Arthur Schnitzlers „Reigen“ wurde 1920 in Berlin uraufgeführt und löste einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts aus. 100 Jahre später lädt Barbara Rieger zu einem kollaborativen Projekt: eine Adaption der zehn Reigen-Dialoge in Prosa. Fünf Autorinnen und fünf Autoren lassen sich von Schnitzlers Vorlage inspirieren, reagieren in einer Art Stille-Post-Verfahren auf die Episode der VorgängerIn und haben dabei nur eine Vorgabe: jeweils eine Figur für den nächsten Text am Leben zu lassen. Wie lassen sich sexuelle Begegnungen literarisch darstellen? Welche Rolle spielen Machtpositionen dabei? Können Frauen heute ihr Begehren offener zeigen als noch vor 100 Jahren? Barbara Rieger gibt Anstoß zu einem Denkprozess, der nie an Aktualität verlieren wird.Mit Texten von Daniela Strigl ∙ Gertraud Klemm ∙ Gustav Ernst ∙ Daniel Wisser ∙ Bettina Balàka ∙ Michael Stavarič ∙ Angela Lehner ∙ Martin Peichl ∙ Barbara Rieger ∙ Thomas Stangl ∙ Petra Ganglbauer ∙ Mit dem Originaltext von Arthur Schnitzler
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Schmiesen
5/5
04.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schnitzlers Klassiker im modernen Gewand
"Ich weiß gar nichts von dir, aber die Finger wissen, die Haut weiß."
Arthur Schnitzlers "Reigen" löste einen Skandal aus, als es 1920 in Berlin uraufgeführt wurde. Es geht um die Schnelllebigkeit des Sexes, um die Promiskuität aller Gesellschaftsklassen, und Schnitzler nahm kein Blatt vor den Mund. Ähnlich halten es die 10 Autoren und Autorinnnen, die Schnitzlers Drama das erste Mal in einer Prosafassung adaptieren.
Schnitzlers scharfe Beobachtung der unterschiedlichen Klassen und sexuellen Begegnungen wird von den AutorInnen hervorragend in unsere moderne Zeit transzendiert. Dabei verlieren sie weder den Ur-Text aus den Augen, noch karikieren oder verzerren sie die Modernität, nur um dem Original nahe zu sein.
Die Steigerung des Reigens lässt sich als Veränderung in der sexuellen Begegnung erkennen. Die ersten beiden Geschichten handeln von rohem, gewalttätigem Sex, die Grenze zwischen Einvernehmen und Vergewaltigung wird von männlicher Seite klar überschritten. In den folgenden Geschichten übernehmen die Frauen das Ruder und lassen einen Mann schon auch mal unbefriedigt zurück. Weiter steigert es sich zum einvernehmlich, erotisch-abstoßenden Verkehr mit sehr jungen Frauen. Und am Ende wird der Sex transzendiert, philosophiert und überhöht - und bleibt doch nur Sex.
Egal, welcher Schicht, welchem Geschlecht, welcher Bildungsklasse die "HeldInnen" angehören, Nähe gibt es nicht über das Körperliche hinaus. Namen sind Schall und Rauch, Treue ist ein dehnbarer Begriff, und mit dem Sex versucht ein jeder und eine jede, einen Verlust oder einen Mangel zu kompensieren. Denn Liebe gibt es irgendwo, in einem anderen Leben, mit einem anderen Namen, aber niemals bei den Personen, die miteinander im Bett landen.
Jede/r AutorIn findet für seinen/ihren Part im Reigen eine eigene Erzählstimme. Gertraud Klemm hält sich für die Darstellung des Telefonsexes von Leonie und Josh auch an das Kurzformat des geschriebenen Dialogs. Gustav Ernsts Text ist auch ein Dialog, aber eingebettet in eine reale Situation, ohne den Vermittler Smartphone zwischen den Menschen. Daniel Wisser hält es in seinem Text ganz ähnlich, sodass der Übergang zwischen den beiden Geschichten vor allem auf der inhaltlichen Ebene zu finden ist - denn Mia ist bei Wisser eine andere als noch bei Ernst. Im hinteren Drittel schlägt der Ton dann um - weniger bodenständig, mehr poetisch sind die Texte von Peichl, Rieger und Stangl. Atemlose Satzfetzen, verworrene Gedanken, tiefergehende Gespräche. Aber auch dabei läuft alles auf das Körperliche hinaus, darüber kann das "schöne Gerede" nicht hinwegtäuschen. Petra Ganglbauer schlägt den Bogen zurück zu Schnitzler, als sich Ober- und Unterschicht im gleichen Bett vorfinden, und die Oberschicht entrüstet ist - primär über sich selbst.
Schnitzlers Text im Anhang verleiht dem Leseerlebnis die nötige Tiefe und Bandbreite. Viel vom Ur-Text hat seinen Eingang in die neuen Erzählungen gefunden, wenn auch vielleicht an anderen Stellen als im Original. Namen, Motive und ganze Passagen werden zitiert, manchmal sogar von den Figuren selbst. Die Beziehungskonstellationen sind beinahe exakt wie im Original. Da merkt man, dass die AutorInnen sich intensiv mit Schnitzlers Text beschäftigt haben.
Die Kreativwerkstatt im Flüsterpost-Format hat sich als voller Erfolg entpuppt. Der Klassiker wird so in die moderne Zeit geholt, ohne ihm untreu zu werden. Und die Lesefreude wird dadurch noch gesteigert, dass das Buch haptisch und optisch erstklassig gestaltet ist. Ein Schatz für jedes Klassiker-Regal. Chapeau!
Bewertung
5/5
28.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wortgewaltig, flott zu lesen, spannendes Projekt
10 Schiftsteller:innen schreiben einen Reigen sexueller Begegnungen, kleine Geschichten, die wie ein Fackellauf immer eine der Personen der letzten Geschichte zur Neuen mitnimmt.
1903 wurde „Der Reigen“ von Arthur Schnitzler geschrieben. Es gab einen Aufruhr, erotische Begegnungen, die mit klarer Moralfreiheit stattfanden. Die geltenden Werte von ehelicher Treue, Verdammung der Prostitution, kein Sex ohne Ehe, Keuschheit als Ehre sind in all diesen Begegnungen durchbrochen. Das Ganze ist munter flockig geschrieben. Lässt sich leicht und schnell lesen und hallt doch nach. Obwohl kurz, sind die Personen prägnant, allein durch ihre Beschreibung wie das süße Mädel, der junge Herr, der eigenen Persönlichkeit beraubt, aber irgendwie in die Allgemeingültigkeit hinübergerutscht.
Im neuen Reigen nun werden die 10 Szenen nicht als Theaterstück, sondern als Prosa geliefert. Und es sind 10 Schriftsteller:innen, die sich jeweils eine Person übergeben, die in der nächsten Szene eine der Hauptrollen spielt. Eine ganz wunderbare Idee.
Optisch ist das Buch ein Genuss – ein fest gebundenes Buch in knalligem Lila mit grafischen schwarz-weiß-Mustern, die sich auch zwischen den einzelnen modernen Szenen wiederholen, es ist eine Freude, in diesem Buch zu blättern. Witzig finde ich auch diesen rosalilafarbenen Ton für die Seiten des Originals von Schnitzler. Also optisch und haptisch ganz großes Kino!
Auch die Auswahl der Schriftsteller:innen – sehr, sehr gut. Sie sind durch die Bank wortgewaltig und sprachgewandt, eine wirkliche Freude.
„Ihr Blick, ein dunkles Strahlen (in ihn hinein, durch ihn hindurch, um ihn herum durch den ganzen Raum voller unsichtbarer Grenzen)“ Thomas Stangl
„Der Mond hat Löcher, weil wir so oft hineingegriffen haben.“ Barbara Rieger
„Unter ihrem Mantel wartet ein Gewitter“ Martin Peichl
Sätze, die mir beim Lesen Vergnügen bereiten, mich zum Schnurren bringen, so klar und plastisch sind die Bilder.
Was ich ein bisschen vermisst habe – Schnitzlers Stücke setzen sich mit der Sexualmoral seiner Zeit auseinander. Die heutigen greifen da für mich ein wenig zu kurz. Ich will wissen, wie ist das heute, wir haben diesen einfachen Kodex nicht mehr, fremdgehen ist igitt, als Jungfrau in die Ehe anstrebenswert, das ist so in dieser Einfachheit vorbei. Für mich bietet unsere Gesellschaft heute subtilere Fragen, wenn wir „fremdgehen“ geht es um die Art wie wir das miteinander leben. Wenn wir Sex ohne Ehe haben, geht es nicht nur um die Ausschließlichkeit, sondern auch darum, uns immer wieder neu füreinander zu entscheiden. Und da sind die Szenen – allerdings auch wie bei Schnitzler, also sehr originalgetreu, ausnahmslos Begegnungen von Menschen, die sich nicht wirklich begegnen, die sich verstellen, die einer Erfüllung hinterherlaufen, die sie selbst nicht mehr als erreichbar empfinden.
Insgesamt also ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch und vielleicht schreibt mir ja mal jemand noch eines zu meinen Wünschen nach Auseinandersetzung….
barbara kenner
5/5
27.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wortgewaltig, flott zu lesen,…
Wortgewaltig, flott zu lesen, spannendes Projekt 10 Schiftsteller:innen schreiben einen Reigen sexueller Begegnungen, kleine Geschichten, die wie ein Fackellauf immer eine der Personen der letzten Geschichte zur Neuen mitnimmt. 1903 wurde „Der Reigen“ von Arthur Schnitzler geschrieben. Es gab einen Aufruhr, erotische Begegnungen, die mit klarer Moralfreiheit stattfanden. Die geltenden Werte von ehelicher Treue, Verdammung der Prostitution, kein Sex ohne Ehe, Keuschheit als Ehre sind in all diesen Begegnungen durchbrochen. Das Ganze ist munter flockig geschrieben. Lässt sich leicht und schnell lesen und hallt doch nach. Obwohl kurz, sind die Personen prägnant, allein durch ihre Beschreibung wie das süße Mädel, der junge Herr, der eigenen Persönlichkeit beraubt, aber irgendwie in die Allgemeingültigkeit hinübergerutscht. Im neuen Reigen nun werden die 10 Szenen nicht als Theaterstück, sondern als Prosa geliefert. Und es sind 10 Schriftsteller:innen, die sich jeweils eine Person übergeben, die in der nächsten Szene eine der Hauptrollen spielt. Eine ganz wunderbare Idee. Optisch ist das Buch ein Genuss – ein fest gebundenes Buch in knalligem Lila mit grafischen schwarz-weiß-Mustern, die sich auch zwischen den einzelnen modernen Szenen wiederholen, es ist eine Freude, in diesem Buch zu blättern. Witzig finde ich auch diesen rosalilafarbenen Ton für die Seiten des Originals von Schnitzler. Also optisch und haptisch ganz großes Kino! Auch die Auswahl der Schriftsteller:innen – sehr, sehr gut. Sie sind durch die Bank wortgewaltig und sprachgewandt, eine wirkliche Freude. „Ihr Blick, ein dunkles Strahlen (in ihn hinein, durch ihn hindurch, um ihn herum durch den ganzen Raum voller unsichtbarer Grenzen)“ Thomas Stangl „Der Mond hat Löcher, weil wir so oft hineingegriffen haben.“ Barbara Rieger „Unter ihrem Mantel wartet ein Gewitter“ Martin Peichl Sätze, die mir beim Lesen Vergnügen bereiten, mich zum Schnurren bringen, so klar und plastisch sind die Bilder. Was ich ein bisschen vermisst habe – Schnitzlers Stücke setzen sich mit der Sexualmoral seiner Zeit auseinander. Die heutigen greifen da für mich ein wenig zu kurz. Ich will wissen, wie ist das heute, wir haben diesen einfachen Kodex nicht mehr, fremdgehen ist igitt, als Jungfrau in die Ehe anstrebenswert, das ist so in dieser Einfachheit vorbei. Für mich bietet unsere Gesellschaft heute subtilere Fragen, wenn wir „fremdgehen“ geht es um die Art wie wir das miteinander leben. Wenn wir Sex ohne Ehe haben, geht es nicht nur um die Ausschließlichkeit, sondern auch darum, uns immer wieder neu füreinander zu entscheiden. Und da sind die Szenen – allerdings auch wie bei Schnitzler, also sehr originalgetreu, ausnahmslos Begegnungen von Menschen, die sich nicht wirklich begegnen, die sich verstellen, die einer Erfüllung hinterherlaufen, die sie selbst nicht mehr als erreichbar empfinden. Insgesamt also ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch und vielleicht schreibt mir ja mal jemand noch eines zu meinen Wünschen nach Auseinandersetzung….
Gertie G.
aus Wien
5/5
23.02.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein gelungenes Experiment
Barbara Rieger hat für die Neuauflage von Arthur Schnitzlers „Reigen“ neun Schriftstellerkolleginnen und Kollegen eingeladen, eine Episode in die Gegenwart zu verlagern. Dabei kommen bekannten Namen wie Gertraud Klemm, Daniel Wisser, Petra Ganglbauer und nicht zuletzt Barbara Rieger selbst zu Wort.
Das Experiment, Schnitzlers skandalumwitterten Theaterstück in einen Prosa Text zu verwandeln, darf man als gelungen ansehen. Zum direkten Vergleich ist im Anschluss der Originaltext zu lesen.
Die Aufmachung des Buches aus dem Verlag Kremayr & Scheriau ist gediegen: Hardcover mit Lesebändchen. Schrift und das Design des Covers erinnern an die Wiener Werkstätte von Joseph Hoffmann.
Fazit:
Ein gelungenes Experiment, das auch Literaturfans gefallen wird. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Bewertung
5/5
09.02.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schnitzler hätte seine Freude an diesem Buch gehabt.
Begegnung inspiriert, bringt neue Ideen so wie eine gegenwärtige Neuauflage des Reigens, der dramatisch und anregend sich der Fragestellung widmet, wie fragwürdig Monogamie in der Literatur und im echten Leben sei.
Zuweilen nah am Originaltext und doch einer Transformation für die Gegenwart unterzogen worden, zeigt sich Reigen Reloaded als zehnstimmiges, sprachliches Ereignis, das mit jeder Weiterführung Überraschungen parat hält.
Die größte Unvorhersehbarkeit ist gleich zu Beginn in Gertraud Klemms Ausschnitt Leonie und Josh zu finden, die sich in Form gezielt an Schnitzlers Reigen hält und den Bogen zur intimen Performance in neuen Medien kreativ spannt. Sie wirft ebenso die Frage der sexuellen Erpressbarkeit auf und konfrontiert Lesende mit dem Thema der Legalität von Liebesbeziehungen. Gustav Ernst nähert sich künstlerisch dem Indien, das auch bei Schnitzer Thema ist und zeigt die soziale Durchlässigkeit seiner handelnden Personen, eine Neuadaption gesellschaftlicher Verhältnisse, die bei Arthur Schnitzlers Reigen vor 120 Jahren noch nicht so gegeben waren. Bettina Balàka, Daniel Wisser, Michael Stavarič, Thomas Stangl treffen den Lokalkolorit und den Wiener Humor haarscharf und erzeugen eine heimelige, wienerische Atmosphäre im Buch.
Die Autor*innen geben ihren Personen und Namen und doch nicht, sie sind beliebig zu lesen. Mögen sie im Original Robert, Emma, Alfred, Franz oder Marie heißen, so sind es hier Mia, Benedikt, Anna oder die Funktionsbezeichnung Magister. Angela Lehner nennt ihre weiblich gelesene Figur Baby und nähert sich der Person so, dass sie zur Ich-Erzählerin wird, und übernimmt die Sicht des wirtschaftsaffinen Herbert. Ein faszinierender Blick, der sich vor Klischees nicht fürchtet und doch nach den Grenzen von einvernehmlichem und gezwungenem Sex sucht. Auch die Herausgeberin Barbara Rieger schlüpft in das Ich der Geschichte und gibt sich ganz der Rolle der Schauspielerin hin. Die Balance zwischen der Neuinterpretation der Originalhandlung, Auflösung der Namen in ein bloßes ich und Du, als auch die Anlehnung der im Ursprungstext zu findenden Reptilien- und Insektenmetaphern ist hier grandios gelungen. Martin Peichl weiß ebenso um die Bedeutsamkeit von Tiermetaphern und ergänzt die Raben, die als Hommage an den rabenschwarzen Humor Arthur Schnitzlers zu lesen sind. In diesem Text lässt sich die vorangegangene, eingängige Beschäftigung mit dem Original nachweisen, der Dichter, der leise ein „Sonne, Bad, Dämmerung, Mantel“ in den Raum wirft, wie in der Umarbeitung ein „Du trägst das Licht wie einen Bademantel“ zu finden ist. Das literarische Ringelspiel endet mit Petra Ganglbauers monologischen Gewürznoten, die den Lesenden vereinnahmend die Nöte des alten Herren gewahr werden lassen.
Interessant erscheint die Fragestellung, warum das Buch an heteronormativen Liebesbeziehungen festhält, und nicht den Weg hin zu einer sexuellen Diversität wählt. Abgesehen davon gelingt es aber Barbara Rieger sehr gut, die 10 Autor*innen sprachlich stimmig zu vereinen und einen neuen Kodex der Intimität in die literarische Gegenwart zu holen. Besonders hervorzuheben ist die gelungene graphische Gestaltung in Jugendstil-ähnlicher Art und Weise durch Sheila Ehm, die das Zeichen der Viertelpause in einen neuen Kontext setzt. Reigen Reloaded ist eine Annäherung an Arthur Schnitzler, ohne dass es Anspruch an Aneignung stellt.
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