Bairisch verfügt über strukturelle, nicht-sichtbare Eigenschaften, die sich im Standarddeutschen nicht finden, dafür in einer Vielzahl anderer Sprachen. Der Linguist Günther Grewendorf macht diese Eigenschaften sichtbar und zeigt, wie reich, wie rätselhaft, wie »weltläufig« und wie genial dieser Dialekt ist. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Dialekte defizitäre Versionen einer Standardsprache sind. Dafür gibt es weder eine gesellschaftliche noch eine sprachliche Rechtfertigung. Im Gegenteil: Das Bairische ist – wie man mit einem einfachen und leicht verständlichen Strukturmodell erkennen kann – geradezu genial. I mog di obwoi-st a Depp bi-st. / I mog eich obwoi-ts Deppn sei-ts ist nicht nur eine bairische Liebeserklärung. Man sieht hier vielmehr eine einzigartige grammatische Besonderheit des Bairischen, die es im Standarddeutschen nicht gibt: Nicht nur Verben können eine Endung für Person und Zahl aufweisen, sondern auch jene Wörter, die Nebensätze einleiten (wie z.B. obwohl, weil, ob oder dass). Anhand zahlreicher weiterer Beispiele (u.a. von Gerhard Polt, Karl Valentin, Bruno Jonas, Benno Höllteufel) vermittelt diese kurze, aufschlussreiche linguistische Handreichung einen wunderbaren Einblick in den strukturellen Reichtum des Bairischen. Für alle, die an Sprache und insbesondere am Bairischen interessiert sind, ein umwerfendes Aha-Erlebnis, nach dem man spontan ausruft: Ja do legst di nieder!.
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4.0/5.0
Bewertung
aus Wasserburg
4/5
30.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Bairische ist kein degeneriertes Hochdeutsch
Der Untertitel „I mog di obwoist a Depp bist“ erinnerte mich an den genialen bairischen Spruch: „Deafst koa Depp ned sei!“ und schon wollte ich wissen, warum Bairisch insgesamt genial ist.
Die Leserinnen erfahren es, aber vielleicht auf etwas anderer Ebene als zumindest ich es erwartete.
Ich kannte nur ungefähr Noam Chomsky Theorie der angeborenen Sprachfertigkeit. Günther Grewendorf erklärt den Sachverhalt schon im ersten Kapitel. In den folgenden Kapiteln legt er immer wieder klar, warum Dialekte, und besonders das Bairische keine degenerierte Formen der sogenannten Hochsprache sind. Er belegt die Feinheiten der bairischen Sprache mit Exkursionen ins Finnische, Flämische und andere Sprachen. Das war mir zuweilen zu abgelegen, ist aber zur Untermauerungen der Thesen der Abhandlung wohl notwendig. Vieles, was ich ganz unwillkürlich ausspreche, wurde mir im Laufe der kurzweiligen 160-Seiten klar.
Der Schwerpunkt ist auf der Grammatik. Ich meine, man könnte ähnlich einen Essay über die genialen bairischen Wörter schreiben.
Für alle des Dialekts Mächtigen ein Augenöffner. Ihnen empfehle ich die zahlreichen Hintergrunderkenntnisse, die sich aus der Lektüre ergeben.
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