Ein welthistorisches Ereignis jährt sich zum 100. Mal: der Brand von Smyrna, der legendären Hafenstadt des Osmanischen Reichs. Zehntausende Menschen kamen dabei 1922 ums Leben. Die blühende Metropole, das heutige Izmir, wurde völlig zerstört. Auf den türkisch-griechischen Krieg folgte ein Bevölkerungsaustausch, bei dem fast zwei Millionen Christen und Muslime aus ihrer Heimat fliehen mussten und der als Blaupause für alle ethnischen Säuberungen des 20. Jahrhunderts dienen sollte.
Während der aktuellen Flüchtlingskrise reist Lutz C. Kleveman ein Jahr lang auf die griechischen Inseln und nach Izmir - über Grenzen und durch die Zeit. Dabei entdeckt er das historische Smyrna wieder, wo Griechen, Türken, Juden, Armenier, Europäer und Amerikaner einst friedlich zusammenlebten. Er lässt die kosmopolitische Metropole erzählerisch auferstehen und uns verstehen, wie es zur Katastrophe von 1922 kommen konnte. Einer Katastrophe, die Europa für immer verändern sollte.
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Dieses Jahr jährt sich der Untergang der Stadt Smyrna zum 100sten Mal
Bewertung am 01.06.2022
Bewertungsnummer: 1722387
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Sagt Ihnen die Stadt Smyrna in der heutigen Türkei etwas? Und wissen Sie, was am 09. September 1922 dort passiert ist? Wahrscheinlich nicht, denn dieses Verbrechen an der Menschheit wird heute noch gerne von allen, die daran unmittelbar und mittelbar beteiligt waren, totgeschwiegen. Wahrscheinlich hätte ich darüber auch nichts gewusst, wäre dieses Thema nicht auch in einigen Romanen, die ich gelesen habe, aufgetaucht. Als ich dann bei Aufbau diesen Titel entdeckte, war mir klar, dass ich das Buch haben musste, um endlich mehr über dieses Massaker und die Hintergründe zu erfahren.
Lutz C. Kleveman sagte mir als Autor persönlich nichts, da ich ja leider nicht so oft geschichtliche Sachbücher lese. Aber seine Vita, die sie auch hier bei Thalia.de finden können, spricht schon für ihn.
Der Autor hat das Buch sehr geschickt aufgebaut, so dass es sich ausgesprochen gut lesen lässt und nicht trocken ist Er beginnt in der Gegenwart und erzählt von seiner Reise nach Griechenland im Jahr 2020, dem Jahr, in dem Corona unser aller Leben veränderte. Plötzlich stand in allen Zeitungen und Zeitschriften nur noch etwas zu diesem Virus. Die Flüchtlingskrise, die zuvor das Hauptthema war, wurde dadurch fast unsichtbar. Doch Lutz C. Kleveman interessierte sich für die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln. Doch bei seiner Recherche ist er auch auf das Thema Smyrna und den darauf folgenden Bevölkerungsaustausch, bei dem fast zwei Millionen Christen und Muslime aus ihrer Heimat fliehen mussten, gestoßen und hat beide Themen miteinander verbunden, wobei der Konflikt der Griechen und Türken im Osmanischen Reich zwischen dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1922 den Hauptteil des Buches einnimmt.
Er reist hauptsächlich zwischen der heutigen griechischen Insel Chios und dem heutigen Izmir (ehemals Smyrna) hin und her. Er informiert sich in Bibliotheken und liest alte Unterlagen, die er dort finden kann. Außerdem trifft er viele Bewohner der beiden Orte, die ihm noch etwas zu der Geschichte erzählen können. Dies sind Griechen und Türken, aber auch Levantiner und Juden. Es ist eine unglaubliche Geschichte, bei der viele Menschen Blut an den Händen behalten haben.
Chios als auch Smyrna waren zu ihren Zeiten Metropolen im Osmanischen Reich, wo viele Menschen aus verschiedenen Nationen und Religionen zusammengelebt haben. Es lebten dort überwiegend muslimische Türken, überwiegend orthodoxe Christen, Juden, Armenier und reiche Handelsleute aus überwiegend Frankreich und England. Sie lebten in ihren eigenen Vierteln, gingen aber friedlich miteinander um und heirateten z.T. sogar außerhalb ihrer eigenen Community. Doch immer wieder kam es zu Konflikten speziell zwischen den Griechen und den Türken, die eskalierten. So fand 1822 ein großes Massaker auf Chios statt und 100 Jahre später in Smyrna. Die Stadt wurde angezündet, wobei sich heute noch die Türken und Griechen streiten, wer daran schuld war. Fakt ist aber, dass die orthodoxen Christen und die Armenier vertrieben wurden. Sie wurden bestialisch auf der Flucht ermordet oder ihre Flucht endete direkt am Hafen, wo es keine Schiffe gab, die sie aufnehmen wollten. So wurden sie von der einen Seiten vom Feuer bedroht und auf der anderen vom Meer. Etwas entfernt im Hafen lagen Kriegsschiffe der Amerikaner, Engländer und Franzosen. Aber sie hatten die Order, sich nicht einzumischen. Es gab nur wenige Helden und Heldinnen, die den verzweifelten Menschen halfen. Aber diesen Menschen setzt Lutz C. Kleveman in seinem Buch ein Denkmal.
Wer sich in Romanform für dieses Thema interessiert, denen kann ich die folgenden Bücher sehr empfehlen:
Lydia Conradi „Das Haus der Granatäpfel“ (nur noch als e-book)
Victoria Hislop „Eine Geschichte von Liebe und Feuer“ (nur noch als e-book)
Louis de Benières „Birds without Wings“ (leider neu nur noch in Englisch, der deutsche Titel war „Traum aus Stein und Federn“)
Antonia Arslan „Skylark Farm (leider neu nur noch in Englisch, der deutsche Titel war „Das Haus der Lerchen“)
Der Autor vermischt die Geschichte der Vergangenheit mit der heutigen Situation in Izmir und auf Chios und zieht Parallelen zu den heutigen Flüchtlingen. Es ist ein Buch, welches aufklärt und eine Tragödie aufzeigt, die gerne vergessen wird. Es liest sich ausgesprochen interessant durch die zitierten Zeitzeugen der damaligen Zeit, als auch durch die Gespräche mit den Menschen aus der Gegenwart. Es rüttelt an dem Bild Atatürks, denn er war der damalige Befehlshaber, der für den Untergang Smyrnas verantwortlich war. Abgerundet wird das Buch durch einen umfangreichen Bildteil. Und natürlich gibt es weiterführende Literaturhinweise, sowie ein Sach- und Personenregister.
Wer sich für den noch immer bestehenden Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei interessiert, findet hier auf gut lesbare Weise viel Hintergrundwissen. Ich kann dieses Buch nur empfehlen, auch wenn es ein sehr trauriges Kapitel in der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist.
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