Ich will gar nicht auf die bewegenden Reflexionen des Schriftstellers eingehen, der sich nach Prag zurückgezogen hat, um an seinem Werk über einen Maler, der die Freude am Malen verloren hat, zu arbeiten, sondern auf einen wesentlichen Punkt, der mir bei dieser Novelle noch mehr als bei anderen Werken Bernigs auffiel:
Die absolut eigenständige Sprache besitzt einen gewaltigen Beschreibungsreichtum, ohne altmodisch oder ermüdend zu wirken. Sie zeigt die Verinnerlichung der Werke Stifters und Joseph Roths. Jörg Bernig hat seine literarischen Ahnen verinnerlicht und schöpft mit und aus Ihnen, seine Herkunft nicht verleugnend, sondern betonend, ohne aufdringlich zu sein oder belehrend wirken zu wollen. Dabei ist es immer wieder faszinierend zu erleben, wie seine Protagonisten von ihm zum Leben erweckt werden. Bernig ist selbst zum Meister geworden. Dabei ist immer wieder klar: dieser Dichter lebt in unserer Zeit und bedient sich keiner postmodernistischen oder ästhetisierenden Spielereien. Hintergrund der Reflexionen sind immer wieder, wie in anderen Werken Bernigs, Jugenderlebnisse und ihre Bedeutungen für das Erwachsenenleben. Diese umfassen die gesamte Bandbreite des Jugendalters: von naiver Unbeschwertheit bis zur bitteren Tragik. Bernig nimmt uns dorthin immer wieder mit und schildert auch, wie in seinen anderen Werken (ich kenne keine packendere und abstoßendere literarische Szene als den Ehebruch in „ANDERS“), komplexe zwischenmenschliche Beziehungen. Der „Wehrläufer“ besitzt darüberhinaus eine konstruktive Analogie zu den „Ansichten des Katers Murr.“
Ein immer wieder zentrales, aber auch durchschimmerndes Motiv in Bernigs Werken ist die Liebe zu Böhmen. Bernigs Auseinandersetzung mit Böhmen (deutsch wie tschechisch) ist niemals eine revanchistische. Er schildert eine stille Sehnsucht, ein stilles Beklagen eines kulturellen Verlustes für das Deutsch- aber auch das Tschechentum. Vor allen Dingen ist das Böhmenmotiv aber ein Bekenntnis einer aktiven Aussöhnung, Bernig ist wirklicher Europäer! Nicht vergessen und unterschätzt werden sollte, dass seine Werke eine zunehmende Verbreitung in der Tschechischen Republik und in Polen genießen! Bernig sucht in seinen Werken die Provinz, auch die Weltstadt Prag wird zur Provinz. Es wird einem als Leser stets wohl dabei, man ist sofort "vertraut" mit der Umgebung, auch wenn die tschechischen Straßennahmen einem fremd sein mögen. Die Jahre in England haben seinem Werk offensichtlich eine souveräne Lässigkeit, im Sinne einer Unverkrampftheit und des Mutes zur Kurzform (nämlich ohne die Thomas-Mannsche-Steifheit) und eine Bewusstmachung des Deutschtums in der Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Lebens als Ausländer beschert. Dass ganz nebenbei Kollegen und Kritikern aus der alten BRD ein Provinzialitätsvorwurf gegenüber dem Sachsen erschwert wurde (ein Vorwurf, der übrigens auch schon vor rund 160 Jahren Robert Schumann traf), ist ein glücklicher Nebeneffekt dieses England-Aufenthaltes. Bernig muss ernstgenommen werden!
In der Ausdrucksvielfalt, in seinen Vorbildern, in seinen geographischen Vorlieben ist der Sachse Bernig wahrscheinlich literarisch mehr bei den Österreichern als bei den Bundesdeutschen angesiedelt. Tagespolitisches oder kurzlebiges politisches Geplänkel kümmert ihn in seinen literarischen Kunstwerken wenig. Er greift nach den literarischen Sternen und bekommt sie tatsächlich zu fassen. Diese Novelle beweist, was ich seit „Weder Ebbe noch Flut“ und „Niemandszeit“ wusste: er ist ein Großer!
PD DR. Daniel Hensel – Komponist und Musikwissenschaftler
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