Andreas Maier schildert in hochkomischer und abgründiger Weise die komplette Selbstzerstörung eines Familien-Idylls. Tranken die Vorfahren noch in scheinbar gemütlichster Weise familieneigenen Apfelwein miteinander, umgeben von Obstbäumen und Hühnern und Ziegen, geht es in den späteren Generationen – ebenso scheinbar – ständig um Erbfälle, ein riesiges Grundstück, ein böswilliges Denkmalschutzamt mitsamt Baggerführer, um schräge Kinder und chaotische Enkel. Irgendwann wird dem 1967 geborenen Erzähler stellvertretend für seine Generation klar: »Wir sind die Kinder der Schweigekinder.« Das Begreifen der eigenen Familiengeschichte setzt vor einem Grabstein ein, weit außerhalb der Stadt Friedberg in der Wetterau.
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So lau wie stilles Wasser Als…
Bories vom Berg aus München am 21.07.2019
Bewertungsnummer: 2719841
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
So lau wie stilles Wasser Als siebter Band der Buchreihe «Ortsumgehung» von Andreas Maier ist kürzlich, dem aktuellen Trend zu autofiktionaler Literatur folgend, der Roman «Die Familie» erschienen. Wobei für den Autor bereits das Genre seines Buches fragwürdig ist, ein Roman im eigentlichen Sinne sei es nicht, hat er im Interview erklärt, er bevorzuge einen weit weniger starren Aufbau, der aus seinen Figuren heraus entstehe. «Ich hatte nie einen Überblick», erklärt er ergänzend. Nur alle Titel der Buchreihe hätten für ihn von Anfang an festgestanden, was sich in den einzelnen Büchern dann aber entwickeln würde, das sei ihm vorher nie bewusst. Deshalb habe jeder Band «eine schöne Unabhängigkeit», was Form und Inhalt anbelangt. Zu seinen literarischen Vorbildern zählt er Peter Kurzeck, dessen sechsteilige Romanreihe ähnliche narrative Ambitionen aufweist. Bei seinem eigenen, auf elf Bände angelegten Großprojekt thematisiert der vorliegende, eigenständig lesbare Band die Familie von Andreas Maier. Er schreibt darin über mafiöse familiäre Strukturen, die er zu erkennen glaubt, innerlich würden Kriege toben, nach außen hin aber trete man als verschworener, undurchdringlicher Clan auf. «Meine Familie ist eine Familie, die immer Grabsteine gemacht hat. Auch ihre eigenen». Der Ich-Erzähler blickt ungewöhnlich distanziert auf seine Angehörigen, er bezeichnet sie als Avatare in der chronologisch erzählten Geschichte vom allmählichen familiären Verfall. Sie beginnt in seiner schon fast idyllischen Kindheit auf dem riesigen Gelände der einst vom Urgroßvater als Steinmetz aufgebauten, jahrzehntelang prosperierenden Firma im hessischen Städtchen Friedberg in der Wetterau. Sein Vater ist ein der CDU nahestehender Jurist, die toughe Mutter führt nach dem Tode des Großvaters jahrelang den Familienbetrieb, sein fünf Jahre älterer Bruder schließlich opponiert gegen die erzkonservativen Eltern, er setzt sich von der Familie ab und lässt nichts mehr von sich hören. Auch die Schwester ist unangepasst, sie führt ein chaotisches Leben auf Kosten der Eltern, bekommt Kinder von verschiedenen Männern, verschwindet öfter mal unmotiviert und ohne Nachricht ganz plötzlich - und lässt dann ihre Kinder allein zurück. Die von Kontaktabbrüchen und gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägte Familie hält jedoch mafiaartig zusammen, wenn es darauf ankommt. Ein Paradebeispiel dafür ist der illegale Abbruch einer unter Denkmalschutz stehenden Mühle auf dem ehemaligen Werksgelände, das als Baugrund teuer verkauft werden könnte, - dieser Verstoß wird prompt mit einer Strafe in Millionenhöhe belegt. In listenreich geführten Prozessen gelingt es dem Clan aber doch, die Strafe abzuwenden. Auf die viele Jahre lang immer wieder gestellte Frage des Ich-Erzählers nach familiären Verstrickungen während der Nazizeit erhält er von seiner Mutter stereotyp die gleiche Antwort: «Aber wir haben den Juden doch sogar Brand gegeben», - mit Brand ist hier Brennholz gemeint. Mehr ist aus der Mutter nie herauszubekommen. Eine für den Ausgang dieser Suche nach Wahrheit entscheidende Rolle kommt schließlich der Tochter des örtlichen Buchhändlers zu, sie hat herausgefunden, dass all der Wohlstand der angesehenen Steinmetz-Dynastie sich auf einem in der Nazizeit begangenen Unrecht an einem wohlhabenden Juden gründet. Der mit einer Arbeit über Thomas Bernhard promovierte Andreas Maier, der wegen des lokalen Kolorits seiner Bücher als moderner Heimatschriftsteller gilt, hat mit dieser Familiengeschichte einen wenig originellen Beitrag zur modischen, autofiktionalen Literatur geleistet. Des Autors philosophische Erkenntnis: «Ich, das ist der Mittelteil des Wortes Nichts», hebt sein Schreiben über sich selbst, jenen Bernhardschen «Herkunftskomplex», nicht wirklich in literarische Höhen. Im Gegenteil, was da so uninspiriert und nüchtern, fast lakonisch erzählt wird von dieser Familie, das ist langweilig wie das Betrachten fremder Fotoalben, - so lau wie stilles Wasser!
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