Eine junge Frau auf einer Insel der Komoren schenkt einem Jungen das Leben. Er hat ein schwarzes und ein grünes Auge, Zeichen eines Fluchs, wie sie glaubt. Verzweifelt bringt sie das Neugeborene auf gefährlicher Route übers Meer auf die Nachbarinsel Mayotte, die zu Frankreich gehört, und überlässt es dort der Krankenschwester Marie. Diese nennt den Jungen Moïse und gibt sich Mühe, dem Kind ein liebevolles Zuhause zu bieten. Doch als Marie unerwartet stirbt, ist Moïse auf sich allein gestellt. Er schliesst sich einer der Jugendbanden an, die die Strassen des Elendsviertels beherrschen, das alle Gaza nennen. Hier behauptet ihr Anführer Bruce mit Drogenhandel und roher Gewalt seine Autorität. Für Moïse eine neue Welt, die ihn auf der Suche nach seinen Wurzeln nicht mehr loslässt.
Nathacha Appanah erzählt mit poetischer Kraft von der brutalen Lebensrealität einer Jugend, die sich selbst überlassen ist. Sie rückt einen wenig beachteten Teil Frankreichs in den Fokus. Und nicht zuletzt ist ihr Roman auch eine Fabel über Abstammung und Identität.
Der Roman wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Prix France Télévisions und dem Prix Femina des lycéens. Ausserdem war er nominiert für den renommierten Prix Goncourt.
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Die Zweifarbigkeit der Welt oder Die Pforten der Wahrnehmung oder Illusorische Paradiese
Almut Scheller-Mahmoud am 28.01.2022
Bewertungsnummer: 1646459
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Tropische Inseln gelten als Elysium. Und schaut man sich die einschlägigen Reiseportale an, wird Mayotte, eine französische Insel des Komoren-Archipels im Indischen Ozean, als solches angepriesen und „verkauft“
Aber die Realität sieht anders aus. Das beschreibt die Autorin in ihrem Roman mit monologisierenden biographischen Fragmenten der fünf Protagonisten.
Da bilden sich die Schattenräume einer zweigeteilten, sozusagen zweifarbigen Welt –gesehen durch ein schwarzes und ein grünes Auge – schwarz/farbig vs. weiß, arm vs. reich, gebildet vs. ungebildet.
Das Leben des durch seine zweifarbigen Augen verfluchten Moïse verläuft die ersten Jahre in gradlinigen glücklichen Bahnen, Seine weiße Mutter, Marie, sieht in ihm ihren Wunsch nach einem eigenen Kind inkarniert, nachdem sie jahrelang, Monat für Monat, ihr Blut fließen sah. Ihre Ehe mit dem Einheimischen Chamsidine scheitert. Sie bleibt allein. Für seine biologische Mutter jedoch war das Baby mit einem schwarzen und einem grünen Auge verflucht, eine Inkarnation des Dschinn. Und so drückte sie ihn der nächstbesten weißen Frau, der Krankenschwester Marie, in die Arme, nachdem ihr die Flucht über das Meer nach „Frankreich“ gelungen war.
Doch das Schicksal will es anders und Moïses Leben mit Musik, dem immer wieder gehörten Chanson von Barbara „L’aigle noir“ und seinem tausendmal gelesenen Buch, das wie ein Talisman für ihn ist: „L’enfant et la rivière“, findet ein jähes Ende. Marie hatte endlich den Mut gefunden, ihm die Wahrheit zu erzählen: die Wahrheit über ihn und über sich selbst. Moïse verändert sich, immer wieder will er die „Geschichte“ in allen Details hören, er nennt Marie nicht mehr Mam, sondern bei ihrem Vornamen. Er macht ihr Vorwürfe, dass sie ihn gehindert hätte, sein wahres, sein eigentliches Leben zu leben. Er schwänzt die Schule. Und Maries andauernde Kopfschmerzen enden in einem Aneurysma. Sie kippt um: sie ist tot. Und das Leben zieht Moïse in einen Strudel von Gewalt, von Machtspielchen des ungekrönten jugendlichen Königs des Ghettos von Mayotte, Bruce. Und er wird konfrontiert mit seinem eigentlichen Leben, das er von Marie gefordert hatte. Im Ghetto von Gaza mit seinen umherschweifenden Jugendbanden, die stehlen, rauben, rauchen, trinken, sich mit „der Chemischen“ (einem Gemisch aus Tabak, Haschisch und weißen Pillen) voll dröhnen. Nun hat Moïse kein Zuhause mehr, kein Blechdach, auf dem der Regen die Sarabande tanzte, keine luftigen bunten Vorhänge, kein Duschgel und keine Schokolade mehr, keinen Garten mit seinem betörenden Duft. Nur seinen Rucksack, den Rucksack von Marie, der ihm nun als Kopfkissen diente.
Er ist und bleibt ein Außenseiter in diesem Elendsviertel, einer Favela, einem gewalttä-tigen Niemandsland. Ein Ort ohne Hoffnung. Und doch gehört es zu Mayotte, zu Frank-reich. Aber niemand kümmert es, was dort geschieht. Niemand kümmert sich um die Tausenden von illegalen Flüchtlingen, die in brüchigen Booten übers Meer kommen, wie eine glühende Energie, eine zerstörerische Woge. Alle wollen sie ins Paradies. Und alle Besuche von Politikern, alle Kampagnen und alle Reportagen änderten nichts an diesem Urzustand. Dass auch hier Menschen und besonders Kinder an den Stränden sterben.
Es gibt Zeiten, da ist Moïse fast glücklich, er raucht, singt und tanzt zum Tamtam, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Aber er weiß tief in seinem Inneren über die Destruktivität von Ghettos: alle stinken nach Urin und Scheiße, alle haben den gleichen Lärmpegel: das Schreien und Weinen hungriger Kinder.
Wie kann in so einem Milieu ein Mensch ein guter Mensch bleiben? Wie kann dort Hoffnung gedeihen? Der Wille zur Veränderung?
Da helfen auch die gutmenschlichen NGO’ler nicht, die für ein paar Monate nach Mayotte kommen, Projekte anschieben wie eine Bibliothek oder Filmabende. Denn sie haben die Strukturen der jugendlichen Überlebenswelt nicht erkannt, kamen und gingen blind zurück ins wohl behütete Mutterland.
Bruce ist der Gegenspieler von Moïse, gewaltbereit, herrschsüchtig, er präsentiert sich als der Unbesiegbare, als der Chef, dem alle anderen auf Befehl gehorchen. Und genau diese Befehlsgewalt führt in die Katastrophe. Führt in eine Massenvergewaltigung, die Moïse als Opfer zurücklässt, die ihn zum Mörder werden lässt.
Moïse kann seinem Schicksal, von machetenschwingenden Jungs gelyncht und zerstückelt zu werden, entfliehen.
„Ich heiße Moïse, ich bin fünfzehn und ich lebe. Ich habe keine Angst mehr vor der Meute, ich laufe zum Ende der Pier und tauche ein in den Ozean. Ich tauche nicht wieder auf.“
Ist es ein Happy End? Ist es sein prophezeites verfluchtes Schicksal? Da gibt es manche Interpretationsmöglichkeiten.
Eindeutig jedoch ist, dass Nathacha Appanah ein wunderbares Buch geschrieben hat, ein Buch, das trotz aller Tristesse der Realität, trotz aller Gewalt mit wunderschönen poetischen Momenten beglückt, so dass man als Leser oder Leserin für ein paar Augenblicke (mit dem schwarzen oder dem grünen Auge?) fast an das Paradies glauben kann.
Unbedingt empfehlenswerte Lektüre, die viele Fragen beleuchtet: das Rassismus-Thema, das Lost Paradise-Thema, das Flüchtlings-Thema, das Ungleiche-Chancen-Thema, das Gewalt-Thema, das Gutmenschen-Thema. Eine nachhaltige Lektüre.
Illusorische Paradiese…
Almut Scheller-Mahmoud aus Hamburg am 02.10.2021
Bewertungsnummer: 2790585
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Illusorische Paradiese Tropische Inseln gelten als Elysium. Die Autorin beschreibt in ihrem Roman über das französische Mayotte im Komoren-Archipel eine andere Realität. Das Leben des durch seine zweifarbigen Augen „verfluchten“ Moïse verläuft die ersten Jahre in gradlinigen glücklichen Bahnen. Für seine weiße Mutter Marie ist er ein Wunsch- kind. Für seine biologische Mutter jedoch war das Baby mit einem schwarzen und einem grünen Auge eine Inkarnation des Dschinn. Und so drückte sie ihn der nächstbesten weißen Frau, Marie, in die Arme, nachdem ihr die Flucht nach „Frankreich“ gelungen war. Doch das Schicksal will es anders und Moïses privilegiertes Leben findet ein jähes Ende. Marie hatte endlich den Mut gefunden, ihm die Wahrheit über ihn und über sich selbst zu erzählen. Er verändert sich, macht ihr Vorwürfe, dass sie ihn gehindert hätte, sein wahres, Leben zu leben. Und Maries andauernde Kopfschmerzen enden in ihrem plötzlichen Tod. Das Leben zieht Moïse in einen Strudel von Gewalt. Er wird konfrontiert mit seinem wahren Leben, das er von Marie gefordert hatte: im Gaza genannten Ghetto mit seinen Jugendbanden, die stehlen, rauchen, trinken, sich mit „der Chemischen“ voll dröhnen. Er hat kein Zuhause mehr, nur seinen Rucksack, der ihm nun als Kopfkissen dient. Er ist ein Außenseiter in diesem Elendsviertel, diesem gewalttätigen Niemandsland. Ein Ort ohne Hoffnung. Aber niemand kümmert es, was dort geschieht. Niemand kümmert sich um die illegalen Flüchtlinge, die wie eine zerstörerische Woge in kleinen Booten übers Meer kommen. Alle wollen sie ins Paradies. Die Besuche von Politikern, die Kampagnen und die Reportagen ändern nichts an diesem Urzustand. Es gibt Zeiten, da ist Moïse fast glücklich, er raucht, singt und tanzt zum Tamtam, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Aber er erkennt tief in seinem Inneren die Destruktivität von Ghettos. Wie kann in so einem Milieu ein Mensch ein guter Mensch bleiben? Wie kann dort Hoffnung gedeihen? Der Wille zur Veränderung? Da helfen auch die gutmenschlichen NGO’ler nicht, die für ein paar Monate nach Mayotte kommen, erfolglos Projekte anschieben. Sie kamen und sie gingen blind zurück in die Wohlbehütetheit. Die Strukturen der jugendlichen Überlebenswelt haben sie nicht erforscht. Bruce ist Moïses jugendlicher Gegenspieler, gewaltbereit, herrschsüchtig, unbesiegbar, der Chef, dem alle blind gehorchen. Genau diese Hörigkeit führt in die Katastrophe, die Moïse als Opfer zurücklässt, die ihn zum Mörder werden lässt. Moïse kann seinem Schicksal, von machetenschwingenden Jungs gelyncht zu werden, entfliehen. „Ich heiße Moïse, ich bin fünfzehn und ich lebe. Ich habe keine Angst mehr vor der Meute, ich laufe zum Ende der Pier und tauche ein in den Ozean. Ich tauche nicht wieder auf.“ Ist es ein Happy End? Ist es sein prophezeites verfluchtes Schicksal? Offene Interpretationsmöglichkeiten. Eindeutig aber ist, dass Nathacha Appanah ein wunderbares Buch geschrieben hat, ein Buch, das trotz aller Tristesse, trotz aller Gewalt mit wunderschönen poetischen Momenten beglückt, so dass man als Lesender für ein paar Augenblicke (mit dem schwarzen oder dem grünen Auge?) fast an das Paradies glauben kann. Unbedingt empfehlenswerte Lektüre, die viele Fragen beleuchtet: Rassismus, Lost Paradises, Flüchtlinge, ungleiche Chancen, Gewalt, Gutmenschen. Eine nachhaltige Lektüre.
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