Das Waldviertel von heute steht für „Natur pur“. Wichtige Industriezweige von einst wie etwa die Glasindustrie haben nur mehr Nostalgiewert. Aus alten Werkshallen wurden Galerien, Turbinenhäuser zum Coworking Space. Nahezu verschwunden sind aber auch alte Handwerkstechniken wie Papierschöpfen und Perlmuttdrechseln, Knöpferlnähen und Schwingerlmachen. Aus Eiskellern wurden Museen, aus manchem Milchhaus ein Dorfgemeinschaftshaus. Aufgelassen wurden manche Schienenwege, überbaut und vergessen die alten Poststraßen. Kenntnisreich und voll Liebe für ihre engere Heimat erzählt Mella Waldstein von der versunkenen Lebenswirklichkeit des Waldviertels, wehmütig-kritisch schildert sie eine Entwicklung, die einherging mit dem Verlust der spezifischen Prägungen dieser faszinierenden Kulturlandschaft.
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Ein facettenreicher Gang durch die Waldviertler Geschichte gut recherchiert
Peter Krackowizer aus Neumarkt am Wallersee am 04.05.2021
Bewertungsnummer: 1472189
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In Litschau im Norden des Waldviertels begann die Geschichte der weltberühmten „Wiener“ Schrammel-Musik, 22 Stunden dauerte die Reise eines Holzstammes in den Schwemmkanälen bis in die Donau, die Eisschneider erzählten gerne die Geschichte, dass am andere Ende der Eissäge – unter Wasser – der zweite Mann sägte, in den ehemaligen Dörfern des Truppenübungsplatzes Allensteig lebten die Vorfahren von Adolf Hitler, woher Schüttkästen und Kredenzen ihre Namen haben und viele andere Geschichten schildert die Autorin in diesem lesenswerten Buch.
Sie beginnt ihr Buch mit der Beschreibung der derzeit überall im Entstehen befindlichen Topotheken, Datenbanken, die alte Bilder archivieren, im Internet zeigen und so die Bevölkerung zu Beschreibungen dieser Aufnahmen aufrufen. Es gibt keine „roten Faden“ in dem Sinn, der durch das Buch führt – die Themen sind einfach derart vielfältig. Da erfährt man von noch bestehende lehmgestapfte Kegelbahnen, von Prügelkrapfen, deren Zubereitung tagelang dauert, von einem noch aktiv bespielten Kinosaal, in dem auch Hochzeiten stattfinden, von der legendären Krokobar – mit echtem Krokodil, dem Milchhaus und dem Kühlhaus, über Wald, Gestein und Mineralien, Braunkohletagbau, Webereien, Ziegelwerken und Glasfabriken, vom „Zug, der durch den kalten Krieg“ fuhr, dem „Vindobona“ – die Betonung liegt auf der zweiten Silbe – und von vielen anderen kleinen und größeren Dingen aus der Vergangenheit.
Die Autorin hat bei jedem Kapitel gut recherchiert und bietet mehr als nur einen „nostalgischen Satz“. So bleibt das Lesen immer durch interessante Details und Hintergründe spannend. Beispielsweise war das Kapitel „Eissägen, Eiskasten und Kunsteis“ für mich sehr interessant, da ich als Kind noch ländliche Gemeinschaftskühlhäuser in Weilern in Oberösterreich kennengelernt hatte. Auch das Kapitel „Mit Volldampf in die Vergangenheit“, u. a. mit besagtem „Vinobona“-Schnellzug, aber auch andere Züge und Bahnen im Waldviertel, über deren Entstehung und Zweck, gibt einen interessanten Einblick in die Verkehrsentwicklung dieser Region. Zahlreiche historische Bilder veranschaulichen das Geschriebene.
Ich habe schon einige Bücher gelesen, die sich mit „Vergessenem und Verschwundenem“ befassten. Dieses Buch zählt darunter sicherlich zu den Informativsten und Interessantesten.
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