Nadschwa wächst in einer privilegierten und westlich orientierten Oberschichtfamilie in Khartum auf. Nach einem Putsch flieht die Studentin mit ihrer Mutter und ihrem Bruder ins politische Exil nach London. Sie verliert ihren Wohlstand und bald auch ihre Eltern. Einst hatte sie davon geträumt, einen wohlhabenden Mann zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. Nun ist sie auf sich allein gestellt und muss ganz unten neu anfangen. Sie arbeitet als Dienstmädchen und Putzfrau bei reichen Familien, erka¿mpft sich eine unabhängige Existenz. Sie knüpft Freundschaft mit den Frauen der muslimischen Gemeinde. Und findet eine neue Heimat im Glauben. Als sie Tâmer kennenlernt, den ernsten und strenggläubigen Bruder ihrer Arbeitgeberin, muss sie sich entscheiden. "Minarett" erzählt eindrücklich und aufschlussreich von Migration, sozialem Abstieg und von der religiösen Gemeinschaft als Ort der Heimat und der Unabhängigkeit. Eine überraschende, provokative Emanzipationsgeschichte, die einen Sturm in der englischen Presse auslöste.
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Eine Orientierung
Almut Scheller-Mahmoud am 28.01.2022
Bewertungsnummer: 1646208
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Leila Aboulela konfrontiert uns mit Nadschwa, der Ich-Erzählerin dieses Romans. Er ist in sechs Kapitel gegliedert: zeitlich von 1984-2004 hin und her springend, was ich verwirrend finde. Er ist Schilderung einer Lebenssuche nach Geborgenheit, Zuneigung und Sicherheit mit vielen Irrungen und Wirrungen.
Wir werden Zeuge dieser Auf und Abs, dieses Herausgeworfenseins aus einer afrikanischen Welt in eine graue und kühl-britische, aus einer Kindheit und Jugend einer verwestlichten Oberschicht in die Unsicherheit des Exils, ohne Eltern und Freunde, ohne Ressourcen. Ein Leben wie in einer Zwangsjacke.
Nadschwas Leben in einer wohlhabenden einflussreichen Familie mit der zwillingssymbiotischen Beziehung zu ihrem Bruder Omar,„Und trotzdem lauerte in mir manchmal ein Schmerz wie von einer verheilten Wunde und Traurigkeit wie von einem vergessenen Traum“. Auf dem Campus der Uni sah sie betende Frauen, bewunderte die Choreographie ihrer Bewegungen.
Sie fühlte eine starke Anziehungskraft zu dem politisch engagierten Anwar, obwohl er sie wegen ihrer Herkunft verspottete, ihren Lebensstil verachtete.
Ein Putsch zwang Nadschwa, Omar und die Mutter überstürzt nach London abzureisen. Der Vater wurde verhaftet, ihre Ländereien und Häuser konfisziert, der Vater wegen Korruption angeklagt und gehängt.
In London „…klaffte die Erde auseinander und wir stürzten in die Tiefe, entfremdeten uns voneinander, weil wir einander noch nie hatten fallen sehen.“
Die Mutter starb, Omar verbüßte eine sehr lange Haftstrafe, weil er fast einen Polizisten erstochen hatte. Nadschwa blieb allein, musste arbeiten.
Ein Wiedersehen mit Anwar, der jetzt als politischer Flüchtling in London lebte. Sie wurden ein Paar trotz der unüberbrückbaren Unterschiede. In ihr wuchsen Schuldgefühle über die verlorene Jungfräulichkeit. Durch Wafâa erste Kontakte zur Moschee, wo sich Frauen regelmäßig zum Unterricht trafen. Diese Besuche wurden zu einer festen Konstante ihres Lebens. Sie begann den Hidschab zu tragen, die ramadanische Fastenzeit einzuhalten und Hoffnung zu nähren, dass Allah ihr ihr früheres Glück zurück geben bzw. ein anderes, neues Glück schenken würde. Anwar bezeichnete ihren Weg zum Glauben als Gehirnwäsche, er verstand nicht, dass Nadschwa in sich geborgen sein wollte und sich den „großen Dingen“ wie Meinungsfreiheit, Menschenrecht, Terrorismus entzog. Für sie war ihr Weg ein Peeling der Seele.
Sie lernte den sehr religiösen Tamer kennen, viele Jahre jünger, es entwickelten sich zarte Gefühlsbande. Als sie sich küssten, wurden sie von seiner Schwester und ihrer Arbeitgeberin entdeckt.
Aboulela gelingt es, die Seelennöte einer in die Fremdheit gestoßenen, lebensfremden jungen Frau nachvollziehbar zu schildern. Die aus der Wohlbehütetheit ihres bisherigen farbigen Lebens in ein glanzloses geworfen wird ohne jeglichen Kontakt zu Einheimischen. Die in ihren Liebes-beziehungen zu Anwar und Tamer scheiterte. Anwar, der sie nicht heiraten wollte. Dessen biologisch-rassistisch-reaktionäres Argument mich frösteln macht: er wollte Nadschwas geneti-sches Erbe, das Blut ihres Vaters, nicht in den Adern seiner Kinder fließen sehen. Also auch nur ein Lebenslügner, kein aufgeklärt-rationaler Systemveränderer, als den er sich selbst so gern sah.
Und doch bleibt die weibliche Hauptfigur irgendwie blass und blutleer, mir fehlt kämpferischer Geist. Ein Auflehnen gegen ihr Schicksal, statt es passiv-depressiv zu akzeptieren.
Wir als Leserinnen und Leser mögen diesen Lebensweg nicht nachvollziehen können: wir leben selbst meist ein rationales, areligiöses, angeblich zeitgemäßes Leben und uns erscheint der Islam als eine Religion der Unterwerfung. Was das arabische Wort ja auch explizit bedeutet. Sich ergeben in den Willen Gottes. Eine sich unterwerfende Unzeitmäßigkeit. Wobei wir vergessen, dass bei uns in früheren Zeiten Nonnen Jesus als ihren Bräutigam sahen und heute die evangelikalen Sekten und die esoterischen New Age-Gruppen, die Hinwendung zum buddhisti-schen Karma-Glauben und das Pilgern in Guru-Ashrams sprießlich gedeihen und genau das widerspiegeln, was die Suche Nadschwas uns klar macht: die Sehnsucht nach etwas Höherem, das uns Sinn gibt, dem wir uns gern unterordnen.
Deutlich zeichnet die Lektüre die Ungeborgenheit in unserer Gesellschaft auf, die Innenräume durch Entfremdung und Marginalisierung. So wenden sich viele Migranten wieder ihrer ange-stammten Religion zu. Als Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit und den Ego-Trips der sog. Selbstverwirklichung. Back to the roots.
Gewiss werden manche dieses „Zurück“ als rein rückwärtsgewandt sehen und es dem Islam als weiteres Negativum zuordnen. Ich finde es jedoch wichtig, über die Beweggründe der Einzelnen nachzudenken und die eigene gedankliche Verkapselung zu hinterfragen.
„Die richtige Größe für seine eigene Welt zu haben und darum zu wissen, dass man selbst und die eigene Welt keineswegs festgeschriebene Dimensionen haben.“
(Jeanette Winterson:
Leila Aboulela konfrontiert…
Almut Scheller-Mahmoud aus Hamburg am 31.10.2021
Bewertungsnummer: 2790586
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Leila Aboulela konfrontiert uns mit Nadschwa, der Ich-Erzählerin dieses Romans. Er ist in sechs Kapitel gegliedert: zeitlich von 1984-2004 hin und her springend, was ich verwirrend finde. Er ist Schilderung einer Lebenssuche nach Geborgenheit, Zuneigung und Sicherheit mit vielen Irrungen und Wirrungen. Wir werden Zeuge dieser Auf und Abs, dieses Herausgeworfenseins aus einer afrikanischen Welt in eine graue und kühl-britische, aus einer Kindheit und Jugend einer verwestlichten Oberschicht in die Unsicherheit des Exils, ohne Eltern und Freunde, ohne Ressourcen. Ein Leben wie in einer Zwangsjacke. Nadschwas Leben in einer wohlhabenden einflussreichen Familie mit der zwillingssymbiotischen Beziehung zu ihrem Bruder Omar,„Und trotzdem lauerte in mir manchmal ein Schmerz wie von einer verheilten Wunde und Traurigkeit wie von einem vergessenen Traum“. Auf dem Campus der Uni sah sie betende Frauen, bewunderte die Choreographie ihrer Bewegungen. Sie fühlte eine starke Anziehungskraft zu dem politisch engagierten Anwar, obwohl er sie wegen ihrer Herkunft verspottete, ihren Lebensstil verachtete. Ein Putsch zwang Nadschwa, Omar und die Mutter überstürzt nach London abzureisen. Der Vater wurde verhaftet, ihre Ländereien und Häuser konfisziert, der Vater wegen Korruption angeklagt und gehängt. In London „…klaffte die Erde auseinander und wir stürzten in die Tiefe, entfremdeten uns voneinander, weil wir einander noch nie hatten fallen sehen.“ Die Mutter starb, Omar verbüßte eine sehr lange Haftstrafe, weil er fast einen Polizisten erstochen hatte. Nadschwa blieb allein, musste arbeiten. Ein Wiedersehen mit Anwar, der jetzt als politischer Flüchtling in London lebte. Sie wurden ein Paar trotz der unüberbrückbaren Unterschiede. In ihr wuchsen Schuldgefühle über die verlorene Jungfräulichkeit. Durch Wafâa erste Kontakte zur Moschee, wo sich Frauen regelmäßig zum Unterricht trafen. Diese Besuche wurden zu einer festen Konstante ihres Lebens. Sie begann den Hidschab zu tragen, die ramadanische Fastenzeit einzuhalten und Hoffnung zu nähren, dass Allah ihr ihr früheres Glück zurück geben bzw. ein anderes, neues Glück schenken würde. Anwar bezeichnete ihren Weg zum Glauben als Gehirnwäsche, er verstand nicht, dass Nadschwa in sich geborgen sein wollte und sich den „großen Dingen“ wie Meinungsfreiheit, Menschenrecht, Terrorismus entzog. Für sie war ihr Weg ein Peeling der Seele. Sie lernte den sehr religiösen Tamer kennen, viele Jahre jünger, es entwickelten sich zarte Gefühlsbande. Als sie sich küssten, wurden sie von seiner Schwester und ihrer Arbeitgeberin entdeckt. Aboulela gelingt es, die Seelennöte einer in die Fremdheit gestoßenen, lebensfremden jungen Frau nachvollziehbar zu schildern. Die aus der Wohlbehütetheit ihres bisherigen farbigen Lebens in ein glanzloses geworfen wird ohne jeglichen Kontakt zu Einheimischen. Die in ihren Liebes-beziehungen zu Anwar und Tamer scheiterte. Anwar, der sie nicht heiraten wollte. Dessen biologisch-rassistisch-reaktionäres Argument mich frösteln macht: er wollte Nadschwas geneti-sches Erbe, das Blut ihres Vaters, nicht in den Adern seiner Kinder fließen sehen. Also auch nur ein Lebenslügner, kein aufgeklärt-rationaler Systemveränderer, als den er sich selbst so gern sah. Und doch bleibt die weibliche Hauptfigur irgendwie blass und blutleer, mir fehlt kämpferischer Geist. Ein Auflehnen gegen ihr Schicksal, statt es passiv-depressiv zu akzeptieren. Wir als Leserinnen und Leser mögen diesen Lebensweg nicht nachvollziehen können: wir leben selbst meist ein rationales, areligiöses, angeblich zeitgemäßes Leben und uns erscheint der Islam als eine Religion der Unterwerfung. Was das arabische Wort ja auch explizit bedeutet. Sich ergeben in den Willen Gottes. Eine sich unterwerfende Unzeitmäßigkeit. Wobei wir vergessen, dass bei uns in früheren Zeiten Nonnen Jesus als ihren Bräutigam sahen und heute die evangelikalen Sekten und die esoterischen New Age-Gruppen, die Hinwendung zum buddh
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