Eine Gruppe pakistanischer Flüchtlinge protestiert gegen das Asylgesetz und besetzt eine Kirche. Uwe Tinnermanns, Journalist einer Boulevardzeitung, wittert seine Chance für beruflichen Aufstieg und startet eine Kolumne, um über das Protestlager zu berichten. Allerdings ist die Realität recht unspektakulär, weshalb er die Ereignisse ausschmückt, nach eigenem Gutdünken dramatisiert und die Pakistanerin Veena Shahida als Symbolfigur des Protests in Szene setzt. Damit erlangt die Protestbewegung zwar öffentliche Aufmerksamkeit, die Chancen auf Asyl verschlechtern sich aber vor allem für Veena Shahida, deren Geschichte zunehmend unglaubwürdig erscheint. Ihre Anwältin Birgit Toth versucht den Fall mit allen Mitteln durchzubringen und stellt sich gegen den Protest. Wer sagt die Wahrheit und welche Wahrheit hat vor Gericht und vor der Öffentlichkeit Bestand?Daniel Zipfel widmet sich auch in seinem neuen Roman den Grauzonen der Asylpolitik. Auf gleichermaßen spannende wie eindringliche Weise zeigt er, wie es um das Schicksal von Menschen steht, wenn persönliche Interessen im Spiel sind und dass die Wahrheit weitaus komplexer als ihre. „Fakten“, sagte er. „Nüchterne Fakten. Das brauchen die Antragsteller, das braucht dieBevölkerung. Keine Mitleidsgeschichten, nein, das braucht wirklich niemand.“
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Sikal
5/5
30.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gelungene Gesellschaftskritik
Nachdem ein pakistanischer Flüchtling bei einem Polizeieinsatz stirbt, eskaliert die Lage rund um die Wiener Votivkirche. Demonstrationen und die Zuflucht in der Kirche sind die Folge. Doch der Roman zeigt auch das Bild der Medienwelt, ein Bild voller Manipulation und Sensationsgier.
Als der Journalist Uwe Tinnermann ein Foto schießt, auf dem die junge Pakistanerin Veena von einem Polizisten geschlagen am Boden liegt und hilfesuchend den Blick hebt, wird etwas in Gang gesetzt, was sehr gut aufzeigt, wie weit es her ist mit der Interpretation von Bildern. Was wollen wir sehen? Was wird uns geboten? Worauf wird gezeigt und was beiseitegelassen? Veena wurde natürlich nicht geschlagen, sie war hingefallen und der Polizist wollte ihr helfen…
Doch der Journalist lässt nicht locker, wittert seine Chance auf den ganz großen Coup und erzählt von einer Wahrheit, die es in der Form einfach nicht gibt.
Tinnermann nimmt Veena als Symbolfigur und versucht sein Konstrukt an Fakten rund um sie aufzubauen. Dass dies schiefgehen muss, erkennt man als Leser relativ bald, doch Veena hört nicht mehr auf ihre Anwältin Birgit Toth, die dem Gericht beweisen soll, dass Veena keinesfalls abgeschoben werden darf. Doch die Wahrheiten vermischen sich in einem bald undurchschaubaren Gewirr.
Der Autor Daniel Zipfel schafft es mit diesem Roman die Macht der Medien aufzuzeigen. Wie viele Graustufen der Wahrheit gibt es? Wie weit kann diese gedehnt werden, damit die Menschen sie noch annehmen?
Der Roman wirft schon einige Fragen auf und hallt auch lange nach, denn dieses Thema begleitet uns laufend. Gerne vergebe ich hier 5 Sterne
Miro
aus Wels
5/5
05.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist wahr und was nur so dargestellt?
Im Dezember 2012 besetzten einige Flüchtlinge die Votivkirche in Wien und forderten anfangs Verbesserungen beim Dolmetschdient, Sprachkurse, Unterricht für die Kinder und später auch Arbeitsgenehmigungen und Aufenthaltstitel. Da sie nicht gehört wurden, traten einige von ihnen in Hungerstreik.
Diese Geschichte und wahrscheinlich auch deren Darstellung in den Medien inspirierte den Autor zu diesem Roman.
In diesem Roman beginnt alles mit einem Protestmarsch in der Wiener Innenstadt. Ein geflüchteter Pakistaner ist ums Leben gekommen und es wird protestiert gegen Abschiebungen und Polizeigewalt. Aus Zufall gelingt dem Journalisten Uwe Tinnerman ein Foto, das den Anschein erweckt, als hätte ein Polizist die junge Pakistanerin Veena Shahida geschlagen. Er erkennt sofort die Brisanz dieses Bildes und stört sich nicht daran, dass die junge Frau in Wirklichkeit gestürzt ist und der Polizist ihr nur aufhelfen wollte.
So nimmt alles seinen Lauf. Es werden Fakten geschaffen, um eine Geschichte zu erzählen. Die junge Frau ist erst empört, spielt dann aber schnell mit, weil sie sich Hilfe für ihren Aufenthaltstitel erhofft.
Von ihrer Anwältin erwartet sie nicht mehr viel. Sie hat das Gefühl, ihre Geschichte nicht erzählen zu können. So ergeht es auch den anderen Flüchtlingen. Sie möchten endlich gehört und gesehen werden und Uwe Tinnermans scheint ihnen das zu ermöglichen.
Diese Geschichte dreht sich immer wieder. Wer erst glaubwürdig und sympathisch wirkte, kann sich im nächsten Moment als Lügner entpuppen und wer hartherzig wirkte, zeigt plötzlich Empathie. Man weiß nicht, was man glauben kann und will. Nur der skrupellose Journalist Uwe Tinnerman zieht sein Ding ohne Rücksicht auf Verluste durch, denn er will Karriere machen.
Als Leser*innen stehen wir vor der großen Frage, was ist Wahrheit, wie dehnbar ist dieser Begriff und wie gehen wir in Zukunft mit "Fakten" um. Die Medien besitzen eine Gewalt, die definitiv hinterfragt und kontrolliert werden muss.
Kann Daniel Zipfels Geschichte Realität werden? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass sich die einzelnen Medien auch gegenseitig kontrollieren und das weiterhin seriöse Recherche betrieben wird. Auf jeden Fall sollte man sich gut überlegen, wo man sich informiert!
Der Roman ist sehr gelungen und lässt uns mit einer Menge Fragen zurück. Aber so ist es ja auch im wahren Leben. Da wissen wir auch nicht immer wie alles ausgeht. Von mir gibt es auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung für diesen vielschichtigen Roman, der ganz einiges an Realitätsbezug vorweisen kann.
Miss.mesmerized
5/5
03.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Daniel Zipfel - Die Wahrheit der anderen
Nach dem Tod eines asylsuchenden Pakistaners ist die Stimmung in Wien aufgeheizt. Auf einem zentralen Platz demonstrieren Freunde des Toten und Sympathisanten gegen Polizeigewalt und Asylpolitik. Der Journalist Uwe Tinnermans, der für das Boulevardblatt Metro schreibt, wittert seine Chance auf einen Scoop und tatsächlich gelingt ihm ein aufsehenerregendes Foto mit der jungen Pakistanerin Veena Shahida und einem Polizisten. Dass die Situation sich real ganz anders darstellte als das, was man beim ersten Blick auf dem Bild zu erkennen glaubt – geschenkt. Zunächst ist die junge Frau verärgert darüber, ohne Zustimmung überall ihr Gesicht zu sehen, doch dann glaubt sie in dem Reporter jemanden gefunden zu haben, der für sie kämpft und ihr zu einem Aufenthaltstitel verhelfen kann. Ganz im Gegensatz zu ihrer Anwältin, zu der sie das Vertrauen verloren hat. Ein Journalist voller Sensationsgier und bereit für den großen Sprung auf der Karriereleiter und eine Gruppe von wütenden Asylbewerbern – eine brisante Mischung, die die österreichische Hauptstadt aufzumischen droht.
Daniel Zipfel ist studierter Jurist und im Bereich der Flüchtlingsarbeit gearbeitet, weiß also, worüber er schreibt. Mich hat der Roman aufgrund der immer noch aktuellen Thematik gereizt, vor allem die Spannung zwischen realen Geschehnissen und deren Darstellung in und Instrumentalisierung durch die Medien finde ich ein problematisches, wenn auch ausgesprochen interessantes Motiv. Die Umsetzung gelingt dem Autor hervorragend und noch viel mehr als erwartet zeigt er auf, an welchen Stellen Wahrheit und Erzählung auseinanderfallen können und wie ganz individuelle Motivationen nachhaltig den Verlauf der Dinge beeinflussen können.
„Wir sind Welterzähler. Wir vereinfachen eine Welt, die zu kompliziert geworden ist.“ (S. 170)
Die Rolle der Medien ist eine ganz wesentliche in unserer Welt. Es ist völlig unstrittig, dass viele Konflikte und Sachverhalte für den Durchschnittsmenschen nicht mehr über- oder durchschaubar sind und dass Zeitung, Fernsehen und zunehmend auch Internet hier eine Vermittlerrolle übernehmen müssen, um Aufklärung und Information zu betreiben. Als sogenannte vierte Gewalt kommt den Medien zudem ein Kontrollauftrag zu, der in einer Demokratie auch nicht zu unterschätzen ist.
„Seit wann stört es dich, wenn man da und dort ein wenig nachhilft?“ (S. 122)
Wer jedoch kontrolliert die Medien? Sie selektieren, viele Ereignisse kommen gar nicht erst durch oder müssen sich mit einer kleinen Randnotiz begnügen. Im Roman gehen die beiden Journalisten Tinnermans und sein Mentor Brandt jedoch noch weiter: sie berichten ohne Faktenlage, reimen sich Dinge zusammen und schreiben gnadenlos ab. Sie schaffen neue Kontexte und damit Wahrheiten, die es vorher nicht gab. Wo Brandt durch seinen Alkoholgenuss gelegentlich einen Ausfall versucht zu kaschieren, geht Tinnermans noch weiter. Ihm fehlt jeder ethische Grundsatz und rücksichtslos bedient er sich der Menschen für seine eigenen Zwecke – auch wenn er sie dadurch wissentlich ins Verderben schickt: ob sie jetzt durch ihren Hungerstreik zusammenbrechen oder letztlich abgeschoben werden, so lange er seine Geschichte hat, ist für ihn alles in Ordnung.
Veenas Anwältin scheint zunächst nur daran interessiert, schnell den Fall zu Ende zu bringen, um den Schlusspunkt unter ihre Karriere zu setzen. Auch sie beherrscht die Spielregeln ihres Berufs und weiß, wie vor Gericht eine Lebensgeschichte präsentiert werden muss, um die erstrebte Entscheidung zu erreichen. Dieser zunächst berechnend-kaltherzige Auftritt wandelt sich jedoch im Laufe der Handlung und lässt die Figur schließlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Umgekehrt verhält es sich mit ihrer Mandantin, hat man anfangs noch viel Sympathien für sie, verlieren diese sich immer mehr und schlagen ins Gegenteil um.
Thematisch brisant und aktuell besticht der Roman für mich jedoch noch deutlich mehr mit der geschickt aufgezeigten Doppelbödigkeit der vermeintlich objektiven Wirklichkeit. Immer wieder muss man seine Meinungen revidieren und Fakten neu bewerten. Die Tatsache, dass am Ende vieles offen bleibt, entlässt den Leser mit der Ungewissheit des Lebens. Es wird einem beim Lesen dramatisch bewusst, wie fragil und wie wenig eindeutig das Konzept Wahrheit oftmals ist und wie wenig sicher man sich eigentlich sein kann.
Bewertung
aus Mainz
5/5
03.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nach dem Tod eines asylsuchend…
Nach dem Tod eines asylsuchenden Pakistaners ist die Stimmung in Wien aufgeheizt. Auf einem zentralen Platz demonstrieren Freunde des Toten und Sympathisanten gegen Polizeigewalt und Asylpolitik. Der Journalist Uwe Tinnermans, der für das Boulevardblatt Metro schreibt, wittert seine Chance auf einen Scoop und tatsächlich gelingt ihm ein aufsehenerregendes Foto mit der jungen Pakistanerin Veena Shahida und einem Polizisten. Dass die Situation sich real ganz anders darstellte als das, was man beim ersten Blick auf dem Bild zu erkennen glaubt – geschenkt. Zunächst ist die junge Frau verärgert darüber, ohne Zustimmung überall ihr Gesicht zu sehen, doch dann glaubt sie in dem Reporter jemanden gefunden zu haben, der für sie kämpft und ihr zu einem Aufenthaltstitel verhelfen kann. Ganz im Gegensatz zu ihrer Anwältin, zu der sie das Vertrauen verloren hat. Ein Journalist voller Sensationsgier und bereit für den großen Sprung auf der Karriereleiter und eine Gruppe von wütenden Asylbewerbern – eine brisante Mischung, die die österreichische Hauptstadt aufzumischen droht. Daniel Zipfel ist studierter Jurist und im Bereich der Flüchtlingsarbeit gearbeitet, weiß also, worüber er schreibt. Mich hat der Roman aufgrund der immer noch aktuellen Thematik gereizt, vor allem die Spannung zwischen realen Geschehnissen und deren Darstellung in und Instrumentalisierung durch die Medien finde ich ein problematisches, wenn auch ausgesprochen interessantes Motiv. Die Umsetzung gelingt dem Autor hervorragend und noch viel mehr als erwartet zeigt er auf, an welchen Stellen Wahrheit und Erzählung auseinanderfallen können und wie ganz individuelle Motivationen nachhaltig den Verlauf der Dinge beeinflussen können. „Wir sind Welterzähler. Wir vereinfachen eine Welt, die zu kompliziert geworden ist.“ (S. 170) Die Rolle der Medien ist eine ganz wesentliche in unserer Welt. Es ist völlig unstrittig, dass viele Konflikte und Sachverhalte für den Durchschnittsmenschen nicht mehr über- oder durchschaubar sind und dass Zeitung, Fernsehen und zunehmend auch Internet hier eine Vermittlerrolle übernehmen müssen, um Aufklärung und Information zu betreiben. Als sogenannte vierte Gewalt kommt den Medien zudem ein Kontrollauftrag zu, der in einer Demokratie auch nicht zu unterschätzen ist. „Seit wann stört es dich, wenn man da und dort ein wenig nachhilft?“ (S. 122) Wer jedoch kontrolliert die Medien? Sie selektieren, viele Ereignisse kommen gar nicht erst durch oder müssen sich mit einer kleinen Randnotiz begnügen. Im Roman gehen die beiden Journalisten Tinnermans und sein Mentor Brandt jedoch noch weiter: sie berichten ohne Faktenlage, reimen sich Dinge zusammen und schreiben gnadenlos ab. Sie schaffen neue Kontexte und damit Wahrheiten, die es vorher nicht gab. Wo Brandt durch seinen Alkoholgenuss gelegentlich einen Ausfall versucht zu kaschieren, geht Tinnermans noch weiter. Ihm fehlt jeder ethische Grundsatz und rücksichtslos bedient er sich der Menschen für seine eigenen Zwecke – auch wenn er sie dadurch wissentlich ins Verderben schickt: ob sie jetzt durch ihren Hungerstreik zusammenbrechen oder letztlich abgeschoben werden, so lange er seine Geschichte hat, ist für ihn alles in Ordnung. Thematisch brisant und aktuell besticht der Roman für mich jedoch noch deutlich mehr mit der geschickt aufgezeigten Doppelbödigkeit der vermeintlich objektiven Wirklichkeit. Immer wieder muss man seine Meinungen revidieren und Fakten neu bewerten. Die Tatsache, dass am Ende vieles offen bleibt, entlässt den Leser mit der Ungewissheit des Lebens. Es wird einem beim Lesen dramatisch bewusst, wie fragil und wie wenig eindeutig das Konzept Wahrheit oftmals ist und wie wenig sicher man sich eigentlich sein kann.
Bewertung
aus Ludwigshafen
4/5
29.06.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Toller Justiz- und Medienkritischer Roman. Toller Schreibstil.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Vor allem der Schreibstil des Autors hat mich beeindruckt. Er verwendet viele Metaphern und alle Dialoge in dem Buch haben eine tiefere Bedeutung. Kein Satz ist einfach nur da „um das Buch zu füllen“ sondern hat eine Bedeutung und einen Sinn warum er genau da steht wo er steht. Das Buch ist also auch sehr kompakt geschrieben. Wie ein Jurist es wohl formulieren würde: kein Satz zu viel, sondern alles auf den Punkt gebracht. Gerade durch den Schreibstil und durch die vielen Metaphern wird der Konflikt zwischen Justiz und Asylbewerbern, aber vor allem in den Medien, deutlich. Die Berichterstattung ist darauf ausgerichtet Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben und nicht um der Person zu helfen. Auch die Justiz wird kritisiert, insbesondere wenn vor Gericht mit Zitaten aus klassischer Literatur umsichgeworfen wird. Beide Parteien haben ein genaues Bild vom „klassischen Asylbewerber“ und wen sie im Land haben wollen und wen nicht. Entspricht die Person nicht dieser Vorstellung wird sie halt so verändert bis sie es tut oder einfach wieder zurück in ihre Heimat geschickt. Dies erschwert es den Bewerbern nur unnötig und sie wissen nicht was sie tun sollen. Verstricken sich in Halbwahrheiten und Geschichten die sie erzählen sollen und schaffen so „den großen Aufstieg“ nicht. All das bringt der Autor sehr gut zum Ausdruck und deswegen kann ich das Buch nur weiterempfehlen - gerade unter Juristen.
Ich habe nur einen kleinen Kritikpunkt: Die Journalisten werden manchmal beim Vornamen, manchmal beim Nachnamen und manchmal beim Spitznamen angesprochen. Dadurch hatte ich Anfangs Probleme sie richtig auseinander zu halten. Deswegen leider nur 4,5/5 Sternen . Ich war dennoch sehr begeistert vom Schreibstil des Autors und würde mich über weitere Bücher sehr freuen.
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