Manja ist 17 Jahre alt und lebt im Leipzig der 1980er Jahre. Ihre beste Freundin Maxie und sie schwänzen die Schule, brechen in Schrebergärten ein und treffen sich im Freibad oder auf dem Rummel mit Jungs, bis Manja im Zimmer des Vertragsarbeiters Manuel von der Volkspolizei erwischt wird und auf die Venerologische Station für Frauen mit Geschlechtskrankheiten kommt. Eingewoben in den Roman sind auch Erlebnisse von Lilo, die in den 1940er Jahren an diesem Ort festgehalten wurde, da sie mit ihrem Vater für den kommunistischen Widerstand gearbeitet hat, und der Sozialarbeiterin Robin, die in den 2010er Jahren in diesem Haus – nun eine Unterkunft für Geflüchtete – tätig ist. Der Roman »Herumtreiberinnen« erzählt die Geschichten von drei jungen Frauen aus verschiedenen Zeiten und stellt die Frage, welchen Einfluss diese Zeit und die jeweilige Staatsform auf ihre Leben hatten. Ein Haus in der Leipziger Lerchenstraße ist das verbindende Element der drei Erzählstränge.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
aus Nentershausen
5/5
16.03.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Gebäude verbindet
Nachdem mich "Nichts, was uns passiert" von der Autorin Bettina Wilpert begeistern konnte, war ich gespannt auf ihren zweiten Roman, der am Weltfrauentag erschienen ist.
"Herumtreiberinnen" erzählt von drei Frauen in unterschiedlichen politischen Systemen.
Den Hauptteil nimmt die 17 jährige Manja ein. Sie wird in den 1980er Jahren in Leipzig gegen ihren Willen und ohne Grund in die Verenologoschen Station eingewiesen. Unter dem Deckmantel, dass Geschlechtskrankheiten geheilt werden sollten, werden dort Frauen eingesperrt, die dem politischen Regime nicht gefallen. Dort erlebt sie Gewalt und Züchtigung.
In dem gleichen Gebäude in dem Manja festsitzt, wird Lilo in den 1940er Jahren festgehalten. Sie half ihrem Vater, einen Kommunisten, bei kleineren Aktionen und ist aufgeflogen.
2015 arbeitet Robin in diesem Haus. Sie ist Sozialarbeiterin und betreut dort geflüchtete Menschen und kämpft mit dem Gesetzt sowie mit alltäglichen Problemen.
Was für eine tolle Idee die Autorin doch hatte. Drei starke Frauen zu unterschiedlichen Zeiten, die durch ein Gebäude miteinander verbunden sind. Die Geschichten sind spannend erzählt, sehr berührend und machen wütend. Besonders Lilo und Manja litten sehr. Es zeigt auf, wie eine bestimmte Staatsform Einfluss auf das Leben dieser jungen Frauen hatte.
Besonders schockiert war ich, dass ich über die Verenologoschen Stationen keine Ahnung hatte. Vielen Dank, Frau Wilpert, dass Sie darauf aufmerksam machen.
Für mich eine riesengroße Empfehlung, lest beide Bücher der Autorin, es wird euch bereichern!
Bewertung
4/5
01.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wichtiges Thema, nicht ganz rund erzählt
Herumtreiberinnen verhandelt die Situation an den Rand gedrängter Frauen im Osten Deutschlands.
Den Mittelpunkt bildet die 17jährige Manja in den 80er Jahren. Sie lernt die freigeistige Maxi kennen, trampt mit ihr und geht mit dem mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel eine Beziehung ein. Sie landet in der Lerchenstraße, jenem Ort, der die verschiedenen Zeitebenen des Romans zusammenführt.
In der DDR befindet sich in der Lerchenstraße eine geschlossene venerologische Station für "Herumtreiberinnen". Manja wird dort festgehalten, wird immer wieder gynäkologisch untersucht. Sie wird der brutalen "Erziehung" zugeführt, wieder ein brauchbares Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu werden.
Zu Zeiten des Nationalsozialismus ist in der Lerchenstraße ein Übergangslager für Zwangsarbeiter:innen, Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma und "Asoziale". Hier landet Lilu, das Kind eines "Roten" und erfährt wie Manja Freiheitsentzug und Gewalt.
In den 2000ern ist in der Lerchenstraße ein Wohnheim für Geflüchtete. Ronja ist Sozialarbeiterin und bemüht sich um gute Bedingungen für die Bewohner:innen, was nur begrenzt gelingen kann. Sie stößt auf alte Akten und beschäftigt sich mit der Vergangenheit des Hauses.
Die zeitlichen Ebenen sind miteinander verwoben, alle drei Frauen sind ähnlich alt, ähnlich klug, ähnlich suchend. Es verschränken sich individuelle Geschichten mit der Zeitgeschichte, denn, wie es für sie ausgeht, ist im Kontext der Verhältnisse zu sehen.
An der einen oder anderen Stelle stolperte ich über den Aufbau und einiges blieb für mich nicht ganz rund. Dennoch empfehle ich Herumtreiberinnen, sogar sehr, denn es leistet wichtige Aufklärungsarbeit zu deutscher Geschichte und Gegenwart, zu Gewalt und Ausgrenzung in ihrer Kontinuität, nicht nur örtlich und es macht nachdenklich.
Kata_____Lović
aus Bremen
4/5
01.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Herumtreiberinnen verhandelt…
Herumtreiberinnen verhandelt die Situation an den Rand gedrängter Frauen im Osten Deutschlands. Den Mittelpunkt bildet die 17jährige Manja in den 80er Jahren. Sie lernt die freigeistige Maxi kennen, trampt mit ihr und geht mit dem mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel eine Beziehung ein. Sie landet in der Lerchenstraße, jenem Ort, der die verschiedenen Zeitebenen des Romans zusammenführt. In der DDR befindet sich in der Lerchenstraße eine geschlossene venerologische Station für "Herumtreiberinnen". Manja wird dort festgehalten, wird immer wieder gynäkologisch untersucht. Sie wird der brutalen "Erziehung" zugeführt, wieder ein brauchbares Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu werden. Zu Zeiten des Nationalsozialismus ist in der Lerchenstraße ein Übergangslager für Zwangsarbeiter:innen, Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma und "Asoziale". Hier landet Lilu, das Kind eines "Roten" und erfährt wie Manja Freiheitsentzug und Gewalt. In den 2000ern ist in der Lerchenstraße ein Wohnheim für Geflüchtete. Ronja ist Sozialarbeiterin und bemüht sich um gute Bedingungen für die Bewohner:innen, was nur begrenzt gelingen kann. Sie stößt auf alte Akten und beschäftigt sich mit der Vergangenheit des Hauses. Die zeitlichen Ebenen sind miteinander verwoben, alle drei Frauen sind ähnlich alt, ähnlich klug, ähnlich suchend. Es verschränken sich individuelle Geschichten mit der Zeitgeschichte, denn, wie es für sie ausgeht, ist im Kontext der Verhältnisse zu sehen. An der einen oder anderen Stelle stolperte ich über den Aufbau und einiges blieb für mich nicht ganz rund. Dennoch empfehle ich Herumtreiberinnen, sogar sehr, denn es leistet wichtige Aufklärungsarbeit zu deutscher Geschichte und Gegenwart, zu Gewalt und Ausgrenzung in ihrer Kontinuität, nicht nur örtlich und es macht nachdenklich.
Bewertung
4/5
10.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von der gesellschaftlichen und juristischen Sanktionierung weiblicher Unangepasstheit
Drei Frauen, drei historische Momente und ein Gebäude in der Lerchenstraße in Leipzig. Die "Lerchenstraße" eint nicht nur diese Frauen, sondern bildet eine Konstante gesellschaftlicher Marginalisierung und Ausgrenzung im Deutschland der letzten 80 Jahre.
Da ist Lilo, die sich in den 1940ern ihrem Vater im kommunistischen Widerstand anschließt und dafür festgenommen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist die "Lerchenstraße" ein Unterbringungsort vor allem für politische Gefangene der Nationalsozialisten.
Da ist Manja, die sich in der DDR der 1980er in den Vertragsarbeiter Manuel aus einem "Bruderstaat" verliebt, von der Volkspolizei erwischt und in der Lerchenstraße - nun Venerologische Station für Frauen mit Geschlechtskrankheiten oder umgangssprachlich "Tripperburg" - weggesperrt wird.
Und zuletzt Robin, die als Sozialarbeiterin in der Gegenwart im Gebäude, das in der Gegenwart der Unterbringung Geflüchteter dient, arbeitet.
Der Fokus des Buchs liegt dabei deutlich auf Manja und der Art und Weise, wie die DDR mit unangepassten Frauen umging, sie kriminalisierte, wegsperrte und versuchte, umzuerziehen. Da ihr Freund Manuel Schwarz ist, richtet dieser Teil des Plots zugleich auch den Blick auf den Rassismus innerhalb der DDR- die natürlich offiziell niemals nicht rassistisch war, auch wenn die Forschung mittlerweile sehr deutlich macht, dass das nicht stimmt.
Mit "Herumtreiberinnen" gelingt es der Autorin Bettina Wilpert nicht nur, ein sehr wenig bekanntes Stück deutscher Geschichte, nämlich die Existenz dieser "Venerologischen Stationen" in der DDR, zu beleuchten. Die Erzählung von drei "Herumtreiberinnen", jede auf ihre Art unangepasst und mit einer spezifischen politischen Umgebung und gesellschaftlichen Normen konfrontiert und im Versuch, sich zu befreien, entwirft auch eine generationenübergreifende, abstrakte Solidarität, schreibt eine weibliche Sicht auf die Geschichte eines einengenden Ortes.
Dieser Ort, der unter anderem Namen real existiert, verweist zugleich auch auf die historische Bedeutung städtischer Gebäude, die sich wandelt, vergessen wird, je nach historischem Kontext aber zugleich symbolträchtig und politisch relevant ist. Und er zeigt auf, dass auch Gebäude, deren historische Bedeutung zeitweise in Vergessenheit gerät, mitunter gruselig konstant genutzt werden können.
Wilperts Sprache und Figurenentwurf mochte ich wie schon bei ihrem Debut sehr. Die Figuren sind ausgearbeitet, nahbar und ihre Träume berühren beim Lesen. Man merkt schnell, dass viel Herzblut im Buch steckt.
Etwas schade fand ich, dass durch die Fülle von Themen manche Inhalte sehr kurz kamen. Während Manjas Geschichte klar im Vordergrund steht und Lilos Geschichte sich ebenfalls entfalten kann, wirkt Robin mitunter mehr als Rahmung, wird ihre Geschichte nur angedeutet. Auch andere spannende Themenfelder - Punks in der DDR, der DDR-Umgang mit Prostitution - hätten gern auf einigen weiteren Seiten behandelt werden dürfen. Gerade im letzten Teil ging mir manches etwas schnell, fehlten mir manche Figuren vom Beginn der Handlung.
Trotzdem ist der Roman insgesamt sehr eindrücklich und in jedem Fall lesenswert. Das Buch wirft viele Fragen auf, verweist auf Leerstellen des historischen Wissens und der historischen Aufarbeitung und regt zur Diskussion an. Zugleich bietet es eine Interpretation der deutschen Geschichte aus weiblich-unangepasster Sicht und ist dabei so mitreißend wie traurig. Bettina Wilpert weckt gekonnt diverse Emotionen in ihren Leser*innen und legt zugleich den Finger in die Wunde, wenn es um historisches Wissen und insbesondere gesamtgesellschaftliche Wissenslücken geht.
MrsCatastropy
aus Köln
4/5
10.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Drei Frauen, drei historische…
Drei Frauen, drei historische Momente und ein Gebäude in der Lerchenstraße in Leipzig. Die "Lerchenstraße" eint nicht nur diese Frauen, sondern bildet eine Konstante gesellschaftlicher Marginalisierung und Ausgrenzung im Deutschland der letzten 80 Jahre. Da ist Lilo, die sich in den 1940ern ihrem Vater im kommunistischen Widerstand anschließt und dafür festgenommen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist die "Lerchenstraße" ein Unterbringungsort vor allem für politische Gefangene der Nationalsozialisten. Da ist Manja, die sich in der DDR der 1980er in den Vertragsarbeiter Manuel aus einem "Bruderstaat" verliebt, von der Volkspolizei erwischt und in der Lerchenstraße - nun Venerologische Station für Frauen mit Geschlechtskrankheiten oder umgangssprachlich "Tripperburg" - weggesperrt wird. Und zuletzt Robin, die als Sozialarbeiterin in der Gegenwart im Gebäude, das in der Gegenwart der Unterbringung Geflüchteter dient, arbeitet. Der Fokus des Buchs liegt dabei deutlich auf Manja und der Art und Weise, wie die DDR mit unangepassten Frauen umging, sie kriminalisierte, wegsperrte und versuchte, umzuerziehen. Da ihr Freund Manuel Schwarz ist, richtet dieser Teil des Plots zugleich auch den Blick auf den Rassismus innerhalb der DDR- die natürlich offiziell niemals nicht rassistisch war, auch wenn die Forschung mittlerweile sehr deutlich macht, dass das nicht stimmt. Mit "Herumtreiberinnen" gelingt es der Autorin Bettina Wilpert nicht nur, ein sehr wenig bekanntes Stück deutscher Geschichte, nämlich die Existenz dieser "Venerologischen Stationen" in der DDR, zu beleuchten. Die Erzählung von drei "Herumtreiberinnen", jede auf ihre Art unangepasst und mit einer spezifischen politischen Umgebung und gesellschaftlichen Normen konfrontiert und im Versuch, sich zu befreien, entwirft auch eine generationenübergreifende, abstrakte Solidarität, schreibt eine weibliche Sicht auf die Geschichte eines einengenden Ortes. Dieser Ort, der unter anderem Namen real existiert, verweist zugleich auch auf die historische Bedeutung städtischer Gebäude, die sich wandelt, vergessen wird, je nach historischem Kontext aber zugleich symbolträchtig und politisch relevant ist. Und er zeigt auf, dass auch Gebäude, deren historische Bedeutung zeitweise in Vergessenheit gerät, mitunter gruselig konstant genutzt werden können. Wilperts Sprache und Figurenentwurf mochte ich wie schon bei ihrem Debut sehr. Die Figuren sind ausgearbeitet, nahbar und ihre Träume berühren beim Lesen. Man merkt schnell, dass viel Herzblut im Buch steckt. Etwas schade fand ich, dass durch die Fülle von Themen manche Inhalte sehr kurz kamen. Während Manjas Geschichte klar im Vordergrund steht und Lilos Geschichte sich ebenfalls entfalten kann, wirkt Robin mitunter mehr als Rahmung, wird ihre Geschichte nur angedeutet. Auch andere spannende Themenfelder - Punks in der DDR, der DDR-Umgang mit Prostitution - hätten gern auf einigen weiteren Seiten behandelt werden dürfen. Gerade im letzten Teil ging mir manches etwas schnell, fehlten mir manche Figuren vom Beginn der Handlung. Trotzdem ist der Roman insgesamt sehr eindrücklich und in jedem Fall lesenswert. Das Buch wirft viele Fragen auf, verweist auf Leerstellen des historischen Wissens und der historischen Aufarbeitung und regt zur Diskussion an. Zugleich bietet es eine Interpretation der deutschen Geschichte aus weiblich-unangepasster Sicht und ist dabei so mitreißend wie traurig. Bettina Wilpert weckt gekonnt diverse Emotionen in ihren Leser*innen und legt zugleich den Finger in die Wunde, wenn es um historisches Wissen und insbesondere gesamtgesellschaftliche Wissenslücken geht.
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