Gute Literatur, hat Marcel Reich- Ranicki gesagt, ähnele einem Koffer für Schmuggelware. Auch sie hat einen doppelten Boden, in dem sich Dinge zunächst unsichtbar transportieren lassen. Und selbst wenn der Leser versteckte Bedeutungen nicht entdeckt, genießt er doch die Lektüre. Denn gute Literatur sei vor allem eines: nicht langweilig. In den Gesprächen, die der Literaturwissenschaftler Peter von Matt in den Jahren 1986 bis 1991 mit Marcel Reich-Ranicki geführt hat, geht es um Fragen wie diese: Welche Aufgaben, welche Bedeutung hat Literaturkritik? Wie ist es um das Verhältnis zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik bestellt? Die Werke welcher Autorinnen und Autoren sollten wir alle lesen und warum? Der Germanist und Nachlassverwalter Marcel Reich-Ranickis, Thomas Anz, hat den Interviews vier spätere Essays von Matts über Reich-Ranicki hinzugefügt und sie mit einem Vorwort versehen.
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25.03.2021
Buch (Paperback)
Literaturkritik und Literaturwissenschaft im Gespräch
Der Herausgeber des Buches, Thomas Anz, beschreibt das Verhältnis von Literaturkritik und Literaturwissenschaft wie folgt: In ihrem undogmatischen Verständnis sind Literaturkritik und Literaturwissenschaft Formen des Dialogs. Sie wollen als Anregungen und Beiträge zu offenen Diskussionen verstanden werden. Ganz in dem Sinne des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch“ (zit. n. Walter Müller-Seidel) nähern sich in der Neuauflage von „Der doppelte Boden“ zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen der Literatur, die sich in ihrer Geschichte häufig gegenseitig mit misstrauischen Blicken bedachten. Einerseits warf die Literaturwissenschaft der journalistischen Kritik vor, „oberflächlich, flüchtig, subjektivistisch, kurz: […] unwissenschaftlich“ (aus dem Vorwort von Thomas Anz) zu sein, andererseits schürte die Literaturkritik Ressentiments gegenüber der Literaturwissenschaft, die „zu akademisch, sprachlich zu abstrakt oder hermetisch, zu welt- und gegenwartsfern, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu öffentlichkeitsfern und zu langsam“ (ebd.) sei.
Angesichts der langen Tradition wechselseitiger Anklagen der Disziplinen überrascht es, dass sich zwei Größen ihres Fachs, Peter von Matt, bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich und Marcel Reich-Ranicki, gestorben 2013, der als einflussreichster Literaturkritiker der Gegenwart gilt, zu intensiven und aufschlussreichen Gesprächen über die Literatur zusammengefunden haben.
Herausgegeben von dem Germanisten Thomas Anz und ergänzt durch vier Essays von Peter von Matt über Marcel Reich-Ranicki, werden in den Interviews Fragen nach den Aufgaben und der Bedeutung der Literaturkritik und ihrem Verhältnis zur Literaturwissenschaft thematisiert und es wird darüber diskutiert, welche Autorinnen und Autoren heute noch gelesen werden sollten und warum.
Die Begeisterung Reich-Ranickis für die Literatur – sowohl im Lob als auch in der Kritik – springt auf jeder Seite des Buches über. Der analytische Blick von Matts bildet dazu ein ebenbürtiges Gegenüber, wodurch ein spannungsreicher Dialog entsteht, der Leserinnen und Leser durch vergangene Epochen der deutschsprachigen Literatur bis zur Gegenwart der Begegnung (1986/91) führt. Die Literatur wird im Gespräch lebendig. Eine wahre Freude für Leserinnen und Leser, den geistreichen und fruchtbaren Dialogen zu folgen. Die wechselseitigen Vorurteile werden durch den Geist des Gesprächs hinweggefegt. Ein heute noch aktuelles Buch, das lange Zeit vergriffen war und 2020 im Kampa Verlag in neuer Frische erschienen ist.
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