Ein Dichter zwischen Weltkrieg, Heidegger und Rotem Stern - Karl-Heinz Ott über die Hölderlin Manien des 20. Jahrhunderts
Am Eingang des Tübinger Hölderlin-Turms stand jahrelang der Satz aufgesprüht: "Der Hölderlin isch et veruckt gwä!" Ein Verrückter? Ein Revolutionär? Schwäbischer Idylliker? Oder der Vorreiter aller modernen Poesie? Friedrich Hölderlin, der Mann im Turm, ist umkämpft wie kein zweiter deutscher Dichter. Im 19. Jahrhundert fast vergessen, im 20. Jahrhundert vom George-Kreis wiederentdeckt, von den 68ern als Revolutionär gefeiert: In seinem so witzigen wie gelehrten Essay zeigt Karl-Heinz Ott Hölderlin als großen Spiegel Deutschlands. Tübingen ist der Rahmen; dort hat der Dichter den größten Teil seines Lebens zugebracht, dort geistert er bis heute faszinierend umher.
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Wolfram Janzen
4/5
09.01.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Hölderlins Geister": Der Dichter und sein Fortwirken – eine kenntnisreiche und kritische Bestandsaufnahme
Am 20. März 2020 jährt sich der Geburtstag von Johann Christian Friedrich Hölderlin zum 250. Male. Da kommt das 2019 erschienene Buch von Karl-Heinz-Ott gerade recht, um sich des Dichters zu erinnern. Der Schriftsteller und Dramaturg Ott ist gebürtiger Schwabe und hat 1999 den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg erhalten. Als Student hatte er den Schlüssel zum „Hölderlinturm“ in Tübingen in den Händen. Schon aus diesen wenigen Indizien lässt sich auf eine lange Vertrautheit mit der Person und dem Werk Hölderlins schließen. Sein Buch bestätigt dies.
Es bietet allerdings keine Einführung in Leben und Werk Hölderlins. Wer eine Biographie oder philologisch ausgefeilte Interpretationen seiner Gedichte sucht, muss zu anderen Werken greifen. (Biographische Annäherungen: Bertaux, Safranski, Härtling; Interpretationen: Beissner.) Otts Buch ist eher für Leser geschrieben, die Hölderlin kennen, schätzen, lieben. Für sie eröffnet das Buch neue Aspekte – und zwar durchaus kritische, was den Blick auf den großen Dichter differenzierter machen kann.
Wer Hölderlin schätzt und von ihm spricht, kann meist auf eine längere Verbundenheit mit ihm zurückblicken. Zumindest in Württemberg Aufgewachsene werden ihm wohl schon in der Schulzeit, im Deutschunterricht, begegnet sein – er gehört ja zu den großen Schwaben. Ob dies bei jüngeren Generationen Wertschätzung ausgelöst hat, ist eine andere Frage. Aber wenigstens das Gedicht „Der Neckar“ dürfte doch in Erinnerung geblieben sein.
Beim Rezensenten ist schon früh eine Verbindung und Anteilnahme mit dem unglücklichen Dichter und seinen wortmächtigen Gedichten angebahnt worden. Wie Hölderlin und dessen Freund Schelling hat er die Evangelische Klosterschule („Seminar“) in Maulbronn besucht – wie „der Fritz“ aus Nürtingen von der Mutter zum Pfarrer bestimmt. Immer noch war in diesem altsprachlichen Gymnasium die Antike eine Bezugsgröße – der Raum, in dem der Rezensent seine Zeit mit „Conpromotionalen“ verbrachte, trug den Namen „Hellas“. In der muffigen Enge des Seminarlebens entdeckten wir die große Welt der Literatur und natürlich auch die Gedichte Hölderlins, als einem der „Genii Loci“ Maulbronns. Unvergessen ist der Vortrag eines Rezitators im Kloster – ich glaube, er hieß Klocke – von dem mir immer noch der Wortklang des Gedichtes „Hälfte des Lebens“ mit ihren erschreckenden Endzeilen im Ohr ist – und ebenfalls der feierliche Ton der damals neu entdeckten Ode: „Friedenfeier“. Das rätselvolle Werk – in dem der ganze Hölderlin zu finden ist - hat schon bei uns Schülern manche Diskussion ausgelöst. Wen Hölderlin mit dem „Fürsten des Festes“ meinte, hat viel Gelehrtenstreit hervorgerufen und ist immer noch eine offene Frage.
Auch beim Studium im damals noch sehr beschaulichen und vergangenheitsbestimmten Tübingen war der „Geist“ Hölderlins lebendig: durch die Verbindung mit dem „Stift“, den Besuchen seines Grabes, der „Burse“, des „Hölderlinturmes“, den Vorlesungen des „Hölderlin-Papstes“ Friedrich Beissner. Verstärkt wurde die Weihe, die den Dichter umgab, durch den kryptischen Hölderlin-Vortrag von Heidegger in Stuttgart.
So hat das Buch Otts, das mit „Tübinger Visionen“ einsetzt und mit „Tübingen, die Welt, gestern heute“ endet, Erinnerungen mancher Art beim Rezensenten wachgerufen.
Ott beschäftigt sich in 5 Kapiteln („Tübingern Visionen“, „Der bräunliche Hölderlin“, „Die Wahnsinnsmaske“, „Griechisches Licht“, „Forever Young“), die in kurze essayhaften Abschnitte mit jeweils einem Schlagwort unterteilt sind („Die große Vereinigung alles Getrennten“, „Das Ganze ist das Unwahre“ usw.), mit den „Geistern“ Hölderlins. Damit ist die Wirkungsgeschichte des Dichters gemeint. Der Verfasser zieht dabei nicht nur einen großen Bogen um die Hölderlin-Interpretationen der Vergangenheit und Gegenwart, sondern lässt uns auch an einer „Tour d´Horizon“ durch die Kultur- und Philosophiegeschichte der vergangenen Jahrzehnte mit ihren – aus heutiger Sicht – kurzlebigen Modeströmungen teilnehmen. Das ist gut beobachtet, äußerst kenntnisreich, knapp zusammengefasst, wenn auch nicht immer leicht zu lesen. Man ertappt sich dabei, dass man als Germanist und Theologe selber mancher dieser damals mit großem Wahrheitsanspruch angetretenen Strömungen anheimgefallen ist. Ott „entmythologisiert“ den auf die Wiederkehr einer mythischen Vergangenheit hoffenden Dichter, ebenso wie er die sich an ihn heftenden Projektionen als illusionär entlarvt.
So vermag dieses Buch den Hölderlin-Freund zu einem kritischen Rückblick auf die einst wohl etwas naive Verehrung und spätere einseitige Vereinnahmung des Dichters zu verhelfen.
Hölderlin war ein Illusionär – da hat Ott recht. Dennoch: seine Sprachschöpfungen mit unvergesslichen Wendungen, seine Wortmächtigkeit, seine poetische Genialität, sein Leid an den Unzulänglichkeiten des Lebens und der Zeit, sein an Erinnerungen festhaltendes Denken, seine Sehnsucht nach einer brüderlichen, harmonischen Welt bleiben nach wie vor anrührend und auch aktuell. Das kommt wohl etwas zu kurz in Otts Buch, aber wenn es bewirkt, wieder Hölderlins Gedichte in die Hand zu nehmen und noch einmal zu lesen – jetzt mit kritisch geschärftem Blick – dann ist das Buch ein wichtiger Beitrag zum Hölderlin-Jubiläum.
Ott möchte Hölderlin von dem Wust befreien, mit dem ihn seine Exegeten überzogen haben. Einen „reinen“, von den Überlagerungen gänzlich befreiten Hölderlin wird man allerdings nie finden. Dazu ist sein Werk zu vieldeutig. Es war und bleibt immer umstritten, wie es zu verstehen sei. Gegen Ott - auch das macht Hölderlins Bedeutung aus: Die Offenheit, das In-der-Schwebe-Lassen, in die Zukunft Weisende, das Utopische seiner Schöpfungen. Gerade das von Ott kritisierte „Utopische“ mag uns anregen, auf unsere Weise nach einer besseren Welt Ausschau zu halten – nüchterner und realitätsbezogener freilich als Hölderlin seinerzeit und manche aus seiner späteren Gefolgschaft.
„…Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet,
Ein Zeichen liegts vor uns, daß zwischen ihm und andern
Ein Bündniß zwischen ihm und andern Mächten ist…“ (Aus der „Friedenfeier“)
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