Die einen fordern, dass Menschen zugunsten von Tieren sterben müssten. Die anderen bezeichnen Säuglinge, Behinderte und Demente als Nicht-Personen, deren Leben wertlos und teuer sei. Dritte verklären den Kampf ums Dasein, Kapitalismus und Sexismus als natürliche Gesellschaftsform.
Wie passen Linke mit solchen Positionen, mit Euthanasie, Anti semitismus und Antihumanismus zusammen? Eigentlich gar nicht, sollte man meinen. Ein solches Crossover ist in der Linken jedoch nicht neu. Die kritische Darstellung und Analyse von aktuellen und historischen Strömungen, die biologistische und sozialdarwinistische Ansichten vertreten, ist das Thema dieses Buches. Bierl spricht von einer darwinistischen Linken in Abgrenzung zu einer emanzipatorischen Linken, die kritisch-materialistische Positionen vertritt. Dabei handelt es sich weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart um eine geschlossene Doktrin, sondern ein Konglomerat von Gruppen und Personen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Facetten, Widersprüchen und Konflikten. Peter Bierl unterzieht dieses Konglomerat einer genauen Analyse.
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Vom feinen Unterschied zwischen reaktionärem und emanzipatorischem Denken
Bewertung am 11.09.2022
Bewertungsnummer: 1784533
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Rassismus, Essentialismus, Esoterik - das sind Einstellungen, die die politische Linke überwunden haben will. Doch die Realität sieht anders aus: Israelbezogener Antisemitismus, platte und verschwörungstheoretische Kapitalismuskritik, Behindertenfeindlichkeit, (positiver) Rassismus und diverse Biologismen finden sich in "unseren" Reihen ebenso wie Anthroposophie und ein oft seltsam anmutendes Religionsverständnis zwischen absoluter Ablehnung und unkritischer Affirmation.
Mit "Unmenschlichkeit als Programm" macht sich Peter Bierl, Journalist und Autor, daran, das geschönte linke Selbstbild zu dekonstruieren und reaktionäre, menschenverachtende Positionen auch in scheinbar progressiven Positionen aufzuzeigen. Angenehmerweise ist Bierls Kritik dabei zwar scharf, aber solidarisch: Es geht nicht um eine pauschale Ablehnung linker Positionen, sondern eine materialistische Kritik an solchen Positionen, die emanzipatorische Grundsätze gefährden. Das macht das Buch so frustrierend und ernüchternd wie relevant.
Die Themen des Buchs scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben: Tierrechtsbewegung, Soziobiologie, skeptischer Humanismus und Eugenik, Neue Rechte, völkisches Denken und Naturreligion. Und nicht nur das, möchte man meinen, was haben denn gerade die letzten vier Punkte mit "links" zu tun?
Sehr viel, wenn auch unabsichtlich - das wird beim Lesen schnell deutlich. Akribisch und differenziert setzt sich Bierl mit zahlreichen Quellen auseinander und arbeitet so die lange Tradition eugenischen Denkens heraus, die eben auch in progressiven Kreisen verbreitet war und ist. So war Aldous Huxleys Bruder Julian beseelt von der genetischen Perfektion der Menschen - Brave New World ist eine kritische Auseinandersetzung damit. Oder H.G. Wells, dessen "Time Machine" unterhaltsam daherkommt, obwohl die Morlocks durchaus einer Befürchtung Wells' entsprechen.
Was die heutige Tierrechtsbewegung damit zu tun hat? Hier knüpft Peter Bierl an die keinesfalls neue Kritik an einer der Tierrechtsikonen, Peter Singer, an. Dieser bezieht sich nämlich nicht nur auf Julian Huxley und begründet darüber eine Minderwertigkeit behinderter Menschen, sondern auch auf die Soziobiologie. Diese unterstellt einen starken genetischen Einfluss auf menschliches Verhalten. Einige ihrer Grundannahmen sind mittlerweile widerlegt, etwa die Annahme einer genetischen Determiniertheit. Umso verwunderlicher, dass sich auch humanistische Kreise auf die Soziobiologie beziehen, die den Menschen genau jene Besonderheiten (freier Wille, Vernunft) abspricht, die humanistische Kreise eigentlich hochhalten. Damit widersprechen sie ihren Kernforderungen, denn was bringt Religionsfreiheit, wenn die freie Entscheidung uns angeblich verwehrt ist.
Und auch sonst kritisiert Bierl einiges an gegenwärtigen humanistischen Strömungen, exemplarisch an der Giordano-Bruno-Stiftung. So beziehe sich deren Religionskritik überwiegend auf die monotheistischen Religionen, die pauschal abgelehnt werden - auch mittels antisemitischer und rassistischer Stereotype. Zwar ist die Abwehr jeder Religionskritik ebenfalls keine Lösung, doch vermisst Bierl hier die materialistische Fundierung. Zumal diese Abwehr monotheistischer Religionen im Namen der Vernunft häufig mit der Vorstellung einer davon abzugrenzenden, "natürlichen" Spiritualität einhergehe- das wiederum verweist auf eine mit Sicherheit häufig unreflektierte ideologische Nähe zur Extremen Rechten und deren Behauptung einer natürlichen, angeborenen Religion.
Das alles mag durch die Kürze dieser Rezension fraglich klingen, doch zeigt die Lektüre dieses Buchs, dass die von Bierl gezogenen Verbindungen durchaus existieren. Daher verbindet er die akribische Quellenarbeit mit einer radikalen Kritik linker Selbstbilder. Sein Rundumschlag ist daher sehr empfehlenswert für alle, die bestehendes Wissen um innerlinke Debatten vertiefen wollen. Nötig ist dafür allerdings die Bereitschaft, auch die eigenen Positionen ehrlich und kritisch zu hinterfragen. Auch Einsteiger*innen in diese Themen sei das Buch ans Herz gelegt - es ist aber ratsam, in diesem Fall mehr Zeit einzuplanen und an der ein oder anderen Stelle noch einmal selbst zu recherchieren, um Bierls Argumenten folgen zu können.
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