Geschichten über Abschiede, die bedrücken, und Abschiede, die befreien, über das Gelingen und Scheitern der Liebe, über Vertrauen und Verrat, über bedrohliche und bewältigte Erinnerungen und darüber, dass im falschen Leben oft das richtige liegen kann und im richtigen das falsche. Geschichten von Menschen in verschiedenen Lebensphasen, ihren Ängsten, Verstrickungen und Hoffnungen. »Liebe und mache, was du willst« ist vielleicht kein Rezept für ein gutes Ende, aber eine Antwort, wenn andere Antworten versagen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
https://lieslos.blog/
5/5
06.08.2020
eBook (ePUB 3)
Unspektakuläre und bravouröse Geschichten.
In dem abwechslungsreichen Geschichtenband staunt man über die Phantasie des Autors, die so unterschiedliche, gleichermaßen fesselnde wie unspektakuläre Erzählungen zum Leben erweckt.
Es geht, wie der schöne, bildhafte Titel schon verrät, um die verschiedenen Arten von Abschied. Im Zentrum steht dabei das Abschied nehmen selbst und das, wovon man sich im Laufe des Lebens verabschieden muss:
von Nachbarn, von der Exfrau, vom Freund, von der Tochter, vom Bruder, von der körperlichen Unversehrtheit, von der eigenen Rolle, von einer Illusion, von einer Lebensphase, aber auch von Ängsten und Liebesgefühlen.
Wir lesen von Abschied, der Trauer, Ratlosigkeit, Enttäuschung und Wut auslösen, aber auch Erlösung und Befreiung sein kann.
Und es geht um Abschied, der manchmal notwendig ist, um seiner Haltung und damit sich selbst treu zu bleiben oder um sich Alternativen und neue Möglichkeiten zu eröffnen.
Ich kann mich nur staunend und anerkennend wundern, wie es Bernhard Schlink immer wieder aufs Neue gelingt, den Leser in Windeseile in fremde Welten hineinzuziehen.
Man findet sich schnell darin zurecht und bekommt einen wunderbaren Eindruck von den Charakteren, die in ihrer ganzen Komplexität und Vielschichtigkeit gezeichnet werden.
Beeindruckt bin ich auch von der Sprach- und Wortgewalt des Autos. Kurz und knapp, treffsicher und bildhaft, bringt er das, was er sagen will auf den Punkt.
Bernhard Schlink erzählt feinfühlig und schafft es scheinbar spielerisch, komplexe psychologische Sachverhalte klar und differenziert zu Papier zu bringen.
Beim Leser wird die ganze Palette der Gefühle angesprochen.
Die Geschichten haben Tiefe und der Autor vermittelt Einblicke in das Seelenleben und in menschliche Abgründe. Er spricht aus, was im Alltag oft verschämt oder aufgrund von Konventionen tabuisiert wird.
Chapeau!
Sechs der neun Erzählungen fand ich bravourös, drei etwas schwächer.
Die erste Geschichte in dem Band überraschte mich schon mal positiv.
Wir erfahren so Einiges über die Freundschaft des berenteten Ich-Erzählers zum bereits verstorbenen Andreas.
Beide Männer waren Mathematiker, beide lebten in der ehemaligen DDR. Andreas unternahm nach dem Bau der Mauer einen Fluchtversuch, musste vier Jahre ins Gefängnis und anschließend ein Jahr in die Fabrik. Der Ich-Erzähler wurde Leiter eines Instituts für Kinetik und förderte und unterstützte seinen Freund Andreas Jahre später in diesem Institut.
Aber er hat Andreas zeitlebens auch etwas verheimlicht.
Etwas, das die Freundschaft hätte belasten können, wenn es ans Tageslicht gekommen wäre.
Nach dem Tod des Freundes kommt dessen Tochter auf die Idee, Einblick in seine Stasi-Akte nehmen zu wollen. Der Erzähler will ihr das ausreden.
Hat er Sorge, dass das Geheimnis dann gelüftet würde und dass die Freundschaft dadurch postmortem Schaden nehmen oder zur Farce werden würde?
Diese Geschichte war unglaublich eindringlich, eindrücklich und spannend.
Dann folgt eine Geschichte, in der die Kränkung über einen erzwungenen Abschied zu einer „Mordswut“ führt. Diese Wut wird so groß, dass sie den Erzähler die Augen vor einem beobachteten Mord verschließen lässt.
Die komplexe Beziehung eines Geschwisterpaares steht im Mittelpunkt der nächsten Geschichte. Das verwickelte Verhältnis basiert auf Schuld und Sühne und lässt der Schwester kaum Frei- und Spielraum. Anderen ist der Zutritt nur bis zu einer bestimmten Grenze gestattet.
Um eine fast „alltägliche“ und klischeehafte Thematik geht es in „das Amulett“:
Die Ehefrau wird vom Ehemann wegen des Au-Pair-Mädchens verlassen und reagiert darauf schwer gekränkt.
Aber wie der Autor diese Geschichte erzählt, ist alles andere als alltäglich. Hier erkennt man ganz deutlich, dass er psychologisch versiert ist.
Er verschafft dem Leser einen Einblick in die menschlichen Abgründe, zeigt innere Ambivalenzen und die Notwendigkeit des Verarbeitens auf und formuliert das Ganze noch dazu bravourös.
Die Geschichte mit dem vielsagenden und zweideutigen Titel „Geliebte Tochter“ zeigt dem Leser eine ganz andere Seite des Autors.
Rasant strebt die vordergründig idyllische Handlung einem Höhe- und Wendepunkt zu.
Hinter den Kulissen wirft sie Fragen auf über sexuelle Identität, Verleugnung und Wertung.
Sie zeigt wieder einmal, dass alles komplexer ist, als zunächst angenommen.
Es ist eine Geschichte, die von Aufrichtigkeit, Unspektakulärem, Toleranz und Unkonventionalität geprägt ist.
In den folgenden Geschichten geht es um den kurzzeitigen Abschied aus Routine und Angepasstheit, Suizid, Trauerarbeit und den wehmütigen Einschnitt, den ein 70er Geburtstag darstellen kann.
Plötzlich wiegt die Vergangenheit mehr, als die Gegenwart.
Erinnerungen verschiedener Couleur und Gefühle jegliche Schattierung drängen sich in den Alltag und der Protagonist wird melancholisch bis subdepressiv.
In der letzten Geschichte geht es um Verlustangst: Ein alter Mann liebt eine junge Frau und hat Angst, sie zu verlieren. Er befürchtet, sie könnte einen Erwartungsdruck verspüren, sich vereinnahmt fühlen oder von ihm enttäuscht sein... und ihn verlassen.
Bernhard Schlink wirft in diesem absolut gelungenen Werk brisante und tiefgründige Fragen auf und bietet mit seinen Geschichten Diskussionsstoff.
Connie Ruoff
5/5
04.08.2020
eBook (ePUB 3)
Do you still feel the pain of the scars that won't heal?
„Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink ist ein Kurzgeschichtenband. Es sind Geschichten eines reifen Autors, der sich mit dem Alter und dem Abschied nehmen beschäftigt.
Bernhard Schlink Abschiedsfarben
Der Jurist und Autor Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren. 1995 erschien sein wohl bekanntester Roman „Der Vorleser“ (Rezension), den sicherlich die meisten Leser kennen und der heute als Erinnerungsliteratur Schullektüre ist. 2007/2008 wurde er von Stephen Daldry mit Kate Winslet, Ralph Fiennes und David Kross verfilmt.
Im Juli 2020 veröffentlichte Diogenes den Erzählband „Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink. Neun sehr dichte Erzählungen, vier davon möchte ich euch ein wenig näher vorstellen.
Als ich mir die Titel der Geschichten im Inhaltsverzeichnis anschaute, sprang mir sofort: „Daniel, my Brother“ ins Auge, deswegen möchte ich damit beginnen.
„Daniel, my brother“
Daniel my brother you are older than me
Do you still feel the pain of the scars that won’t heal?
Your eyes have died but you see more than I
Daniel you’re a star in the face of the sky
Elton John
Ich mag diesen Song von Elton John sehr. Ja, Bernhard Schlink bezieht sich tatsächlich auf diesen Song und stellt sich dabei die Frage:
Wie gehen wir mit Verlust um? Wie nimmt man Abschied von einem Bruder, einem Freund*in? Es ist nie leicht, einen Menschen zu verlieren, der einem nahe steht? Das ist eine Frage, die sich mit zunehmendem Alter immer mehr stellt. Natürlich liegt es daran, dass „Die Einschläge immer näher kommen“, wie es meine Oma so flott und zutreffend formulierte. Ich werde dieses Jahr 60 und kann das nur bestätigen. Auf einmal sind die Menschen, die im Bekanntenkreis sterben, im Durchschnitt gar nicht viel älter als man selbst.
Verändert sich unser Verhältnis zu einem Menschen, der gestorben ist? Was geschieht mit diesen ganzen unterschwelligen Spannungen und Gefühlen, die das Verhältnis zu dem verstorbenen Menschen geprägt hatten?
Ich glaube, aus dem Wissen heraus, dass keine aktive Interaktion mehr mit diesem Menschen stattfinden kann und alles bislang Ungesagte, ungesagt bleiben wird, gibt es eine „Schlussbetrachtung“, um Abschied zu nehmen, muss es einen letzten „Abschiedsblick“ geben, um trauern zu können.
Geliebte Tochter
„So oft wird aus etwas Richtigem etwas Falsches. Warum soll nicht ebenso aus etwas Falschem etwas Richtiges werden können?“
„Geliebte Tochter“. In: „Abschiedsfarben“, Bernhard Schlink. S. 150-
Eine Geschichte, die es in sich hat. Wenn man die einzelnen Vorkommnisse für sich betrachtet, gibt es ein Geschehen, das uns befremdlich anmutet, vielleicht sogar abstößt, zumindest aber als unpassend und unmoralisch, ja geradezu unethisch eingestuft werden könnte.
Aber das Ganze ist nun mal viel mehr, als die Summe seiner Teile. Es ist eine Geschichte bei der, zumindest meiner Meinung nach, alle Beteiligten einen ungewöhnlichen, aber irgendwie nahe liegenden und dennoch moralisch fragwürdigen, aber gelungenen Weg der Problemlösung gegangen. Das Ergebnis ist eine mehr als befriedende Lösung.
Diese Geschichte zeigt wieder einmal auf, dass es schwierig ist Sachlagen zu beurteilen, wenn einem nicht alle Informationen vorliegen. Es zeigt auch, dass jeder Fall eine Einzelfallprüfung braucht.
Hier wurden durch ungebührliches Verhalten viele Menschen glücklich.
Der Sommer auf der Insel
„Die Insel“, sagte sie, „die Insel“. Dann lächelte sie. „Erinnerst du dich an das graue Kleid mit dem kleinen runden Ausschnitt, den vielen Knöpfen und den langen Ärmels, das ich auf der Reise anhatte? Es hängt immer noch in meinem Schrank.“
„Künstliche Intelligenz“. In: „Abschiedsfarben“, Bernhard Schlink. S. 11.
Manchmal kann man Geheimnisse nicht mehr lüften, weil der Andere nicht mehr da ist. Was macht das mit einem selbst? Was geschieht mit dem schlechten Gewissen, dass man in sich trägt? Das Geheimnis wird nicht enttarnt. Man kann dafür nicht bestraft oder angeklagt werden. Dennoch löst es sich nicht in Luft auf. Das Schlimmste ist sicherlich, dass der Andere es einem nicht mehr verzeihen kann. Ich muss also einen Weg finden, es mir selbst zu verzeihen.
In „Künstliche Intelligenz“ geht dieses Dilemma noch weiter. Was geschieht, wenn Freunde von dem Geheimnis erfahren? Werden die Freunde, die Erklärung oder Entschuldigung, die du dir zurecht gelegt hast verstehen oder nachvollziehen können? Werden die Freunde dir im Namen deines Schuldigers verzeihen?
Das Hörbuch „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink
Das Hörbuch wird von Bernhard Schlink selbst gesprochen und erscheint am 26. August 2020. Sobald ich die Erzählungen gehört habe, werde ich diesen Punkt nachtragen. Ich freue mich schon sehr, weil ich finde, wenn der Autor selbst liest, gibt er mehr vom Text preis.
Ab 26. November 2020 ist es im BookBeat Katalog enthalten. Inzwischen sind viele, der bei Diogenes erschienen Bücher, in BookBeat enthalten.
Cover „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink
Das Covermotiv ist ein Gemälde von Mary Jane Ansell, „Odalisque II“, 2004. Das Gemälde zeigt eine Frau in einem roten Nachthemd, Kleid oder Morgenmantel, die sich gerade anfängt auszuziehen.
Ich finde, das Cover bzw. das Gemälde passt hervorragend zu diesem Erzählband. Auch Bernhard Schlink zeigt für mein Gefühl, viel Privates, Intimes – „er zieht sich aus“.
Fazit „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink
Bernhard Schlink präsentiert uns neun intelligente Erzählungen in einem präzisen fast schon nüchternen Stil. Die Texte sind dicht. Es sind intime Texte, zumindest empfand ich das beim Lesen so. Es sind Erzählungen, die den Leser zum Teil aus der Komfortzone holen. Der Autor beobachtet und skizziert seine Protagonisten genau. Obwohl es sich um Erzählungen, die nur zwischen 20 und 44 Seiten umfassen, handelt, sind die Charaktere bis in die Tiefe entwickelt. Bernhard Schlink ist kein Mann der Schwarz-Weiß-Malerei. Seine Erzählungen erfassen zahlreiche Grautöne, komplexe Verwicklungen und unvorhergesehene Wendung.
Kurz und gut: „Abschiedsfarben“ ist ein empfehlenswertes Buch, das mit großer Achtsamkeit geschrieben wurde.
Besonders Leser in meinem Alter werden dieses Buch lieben. Ich fühlte mich verstanden.
Bewertung
aus Russikon
4/5
23.08.2020
eBook (ePUB 3)
Abschiedsfarben
Die Geschichten haben mir meist sehr gefallen, oft mit einem Schmunzeln!
Herbstrose
Thalia Book Circle Community
5/5
09.04.2026
Buch (Taschenbuch)
Neun Kurzgeschichten über verschiedene Abschiede
Abschied kann bedrückend sein, kann auch befreien. Auch der Tod kann Abschied bedeuten, ein Abschied für immer - und der ist besonders quälend, wenn man eine alte Schuld nicht vorher klären konnte. Manchmal muss man sich auch von einer Liebe verabschieden, gewollt oder ungewollt. Abschied nehmen bedeutet auch, sich von einem Lebensabschnitt verabschieden und etwas Neues wagen. Mit jedem Abschied und jedem Neubeginn sind auch Erinnerungen und Gefühle verbunden, die dann besonders stark aufkommen. Quälend ist auch die Angst vor drohendem Verlust, selbst die Ahnung davon verursacht Unbehagen.
Wie ein buntes Kaleidoskop präsentiert uns hier der Autor neun Kurzgeschichten, die sich alle mit dem Thema Abschiednehmen befassen, und doch sehr unterschiedlich sind. Die Geschichten sind sehr vielfältig und handeln von Menschen meist höheren Alters, die sich in verschiedenen Phasen des Lebens befinden. Die Sprache ist einfühlsam und vermittelt sehr emotional auch die Gedanken der Menschen, warum sie so und nicht anders handeln. Es sind ruhige leise Worte mit sehr viel Tiefgang, die uns Leser*innen dazu anregen, über die eigene Situation nachzudenken.
Bernhard Schlink, geb. 1944 im heutigen Bielefeld, aufgewachsen in Heidelberg, ist ein deutscher Jurist, pensionierter Hochschullehrer und Schriftsteller. Seinen schriftstellerischen Weltruhm erlangte er mit dem 1995 erschienenen Roman „Der Vorleser“, der in über 50 Sprachen übersetzt wurde. Die Erzählsammlung „Abschiedsfarben“ erschien 2020 und erreichte Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Der Autor hat eine US-amerikanische Lebensgefährtin und einen erwachsenen Sohn aus geschiedener Ehe. Schlink pendelt zwischen seinen Wohnsitzen in New York und Berlin.
Fazit: Einfühlsame Geschichten von einem begnadeten Erzähler.
Bewertung
5/5
13.09.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Absolut empfehlenswert!
In Schlinks´s Kurzgeschichten geht es um alle Arten von Abschieden. Abschiede von geliebten Menschen, von Freundschaften, der eigenen Kindheit und vielen mehr. Die Erzählungen sind dabei so feinfühlig geschrieben, dass es leicht fällt darin einzutauchen. Jede einzelne dieser Geschichten regt zum Nach- und Weiterdenken an.
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