Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) war weit mehr als die Erfinderin der Frankfurter Küche, die sie berühmt machte. Zeit ihres langen Lebens war sie oft die Erste: die erste weibliche Architekturstudentin in Österreich und die erste Frau, die in diesem Beruf arbeitete und erfolgreich war. Die soziale Frage war ihr ein ehrliches Anliegen, für das sie architektonische Lösungen suchte und fand. Aus Opposition zu Adolf Hitler wurde sie Kommunistin, engagierte sich im Widerstand, wurde verurteilt und entging nur knapp der Hinrichtung. Als sie während des Kalten Krieges in Wien fast keine Bauaufträge mehr bekam, arbeitete sie auf Kuba, in Ostberlin und in China. In Leben und Arbeit vereinte sie Politik, Pragmatismus und Pioniergeist. Mit einem Nachwort der Architekturprofessorin Uta Graff, Technische Universität München, Lehrstuhl für Entwerfen und Gestalten
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Eine Hommage an eine große Frau
Gertie G. aus Wien am 12.01.2020
Bewertungsnummer: 1283228
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer den Namen Margarete Schütte-Lihotzky hört, denkt unwillkürlich an die „Frankfurter Küche“. Diese Erfindung wird die großartige Architektin bis an ihr Lebensende beinahe „stigamtisieren“. Sie selbst sagt häufig empört „Ich bin keine Küche".
Margarete Schütte-Lihotzky ausschließlich auf die „Frankfurter Küche“ zu reduzieren, hieße Perlen vor die Säuer werfen.
Wer war sie nun wirklich?
Die 1897 in eine Wiener bürgerliche Familie hinein geborene Margarete war ihr ganzes Leben lang irgendwo die erste Frau. Sei es als Studentin oder als frei schaffende Architektin. Gegen viele Widerstände geht sie ihren Weg. Sozialkritisch und immer darauf bedacht, berufstätige Frauen zu entlasten, was ihr durch durchdachte Planung ihrer Wohnungen und Häuser gut gelingt. Nicht alle ihre Entwürfe werden tatsächlich gebaut.
In der Zwischenkriegszeit geht sie mit einer Gruppe engagierter Architekten nach Russland. Entgegen den Erwartungen erhält sie auch dort weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Letztlich wird nur der Arbeitsvertrag ihres Mannes verlängert, dennoch arbeitet sie ohne Bezahlung an diversen Projekten. 1940 kehrt sie, nach einem Aufenthalt in Istanbul, nach Wien zurück. Ihr Mann bleibt in der Türkei.
Den Nazis kann und will sie sich nicht anschließen. Sie tritt 1939 in die Kommunistische Partei ein und engagiert sich im Widerstand. Sie wird verhaftet und entkommt mit knapper Not der Hinrichtung.
Nach dem Krieg erhält sie in Österreich keine öffentlichen Aufträge - die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei verhindert das während des Kalten Krieges. Das ist so typisch für diese Zeit. Währen die ehemaligen Nazis ihre nach wie vor bestehenden Netzwerke nützen können, verlässt Margarete Schütte-Lihotzky Österreich. Sie baut Kindergärten, Schulen und Sozialbauten in Kuba, der DDR und in China.
Erst in den späten 1950er Jahren gelingt es ihr, einige öffentliche Gebäude in Österreich zu planen.
Auch im hohen Alter hat sie politisch engagiert. Spät, aber doch, hat sie zahlreiche Ehrungen erhalten.
Wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag stirbt die Pionierin in Wien.
Meine Meinung:
Mona Horncastle hat für diese Biografie penible Recherchen angestellt und rief in den Archiven gewühlt. Herausgekommen ist ein Bild einer großartigen Frau, die sich nur nicht und niemanden verbiegen hat lassen, auch wenn es sie beinahe das Leben gekostet hätte.
Was mich noch mit Margarete Schütte-Lihotzky verbindet? Ich habe nur einen Häuserblock von ihrer elterlichen Wohnung (Hamburger Straße 14) entfernt, einen Teil meiner Kindheit verbracht und, meine Dienststelle steht genau auf jenem Grundstück in der Schiffamtsgasse, in dem das Gestapo-Gefängnis für Frauen stand, in dem Margarete Schütte-Lihotzky inhaftiert war. Ach ja, bei einem Architekten habe ich auch einige Zeit gearbeitet.
Ich habe bereits vor einiger Zeit ihr Buch „Warum ich Architektin wurde“ gelesen.
Fazit:
Eine Hommage an eine große Frau, die nicht auf die Erfindung der „Frankfurter Küche“ reduziert werden sollte. Für diese Biografie gebe ich ein unbedingte Leseempfehlung und natürlich 5 Sterne.
Architektur-Ikone in neuem Licht
Duchess of marvellous books am 20.04.2020
Bewertungsnummer: 1318051
Bewertet: eBook (ePUB)
Die wundervolle Biographie über Margarete, eine inspirierende, witzige, kluge Frau, die sich von niemanden verbiegen ließ, eine Identifikationsfigur und Pionierin, hat Mona Horncastle mit: „Margarete Schütte-Lihozzky. Architektin, Widerstandskämpferin, Aktivistin.“ aus dem Molden Verlag, der zu den Styriabuch Verlage gehört, geschaffen. Es hat mich sehr begeistert und ich möchte ich jedem ans Herz legen.
Schütte ist zwar primär für die Erfindung des Urtyps der modernen Küche der „Frankfurter Küche“ bekannt, doch sie hat noch viel mehr geschaffen: Sie war Aktivistin der Frauenbewegung, eine Heldin des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur und vor allem eine Pionierin. Margarete war die erste Frau, die in Österreich Architektur studierte und die Erste, die diesen Beruf ausgeübt hat und auch darin sehr erfolgreich war. In Laufe ihres Lebens arbeitete sie überall auf der Welt von Wien über Frankfurt, Moskau, China, Japan bis Kuba und hat das öffentliche Bauwesen des 20. Jahrhunderts somit maßgeblich geprägt. Sie fundiert als Identifikationsfigur unter den deutschsprachigen Architektinnen.
"Alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände finden in der Architektur ihren Niederschlag." - Margarete Schütte-Lihozzky.
Besonders überzeugt mich die wunderschöne, detailverliebte, aufwendig ausgearbeitete Gestaltung mit vielen Bildern und Zeitdokumenten sowie die historisch fundierte Ausarbeitung des Werkes. Mona Horncastle hat für diese Biographie penible Recherchen durchgeführt und es so geschafft, ein lebendiges, authentisches Bild von Schütte zu schaffen.
Mit ihrem mitreißenden Schreibstil und durch die Unterbrechungen der grandiosen Bilder wird das Lesen nicht langweilig und man wird sogartig in das vielschichtige Leben einer beindruckenden Frau hineingezogen. Eine Hommage an eine große Frau, die nicht auf die Erfindung der „Frankfurter Küche“ reduziert werden wollte.
„Für sie ging es in der Küche vor allem darum, dass Frauen arbeiten gehen“, sagt Horncastle. „Sie hat vorausgesagt, dass die Berufstätigkeit von Frauen Standard wird und dass man deswegen im Haushalt möglichst wenig Zeit aufwenden sollte, um zum Beispiel die Küche sauber zu halten.“ – Mona Horncastle
Fazit
Horcastle hat eine längt überfällige Biographie geschaffen und damit eine Jahrhundertgestalt aus dem Dunkeln, in das Licht gezogen und ihr den Glanz verliehen, den sie verdient hat. Neugierig geworden? Dann kommt mit und entdeckt ihr grandiose Leben in dieser formidablen Biographie. Unbedingt lesen!
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