden Frauen, die gewissermaßen eine Schicksalsgemeinschaft bilden, eher durch rivalisierende Gedanken geprägt. Einziger gemeinsamer Bezugspunkt ist zunächst allein die Suche nach Tahvo, der Abdrücke in jedem der drei Leben hinterlassen hat. Je weiter der (unfreiwillige) Road-Trip jedoch voranschreitet, desto stärker entwickeln sich Sympathien zwischen den dreien. Was Iona, Tine und Karolin bewegt, was genau sie antreibt, bleibt anfangs eher offen und wird erst sukzessiv deutlich: Nach und nach, in Vergangenheitssequenzen, werden die Hintergrundgeschichten der drei weiblichen Figuren erzählt, wodurch sich eine latente Spannung durch den Roman zieht. Tahvo, gewissermaßen das Ziel der Handlung, ist im Vergleich zu den Protagonistinnen schemenhaft gezeichnet. Er agiert fast nur in den Vergangenheitssequenzen und bleibt – bis zuletzt – in einem diffusen Licht. Nicht Tahvo ist Kern des Romans, sondern die Lebenslinien von Iona, Tine und Karolin, die sich an einem bestimmten Punkt mit Tahvos Linie überschnitten. Auch der Erzählstil von Marie Malcovati hat mir sehr gut gefallen. Er ist immer klar und deutlich, zugleich poetisch und psychologisch-sezierend. So werden vergangene und gegenwärtige Problemlagen der Figuren geöffnet, innere Konflikte ausgefochten, Brüche im Leben thematisiert und traumatische Ereignisse behandelt. Dabei finden sich immer wieder tiefgründige Gedanken, die auch jenseits der Denke der einzelnen Figuren Relevanz besitzen. Insgesamt ist „Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut“ ein sprachlich schöner, tiefgründiger Roman mit einem interessanten Figurengeflecht.
Für immer verbunden
ausgebucht.blog am 08.03.2022
Bewertungsnummer: 1671440
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Bei wundersamen Buchtiteln ist ja mein Interesse immer sofort geweckt, so auch hier, und so lang der Buchtitel, so kurz ist dieses Buch, in dem doch so viel erzählt wird von drei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.
Iona, Tine und Karolin. Alle tragen sie schwer an ihrer Vergangenheit. Ihnen ist und war es aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht möglich, ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Zu sehr beeinflussten sie die Verhältnisse der Kindheit und ihre Beziehungen zu Männern und letztendlich am meisten, der Verlust von Beziehungen, von dem, was man Familie nennen würde.
Was sie vereint ist, dass Mutterschaft in ihrer Wunschvorstellung und in der Realität divergieren. Eine konnte nie ein gesundes Kind zur Welt bringen, es war ihr jedoch möglich, ein Kind zu adoptieren. Eine hatte einst ein Kind, welches sie durch ein Unglück verlor. Eine ist schwanger und möchte dieses Kind nicht.
Sie alle verbindet aber noch etwas, vielmehr jemand. Tahvo.
Als jedes dieser Leben aus den Angeln gerät, suchen sie gemeinsam den einen, der ihrem Leben einen Sinn gab, gibt und geben soll. In der Abgeschiedenheit der Wildnis Finnlands finden sie schließlich aber vor allem sich selbst.
Marie Malcovatis wunderschöne Sätze haben mich angesprochen, aus so vielen verschiedenen Gründen. Es ist herzzerreißend, in die Seelen dieser Frauen zu blicken, ihr Scheitern und Versagen berührt, und ist doch nie hoffnungslos. Ich liebe die Traurigkeit, die Atmosphäre, die Melancholie. In sanfter, zarter Sprache schafft es die Autorin, eindrücklich, Trauer, Schmerz und Wut der Figuren zu vermitteln. Die Charaktere sind ungekünstelt und für die Kürze des Romans mit nur etwas über 200 Seiten präzise gezeichnet.
Vieles bleibt letztendlich offen, ungesagt, ungeklärt. Womöglich macht grade das die Glaubhaftigkeit aus. Alle drei haben ihre eigenen Geschichten, sie begannen vor den ersten Seiten, und nach der letzten Seite gehen sie weiter. So etwas liebe ich.
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