"In die rhetorische Linie, die von den großen antiken Rednern bis in die Zukunft eines wirklich geeinten Europa reicht, gehört Navid Kermani an prominenter Stelle."
Gerd Ueding, Laudatio zur Verleihung des Cicero-Rednerpreises 2012
Navid Kermani hat die öffentliche Rede zu einer Kunst gemacht, über die das Land staunt - nicht nur mit seiner berühmten Rede im Bundestag zum Grundgesetz oder der Dankesrede zum Friedenspreis in der Paulskirche. Immer wieder überraschte er seine Zuhörer, klärte sie auf, stieß Debatten an, verstörte oder rührte zu Tränen. Das Buch versammelt Kermanis bedeutendste Reden aus den vergangenen zwanzig Jahren und bringt damit eine der ältesten Gattungen der Literatur zu neuer Geltung.
Wie bedankt man sich angemessen für einen Preis, der einem zunächst aberkannt worden ist? Wie erklärt man Amerika kurz nach der Wahl Donald Trumps seine Liebe? Was sagt ein Deutscher mit iranischen Wurzeln über Auschwitz? Welche Worte bleiben am Grab des eigenen Vaters? Und kann ein Kölner objektiv bleiben, wenn er über den 1. FC Köln spricht? Navid Kermani scheut in seinen großen Reden keine Herausforderung und fordert damit auch seine Zuhörer heraus, sich von bekannten Denkmustern zu lösen. In seinem ureigenen Spannungsfeld von klassischer deutscher Literatur, islamischer Mystik, amerikanischer Gegenkultur und europäischem Geist findet Kermani immer neue Gedankenbögen, die auch den Leser bis zur letzten Zeile fesseln.
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Gedanken eines grünen…
Juti aus HD am 31.12.2019
Bewertungsnummer: 2729948
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Gedanken eines grünen Intellektuellen Meine Überschrift ist natürlich Interpretation. An keiner Stelle schreibt Kermani, dass er grün wählt, aber seine Gedanken passen sehr gut zu dieser Partei. Und er ist seiner Zeit voraus. Das Buch enthält seine Reden, die er bis auf die letzte nicht frei gehalten hat, in chronologischer Folge, angefangen mit dem Lob des iranischen Schriftstellerverband, der im Land Reformen fordert, obwohl schon vor 20 Jahren gehalten. Die nächste Rede spendet den Eltern eines toten ungeborenen Kindes Trost. Dann folgt eine Rede zur westlichen Leitkultur in der auch von Deutschland wünscht, dass es seinen Lehrerinnen erlaubt, Kopfttücher zu tragen. Im Vorwort schreibt er selbst, dass er dies hätte entfalten müssen. Sehr gut gefällt mir, wie er schildert, dass er in der Heimatstadt seiner Eltern Isfahan ein Haus kauft, um es vor den Abriss zu retten und nicht um möglichst viel Miete zu kassieren. Im Dialog mit der islamischen Welt erklärt er, wie der Islam den Bezug zur Literatur verlor und fundamentalistischer wurde. Schon bei der Wiedereröffnung des Burgtheater 2005 spricht er über die Migration von Afrika nach Europa. 2011 redet er bereits über die Krise der Europäischen Union. Zur Eröffnung der Lessingtage wundert er sich, dass in einem aufgeklärten Land wie Deutschland die rechtsradikalen Terroranschläge des NSU so lange verborgen blieben. Zum Heinrich Kleist Preis redet er über die Liebe wegen Kleists Pethesilea. Am meisten beeindruckt hat mich die Rede vor der Goethe-Gesellschaft, in der er darlegt, dass Atem holen eine religiöse Erfahrung ist. Dank seines Studiums der Islamwissenschaften, dank seiner Kenntnis verschiedener Religionen hat Kermani eine Fähigkeit, die viele Grünen nicht haben. Er kann sagen, warum unser Tun einen Sinn hat. Bezeichnend für sein Denken ist das, was er über Goethe sagt: „Wo andere aus der Religion eine Weltanschauung ableiten, leitet Goethe umgekehrt aus der Anschauung der Welt religiöse Grundsätze ab“ (137f). Bei den Talismane im Diwan zeigt Goethe sogar Koranwissen. Im folgenden Kapitel hält Kermani eine Laudatio über eine Islamwissenschaftlerin. Dann redet er im Bundestag zum Verfassungstag und zitiert eine erstaunliche Umfrage: „Befragt, wann es Deutschland am besten ergangen sei, entschieden sich noch 1951 in einer repräsentativen Umfrage 45% der Deutschen für das Kaiserreich, 7% für die Weimarer Republik, 42% für die Zeit des Nationalsozialismus und nur 2% für die Bundesrepublik.“ (161) Es folgt eine Rede über Kurzbiographien seiner Bekannten, dann eine Rede für die Terroropfer in Paris und beim Friedenspreis über eine syrischen Jesuitenpater, der Andersgläubige beschützte, bevor er selbst entführt wurde. Auch Rupert Neudeck war Kermanis Freund. Anschließend denkt er darüber nach, warum die Amerikaner Trump gewählt haben. Mangels Platz kann ich nicht alle Reden erwähnen, das Judentum während der Nazi-Zeit ist nochmal Thema, die Feindesliebe, der Tod seines Vaters, Norbert Lammert und der Kreisauer Kreis, der 1.FC Köln, die Psychologie von Jung, wachsendem Populismus und zu guter letzt den Tod seines türkischen Buchhändler, der bei einer Bestellung häufig sagte: „ Morgen ist da!“ Selbst wenn mich nicht alle Reden gleichviel interessierten, so kann ich das Jahr 2019 mit gutem Gewissen mit der Bestnote abschließen, also 5 Sterne.
Keine leichte Kost
Bewertung am 26.11.2019
Bewertungsnummer: 356097
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Suchen Sie etwas Unterhaltsames für den Feierabend? Dann lassen Sie die Finger von diesem Buch!
"Morgen ist da" sammelt Reden eines der Großmeister der Rhetorik, ob es um Sport, Preisverleihungen, Glückwünsche oder auch Trauerbekundungen geht. Und sind die Texte auch manches Mal noch so schwer verdaulich, Kermanis sprachliche Schönheit zieht mich stets aufs Neue in ihren Bann.
Und damit komme ich um eine Empfehlung nicht herum.
In jedem Fall ein großartiges Weihnachtsgeschenk für Anspruchsvolle!
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