Die Hexe Greetja wächst im Wald heran, fern von Menschen und anderen Hexen. Mit kaum 14 Jahren, ohne Kenntnis der Welt und unerfahren in den Hexenkünsten, wird sie dort von ihrer Mutter zurückgelassen. Die Sehnsucht nach einer Hexenschwester erfüllt sich, als sie eines Tages Besuch von einer Schönen der Nacht erhält. Diese bietet dem Mädchen an, es auszubilden, verlangt jedoch, dass die Vereinbarung vertraglich besiegelt wird. Gegen den Rat ihrer Vertrauten lässt Greetja sich darauf ein, nicht ahnend, wie sich ihre hübsche, muntere Lehrmeisterin verändern wird ...
Ein Roman aus der Welt von "Das Schwarze Auge"
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
4/5
20.08.2026
Buch (Taschenbuch)
"Zwischen Elf und Hexe" – vom Finden des eigenen Wegs
Ein Buch, das mit leisen Tönen beginnt und dennoch sogleich jene magische Sogkraft entfaltet, die man von großer Erzählkunst kennt: Da sitzt ein Mädchen im Abendlicht, wartet auf seine Kröte und auf einen Besucher, der ihm das Lachen bringen soll – und schon ist man drin in einer Welt, die vertraut fremd ist. Ina Kramer erzählt die Lebensgeschichte der Halbelfe Greetja mit einer Geduld und Genauigkeit, die an große Biografien erinnert, doch ohne deren Breite. Sie rafft, wo es nötig ist, und weitet aus, wo es berührt. Das ist keine atemlose Fantasy, sondern eine charaktergetragene Meditation über Zugehörigkeit, über die Frage, wer man ist, wenn man nirgends ganz dazugehört.
Die Handlung erstreckt sich über sechs Jahrzehnte – von der verlassenen Waldhütte über die Lehrjahre bei der ebenso faszinierenden wie unberechenbaren Hexe Berenissa bis hin zu den stillen Jahren der reifen Frau, die längst gelernt hat, ihre Kräfte zu kennen. Kramer gelingt es, aus diesem langen Bogen keine epische Wucht, sondern eine sanfte, fast kontemplative Spannung zu entwickeln. Man möchte Greetja begleiten, weil sie eine der glaubwürdigsten Fantasy-Protagonistinnen der letzten Jahre ist: verletzlich, zornig, treu, zweifelnd – und niemals heldenhaft im lauten Sinne.
Was das Buch auszeichnet, ist seine stille Weisheit. Es handelt von Trauer und Schuld, von Rassismus gegen Elfen und Hexen, von der Grausamkeit der Mächtigen und der Wärme kleiner Freundschaften. Und doch wird nie belehrt. Kramer zeigt, statt zu predigen. Die Welt Aventurien ist kein Kulissenpanorama, sondern atmender Lebensraum – man riecht den Wald, man spürt die Kälte des Wassers, man fürchtet die Praiospriester, als stünde man selbst vor dem Scheiterhaufen. Dass die Autorin dieses Universum aus dem Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ kennt, merkt man jeder Seite an, aber sie macht es zugänglich, ohne zu erklären.
Besonders berührt hat mich eine Szene von fast filmischer Stille, in der Greetja am Rande eines tiefen Abgrunds steht – nicht im wörtlichen, aber im seelischen Sinne. Da tritt jemand zu ihr, ohne großen Gestus, ohne laute Worte, und erinnert sie daran, dass Trauer nicht das Ende sein muss. Es ist ein stilles, aber umso wirkungsvolleres Zeichen für die Kraft, die in diesem Roman steckt – und zeigt, wie Kramer Spannung nicht durch laute Action erzeugt, sondern durch emotionale Präzision.
Auch sprachlich ist der Roman eine Freude. Kramers Sätze sind klar, manchmal fast nüchtern, aber nie kalt. Sie schreibt mit einer Ruhe, die Vertrauen schafft, und mit einem feinen Gespür für Melancholie, die niemals ins Sentimentale kippt. Ich habe das Buch sehr flüssig lesen können – es trägt einen, ohne anzustrengen, und unterhält auf eine Weise, die einen nachdenklich zurücklässt.
Eine Verfilmung? Unbedingt – aber als atmosphärische Miniserie, sechs bis acht Folgen, im Stil skandinavischer Fantasy-Dramen. Realistisch umgesetzt, mit viel Wert auf Landschaft und Licht. Ein Kinofilm wäre zu kurz, eine Animation würde die Erdung der Geschichte verlieren. Man müsste einige Nebenstränge kürzen, aber der Kern – Greetjas Weg – trägt auch ohne Effekte.
Meine Bewertung lautet: 4 von 5 Sternen, weil...
Der Roman überzeugt durch seine tiefe Charakterzeichnung, die stimmige Welt und die emotionale Dichte. Er verzichtet auf übliche Fantasy-Klischees und erzählt stattdessen eine reife, leise Geschichte über Liebe, Verlust und Identität. Einen Stern Abzug gibt es für das gelegentlich etwas zu gleichmäßige Tempo – manche Passagen hätten mehr äußere Spannung vertragen, und die Handlung verliert in der Mitte kurzzeitig an Fahrt. Dennoch: Ein Buch, das bleibt. Und eines, das ich jeder empfehlen würde, die Fantasy nicht als Flucht, sondern als Spiegel verstehen möchte.
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