»Fear is a man's best friend« lautet das Motto von Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband Hotel der Schlaflosen, und tatsächlich ist es oft die Angst, die seinen Figuren aus der Not hilft. Der alternde Dozent, dem während einer Autopanne in der mexikanischen Wüste die Logik der Liebe aufgeht, die Geigerin, die eine finale Diagnose erhält, oder das Kind im Treppenflur, das seine Prügelstrafe erwartet - sie alle erfahren Angst auch als spiegelverkehrte Hoffnung. Und sogar in der erschütternden Titelgeschichte, dem Gespräch des Schriftstellers Isaak Babel mit Wassili Blochin, seinem Moskauer Henker, für den eine Pistolenkugel die letzte und höchste Wahrheit ist, lässt uns der Autor teilhaben an der Einsicht, dass es eine höhere gibt. Nach dem überaus erfolgreichen, in fünfundzwanzig Sprachen übersetzten Roman-Diptychon Im Frühling sterben und Der Gott jenes Sommers legt Ralf Rothmann mit Hotel der Schlaflosen seinen neuen, von mitreißender Sprachkraft und großer Empathie getragenen Erzählungsband vor, elf Meisterstücke - und en passant eine Chronik menschlicher Befindlichkeiten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart.
Kundinnen und Kunden meinen
4.9/5.0
Bewertung
aus Scherzingen
5/5
18.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wow!
Wusste anfangs nicht was mich erwartet. Spätestens nach der Titelgeschichte war ich aber total gefesselt. Inhaltlich und sprachlich eine Wucht, und Geschichten, die lange im Gedächtnis bleiben.
Circlestones Books Blog
5/5
14.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Elf Erzählungen und elf Entscheidungen
„Aber am besten verstehen wir es, feine Klingen zu machen, schön graviert. Manche Messer, die man im Ärmel trägt, sind schmal wie Bleistifte und so unglaublich spitz und scharf: Man spürt sie erst kaum, hat nur ein kleines unbehagliches Gefühl.“ (Zitat aus „Der Dicke Schmitt“, Seite 88)
Inhalt und Thema
Dieser Erzählband umfasst elf Geschichten, in denen es um Menschen und jenen kleinen Augenblick geht, in dem eine Entscheidung gefällt wird. Diesem Moment ordnen sich alle nachfolgenden Ereignisse unter. Es sind gefährliche Situationen, plötzliche Ereignisse, in denen das Handeln Mut erfordert, oder scheinbar ausweglose Momente, und immer besteht eine Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten.
Handlung und Schreibstil
Der Autor lässt in einer klaren, verständlichen, aber niemals überflüssig erklärenden Sprache seinen Figuren immer die freie Wahl der Entscheidung und des Handelns. Einige der Geschichten sind beklemmend und düster, doch auch hier gibt es mehrere Möglichkeiten, selbst ein Kind nach einer harten Kindheit im Elend könnte es im Erwachsenenleben anders machen und ein Genosse Major kann umdenken, auch wenn er riskiert, dann vom Täter selbst zum Opfer zu werden. Es sind Erzählungen über mutiges und weniger mutiges Verhalten und darüber, sich bietende Chancen zu ergreifen. Eine Geigerin vor dem Konzert, deren Problem nicht nur eine gerissene Seite und die Ersatzseiten im Hotel sind, fragt sich bei der Fahrt durch die Gegend, wo sie aufgewachsen ist „Wie viele Erinnerungen haben zwischen zwei Herzschlägen Platz?“ (Seite 16) und in der letzten Geschichte stellt der Protagonist mit Erstaunen fest, dass die Erinnerungen im Alter zu einer eigenen, völlig neuen Realität werden können.
Fazit
Elf Erzählungen, elf Situationen und elf Entscheidungen, die uns beim Lesen nachdenklich stimmen, noch lange nachklingen mit der Frage, was wir in einem ähnlichen Fall tun würden oder vielleicht getan hätten.
Bewertung
5/5
14.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ralf Rothmann
ich lese Rothmann seit Jahren, zu seinen storys und zu seinem Schreibstil finde ich leicht Zugang, so auch wieder zum Hotel der Schlaflosen, so unterschiedlich die Geschichten auch sind, Rothmann. hat mich auf Isaac Babel aufmerksam gemacht, und Südcalifornien ist mir vertraut, war angenehm zu lesen, hab die besonderen Härten nicht nur deprimierend, auch als belebend und realitätsnah empfunden.
Günter Blumenthal
https://lieslos.blog/
5/5
14.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abwechslungsreich, vielschichtig und faszinierend. Unbedingt lesen!
Angst, die beste Freundin des Menschen?
Dieser Gedanke, den Ralf Rothmann seinem Erzählband voranstellt hat und der das verbindende Motto seiner Geschichten ist, hat mich prompt neugierig gemacht und zum Assoziieren angeregt.
Angst kann einen beschützen, weil sie einen innehalten und skeptisch werden lässt, weil sie die Konzentration bündelt und einem den Weg weist und weil man so einer Gefahr entkommt. Sie kann einem, wie es in der Kurzbeschreibung steht, „aus der Not helfen“.
Aber sie kann, wenn sie keine reale Berechtigung hat, auch hemmen und lähmen. Dann ist sie kein offensichtlicher Freund.
Wenn diese Art von Angst aber als psychologischer Fingerzeig ernst genommen wird, dann kann sie eines Tages auch als Freund gesehen werden.
Nämlich dann, wenn sie einem im Rahmen einer psychoanalytischen Behandlung geholfen hat, innere Konflikte zu erkennen und zu überwinden...
Ralf Rothmann präsentiert uns 11 Erzählungen, in denen er besondere Augenblicke oder Phasen fokussiert. „Besonders“ in dem Sinn, als dass sie im Leben des Betroffenen eine Wende darstellen, weil eine Entscheidung gefordert wird.
Er schreibt über Erinnerungen, Chancen und Mut und zeigt immer wieder auf, dass man die Wahl hat und sein Leben oder zumindest etwas davon aktiv in die Hand nehmen kann.
Nun ein kurzes Brainstorming, um eine Ahnung zu vermitteln, um was es in dem Buch geht:
Eine todkranke Violinistin muss noch schnell zurück ins Hotel, um Ersatzsaiten zu holen.
Ein sowjetischer Offizier ist im Keller eines Hotels für Exekutionen zuständig.
Ein misshandeltes Kind wird zu einer misshandelnden, ihre Katze quälenden, Erwachsenen.
Ein Sohn identifiziert die mumifizierte Leiche seines Vaters.
Vater und Sohn spazieren zu einem Spielzeuggeschäft und werden von einem Mann im Bademantel mit einer Waffe bedroht.
Eine Frau nimmt Kontakt zu ihrer ehemaligen Kommilitonin und Mitbewohnerin auf, um wertvolle Informationen zu erhalten.
Der Autor entführt uns an die verschiedensten Orte:
Auf eine Baustelle, in die Wüste Mexikos, auf einen Pferdehof, zu Filmarbeiten ins West-Berlin des Jahres 1981 direkt an der Mauer...
Ralf Rothmann übersetzt Alltagsszenen, die von Traurigkeit, Wut und Ausweglosigkeit, aber auch von Nostalgie, Heiterkeit und Hoffnung durchzogen oder überschattet sind mit scheinbarer Leichtigkeit und voller Lebendigkeit in literarischen Hochgenuss und
beschreibt die Realität poetisch, ungeschönt und ohne Umschweife.
Es ist faszinierend, wie er den Leser in Windeseile in die inneren und äußeren Welten seiner sehr unterschiedlichen und in ihrer ganzen Komplexität gezeichneten Protagonisten hineinwirft.
Er bringt mit wenigen und wunderschönen, hieb- und stichfesten Worten auf den Punkt, was Bedeutung hat und wichtig ist und bringt mit seiner großen Bandbreite an unterschiedlichen Handlungsorten, Figuren, zeitlichen Kontexten und Themen Abwechslung und Schwung ins Buch.
Chapeau.
Ich empfehle diesen berührenden und eindringlichen, vor Ideen und Einfällen strotzenden Erzählband sehr gerne weiter.
Die überwiegend düsteren und beklemmenden, aber durchgehend fesselnden Erzählungen faszinierten mich und brachten mich zum Innehalten und Nachdenken.
Zu diesem höchst abwechslungsreichen und vielschichtigen Werk werde ich sicherlich immer wieder greifen.
Es bekommt einen bleibenden Platz in meinem Bücherregal.
C. Welser
aus Salzburg
5/5
15.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Anspruchsvolle, stilistisch überaus...
Anspruchsvolle, stilistisch überaus vielfältige Kurzgeschichten, die den Leser unvermutet treffen und definitiv einen Eindruck hinterlassen. Eindeutig Geschichten mit Nachhall. Sehr empfehlenswert!
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