Als Jolandas Vater Pax kurz vor ihrem Abitur stirbt, kann ihre Mutter es nicht fassen. Jolanda muss ins Krankenhaus, um nachzufragen, ob er wirklich tot sei. Es stimmt - Ex um drei Uhr dreiundzwanzig, wird ihr mitgeteilt. Doch ihre Mutter weigert sich noch immer, seinen Tod zu akzeptieren. Verwirrt und wie gelähmt spielen Jolanda und ihre jüngere Schwester Lilli das Spiel mit. Aber die künstliche Normalität ist brüchig. Erinnerungen an das Leben mit Pax holen Jolanda ein: Die Nordseepension, die er betrieb, ohne je einen Gast zu haben. Seine aufbrausende Unberechenbarkeit. Seine leidenschaftliche, wütende, irrsinnige Suche nach einem verschollenen Schiffswrack. Als die kleine Lilli voller Verzweiflung nachts ins Watt läuft, um nach dem Vater zu suchen, führt das Leugnen seines Todes fast in die Katastrophe. Jolanda muss handeln. Jana Scheerers Roman Das Meer in meinem Zimmer erzählt von einer Familie, die ihr Zentrum verliert und sich neu finden muss - alle zusammen und jede für sich allein.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Bewertung
aus Dalberg
5/5
31.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein unglaublich berührender Roman vor der Kulisse der Nordsee
„Das Meer in meinem Zimmer“ von Jana Scheerer ist im Juli 2020 im Verlag Schöffling & Co. erschienen. Der Roman umfasst in der gebundenen Ausgabe 256 Seiten.
Jolanda Jellerich macht gerade ihr Abitur und alles könnte so schön und unbeschwert sein in ihrem Leben – ist es aber nicht und dies schon über einen sehr langen Zeitraum.
In Rückblenden und aus der Ich-Perspektive berichtet Jolanda von ihrem schwierigen Vater, der psychisch erkrankt ist, Leukämie hatte und letztendlich daran verstorben ist. Zudem neigte er zur Gewalttätigkeit und war besessen von der Suche nach einem untergegangenen Schiff. Mit der schwierigen Lebenssituation ihres Mannes und letztendlich auch seinem Tod kommt Constanze, die Mutter von Jolanda, nicht klar. Sie steht hilflos und teilweise auch kopflos daneben, obwohl sie selbst Psychologin ist. Jolanda muss immer wieder Aufgaben übernehmen, die ihr sehr viel abverlangen, die ihr als Mädchen/junge Frau nicht gerecht werden und sie heillos überfordern.
Letztendlich muss sich die Familie in der neuen Konstellation zurechtfinden und es gibt Hoffnung.
Jana Scheerer gelingt es in ihrem Roman den Leser durch ihren feinfühligen und fesselnden Schreibstil in den Bann zu ziehen. Ich als Leserin fühlte so ab der ersten Seite sowohl was die Höhen als auch die Tiefen von Jolanda anbelangt, mit und konnte mich gut in die Protagonistin hineinversetzen und ihre Gefühle und Gedanken nachvollziehen. Jolanda ist eine starke Protagonistin, die den Leser all ihre Gefühlsebenen durchlaufen lässt. Oft handelt es sich hier um die Hoffnungslosigkeit, aber auch um das Gefühl der Trauer, der Schwere der Verantwortung und der Ernsthaftigkeit, mit der Jolanda vielen Geschehnissen angeht. Beim Lesen ist diese Schwere oft direkt spürbar und man meint fast, davon erdrückt zu werden. Aber dies macht in meinen Augen auch den Reiz des Romans aus. Es ist sicherlich keine leichte Lektüre.
Besonders gefallen hat mir auch das Setting des Meeres, das immer wieder auftaucht und oft als Vergleich im Leben der Familie Jellerich herangezogen wird.
Fazit: Ein eindrücklicher Roman mit einer starken und modernen Protagonistin, die vom Verlust des Vaters innerhalb ihrer Familie erzählt und der Neuorientierung dieser.
Es war für mich ein berührendes Erlebnis, dieses Buch zu lesen und in die Welt von Jolanda einzutauchen.
Miro76
aus Wels
5/5
29.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn der Schlickmergel ruft
Pax war Zeit seines Lebens auf der Suche nach der Jolanda, die immer mal wieder im Watt auftaucht. Ein Schiffswrack mit einer Legende und einem Geist. Der Schlickmergel, der macht den Sturm.
Und Sturm wütete immer wieder mal in Pax Kopf. Dann warf er mit Gegenständen, beschimpfte Frau und Kinder oder weinte tagelang, eingesperrt in seinem Zimmer. Das war die Zeit für einen weiteren "Schatzsucherkongress".
Jetzt ist Pax tot und seine Frau und seine beiden Töchter müssen damit zurechtkommen. Jolanda hat eben maturiert und sollte eigentlich feiern, aber ihre Mutter will den Tod nicht wahrhaben und es ist an Jolanda, den Kopf zu bewahren. Völlig überfordert mit der Situation irrt sie durch ihr Leben auf der Suche nach Hilfe und erinnert sich dabei ihrer Kindheit und Jugend mit ihren Eltern.
Wenn man anfangs noch den toten Vater betrauert, ändert sich die Stimmung beim Lesen schnell. Der Vater ist ein narzisstischer, cholerischer Mann, der unter einer schweren psychischen Erkrankung leidet und seine Stimmungen immer wieder an seiner großen Tochter auslässt.
Die Mutter, eigentlich Psychologin, versucht diesen Zustand immer wieder zu ignorieren. Als Alleinverdienerin ist sie mit ihrem Alltag überfordert und sucht ebenfalls Unterstützung bei ihrer großen Tochter. Deshalb bekommt sie auch schon zum 12 Geburtstag die "Erlaubnis" ihre Eltern mit dem Vornamen anzureden. Mama und Papa wäre ja mittlerweile zu kindisch. Die Eltern wollen sich freikaufen, denn es gibt ja mittlerweile eine zweite Tochter, um die sich Jolanda ebenfalls regelmäßig kümmert.
Diese Geschichte entwickelt sich völlig anders als erwartet. Doch ich bin positiv überrascht. Die jugendliche Erzählerin zeigt sich in einem interessanten Licht. Ihre Gedanken sind manchmal etwas wirr, doch sie weiß ihre Welt zu beschreiben. Sie jammert nicht, obwohl sie häufig Grund dazu hätte und sie ist Meisterin darin, allem oder zumindest vielem etwas positives abzugewinnen. Ihre Art, ihre Umwelt zu betrachten und zu begreifen hat etwas sehr erfrischendes und zugleich tieftrauriges, denn einfach nur Kind sein, durfte sie nie.
Man könnte jetzt meinen, die Familie wäre ohne diesen Vater besser dran, doch ihr Alltag hat sich immer um ihn und seine Stimmungen gedreht. Die Familie muss sich völlig neu strukturieren und erfinden. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer am Ende.
Mir hat diese berührende Geschichte sehr gut gefallen. Die Erzählerin ist ein großartiges Mädchen, zeigt Stärke und Resilienz. Ein komplett anderer Roman als erwartet in großartigem Setting, mit spannender Handlung und erhellenden Rückblenden.
Bewertung
5/5
27.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch, dass betroffen macht
Für Jolanda Jellerich der Ich-Erzählerin in dem Buch "Das Meer in meinem Zimmer" von Jana Scheerer, fühlt sich das Leben auf der Insel keineswegs an,wie das Leben der Glückseligen, wie es das Schild am Fähranleger verspricht. Das liegt nicht nur daran, dass ihr Vater gerade gestorben ist und sie traurig über den Verlust eines geliebten Menschen wäre. In den vielen folgenden Rückblenden wird sehr schnell klar, dass die Familie alles andere als glücklich war. Der Vater, Pax hatte große psychische Probleme, war gewalttätig und unberechenbar, selbstmordgefährdet. Obwohl Constanze, ihre Mutter, selbst Psychologin ist, kommt sie mit der Situation nicht zurecht. Sie zieht sich ständig aus der Verantwortung, und überlässt Jolanda das Feld. Das passiert als die kleine Schwester geboren wird, als Pax an Leukämie erkrankt und als er schließlich stirbt.
Das Buch beginnt damit, dass Constanze ihre Tochter Jolanda bittet ins Krankenhaus zu fahren, um nachzufragen, ob ihr Vater wirklich gestorben ist. Sie meint den Anruf falsch verstanden zu haben. Mit kurzen prägnanten Sätzen beschreibt die Autorin das Gefühlschaos, dass in Jolanda tobt. Die Mutter glaubt ihr nicht, ignoriert die Nachricht und macht einfach weiter wie bisher. Jolanda's "Nulltagsfeier" steht an. Das Abitur ist geschafft, aber sie kann doch nicht feiern gehen, sich als Zwerg verkleiden, wenn ihr Vater gerade gestorben ist. Doch die Mutter klebt ihr noch den Bart an und wünscht ihr viel Spaß.
Viele kleine Szenen aus der Vergangenheit, machen wirklich betroffen. Da schwänzt Jolanda die Schule, weil sie eine diffuse Angst hat, dass der Vater ins Watt läuft und nicht mehr zurückkehrt. Pax ist Künstler und Kunstlehrer, allerdings aufgrund seiner psychischen Erkrankung arbeitslos und besessen davon das Wrack eines untergegangenen Schiffes zu entdecken. Auch die Verantwortung für die kleine Schwester lastet schon kurz nach deren Geburt auf Jolanda, da die Mutter schnell wieder arbeiten geht und Pax natürlich überfordert ist und statt wie ein Erwachsener zu handeln mit dem Baby um die Wette schreit, bis Jolanda die Situation entschärft. Es ist einfach herzzerreißend so etwas zu lesen. Dabei schreibt Jana Scheerer durchaus mit Humor, doch dieser bleibt einem oft im Halse stecken.
Gut gefallen hat mir, dass die Autorin das Meer, das Watt, den Schlick wie Metaphern verwendet, um so die Gefühlswelt ihrer Figuren zu erklären.
Am Ende sagt Constanze : " Hauptsache der Deich hält." Aber Jolanda denkt:" Vielleicht ist es besser, wie eine Hallig zu leben: Einen Bereich festzulegen, der überschwemmt werden kann von Zeit zu Zeit. Solange man eine Warft hat, auf die man sich zurückziehen kann, geht das."
Dieses berührende Buch hatte für mich ein versöhnliches Ende und wird sicher noch eine Weile nachhallen.
gaia
5/5
26.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Meer kann viele Farben haben, wenn man genau hinschaut...
Dieser Roman von Jana Scheerer ist "schrecklich schön", da der Inhalt viel schrecklicher und schwerer zu ertragen ist, als vom Klappentext zu vermuten, und schön, weil die Sprache der Autorin herausragend passend diesen Inhalt vermittelt.
Es geht eben nicht "nur" um einen verstorbenen Vater. Nein, Scheerer beschreibt in einem Erzählstrang die Geschehnisse in den 24 h ab Todesmittelung an die Familie und dazwischen schiebt sie gekonnt Rückblenden aus dem zerrütteten Familienleben vor dem Tod des Vaters Pax. Besonders diese Tableaus erschrecken immer wieder in ihrer Heftigkeit und mitunter psychischen Grausamkeit. Dabei vermittelt die Sprache der Autorin eine pragmatische Abgeklärtheit. Die Ich-Erzählerin Jolanda, älteste Tochter von Pax, bei dessen Tod gerade das Abitur abgeschlossen, nutzt eine reduzierte und durchaus mit trockenem Witz versetzte Sprache um ihre Erlebnisse darzulegen. So müssen Emotionen gar nicht explizit ausgesprochen werden, sondern werden durch die reduzierte Sprache besonders gut transportiert. Die lakonische Art des Erzählens evoziert beim Leser daher noch mehr die Emotionen der Protagonisten und lässt den dringenden Wunsch entstehen, aktiv in die quälende Handlung eingreifen zu können. Es ist bisher nur wenigen Autoren gelungen, mein Herz so fest zu packen und dabei zuzudrücken. Die Unerträglichkeit wird fast körperlich spürbar. Die Sprache der Autorin stellt für mich die größte Stärke des Buches dar.
Insgesamt handelt es sich hier um einen intensiven Roman, der es in seiner Kürze schafft eine breite Palette an Emotionen beim Leser zu erzeugen. Das Meer kann viele Farben haben, wenn man genau hinschaut...
Bewertung
5/5
20.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mein Vater, das Genie!
Obwohl das Krankenhaus es eindeutig bestätigt hat, bestreitet Jolandas Mutter den Tod ihres Mannes. Jolanda versucht sie in die Realität zurück zu rufen, doch Constanze lässt sich nicht umstimmen.
Als sie das Spiel mitspielt, da ihr die Energie fehlt, selbst an den Tod zu glauben, verschwindet eines Tages ihre kleine Schwester im Wattenmeer, um den Traum ihres Vaters zu verwirklichen: Das versunkene Segelschiff "Jolande" finden!
Und Jolanda steht mit sich selbst im Zwiespalt, denn sie hatte Pax versprochen, ihn vor seiner Beerdigung noch einmal zu malen, so wie er immer gemalt hatte.
Eine Geschichte, die zeigt, wie stark die Liebe zu einer Person, die man absolut verabscheut sein kann.
Die Erwartungen eines Vaters zu erfüllen ist für viele das wichtigste im Leben, und Jana Scheerer stellt mit malerischer Ästhetik dar, wie schädlich sich zu hohe Erwartungen auf Kinder auswirken können.
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