Shortlist National Book Award 2020, Longlist Deutscher Buchpreis 2018, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 und den Aspekte-Literaturpreis 2018.
Eine Öl-Plattform mitten im Meer. Wenzel Groszak verliert in einer stürmischen Nacht seinen Kollegen und einzigen Freund. Er reist nach Ungarn und bringt dessen Sachen zu seiner Familie. Und jetzt? Soll er zurück auf eine Plattform? Von der westafrikanischen Küste bricht er über Malta und Italien auf nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat. Doch je näher er seiner großen Liebe Milena kommt, desto weniger weiß er, ob er noch zurückfinden kann.
Kundinnen und Kunden meinen
3.0/5.0
Bewertung
5/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie hoch die Wasser steigen
Anja Kampanns poetische Erzählung gleicht einer Tiefenbohrung. Schicht für Schicht legt sie Erinnerungen frei, bis sie zum Kern von Waclaws Heimatlosigkeit kommt.Obwohl mir die Welt der Ölfelder bisher sehr fremd war, hat mich dieser stille Roman in seiner sprachlichen Eindringlichkeit sehr fasziniert.
begine
aus Lemwerder
5/5
31.08.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spannend
Anja Kampmanns Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“beschreibt die Ruhelosigkeit eines Mannes, der auf einer Ölplattform arbeitet.
Der Pole Waclac Groszak ist 52 Jahre alt, als sein Freund und Kollege Mathyas bei einem Sturm von der Ölplattform verschwindet. Der war Waclac ein wichtiger Anker.
Waclac ist durch den Verlust arbeitsunfähig. Er macht sich mit Mathyas Seesack auf den Weg um ihn dessen Schwester zu bringen.
Anja Kampmann lässt uns an Waclacs Zerrissenheit und seinen Emotionen teilnehmen. Auf seiner Reise erfahren wir von den schonungslosen Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter. Die Entwurzelung und Entfremdung der Familie, ist der Preis dieser Arbeit.
Der Autorin ist es gut gelungen, die Gedanken und Sehnsüchte des Mannes in sensibler Sprache an uns Leser weiter zu geben.
Dieser Roman ist auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ich drücke ihm und der Autorin die Daumen.
Bories vom Berg
aus München
3/5
01.04.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Bohrinsel als Metapher…
Die Bohrinsel als Metapher Was literarische Debüts oft so spannend macht ist die Überraschung, die da manchmal auf den Leser wartet, eine neue Stimme, die womöglich auch neue Wege des Erzählens aufzeigt. In ihrem Erstling «Wie hoch die Wasser steigen» überrascht die bisher nur als Lyrikerin bekannt gewordene Anja Kampmann uns tatsächlich mit einer ganz eigenen Form des Prosa-Erzählens. Ihr schon vom Buchcover her an ein Roadmovie erinnernder Roman ist eine moderne Odyssee auf der Suche nach dem eigenen Ich, die sich im letzten Drittel des Buches dann auch real im Auto abspielt, der letzten Zuflucht eines total aus der Welt gefallenen Mannes. Sinnbild dieser Irrfahrt ist die Brieftaube, die hier als klug gewähltes Leitmotiv dient und deren Heimfindevermögen völlig konträr ist zur beklemmenden Unbehaustheit des ziellosen Protagonisten. Matyás, der beste Freund eines 52jährigen polnischen Arbeiters auf einer Ölplattform vor der marokkanischen Küste, wird bei rauer See eines Nachts vermisst, - über Bord zu gehen aber bedeutet in dieser Situation nichts anderes als der sichere Tod. Ein schlimmer Schock für Waclav Groszak, denn der Ungar war geradezu symbiotisch mit ihm verbunden, vielleicht auch mehr, wie man ihre innigliche Beziehung - zwischen den Zeilen lesend - auch interpretieren könnte. Die Ölmanager schicken Waclaw daraufhin mit dem Hubschrauber aufs Festland zurück, in einen mehrwöchigen Urlaub. Er beginnt von Tanger aus eine Reise, die ihn zuerst nach Ungarn führt, um der Schwester seines toten Freundes dessen Hab und Gut zu überbringen. Im weiteren Verlauf seiner Reise, die in ihrer Planlosigkeit mehr einer Fahrt ins Blaue gleicht, wird ihm zunehmend bewusst, dass er niemals wieder zurückkehren wird auf eine Bohrplattform. Er reist nach Malta, wo er aus steuerlichen Gründen seinen Wohnsitz hat - und eine willige Seemannsbraut obendrein. Schließlich wandert er zu Fuß in die Alpen Norditaliens, wo Alois, der alte Freund des längst verstorbenen Vaters, als Rentner Brieftauben züchtet wie einst im Ruhrgebiet, wo die beiden früher als Kumpels im Bergbau gearbeitet hatten. Alois stellt ihm für die weitere Reise seinen alten Fiat Fiorino Pick-up zur Verfügung und gibt ihm im Transportkäfig Enni mit, seine beste Brieftaube, er soll sie in der alten Heimat auflassen. Aus Bottrop schließlich, wo er die Taube auf dem Gipfel einer Kohlenhalde auflässt, zieht es ihn zu Milena weiter, seiner großen Liebe, die er irgendwann verloren hat bei seinem gut bezahlten, aber einsam machenden, unsteten Bohrinselleben. Im Epilog schildert die Autorin eine traumartige Szene, in der auch Waclav Flügel zu bekommen scheint und ebenfalls fliegt. Mit «alles war ganz leicht» endet denn auch dieser poetische Roman, dessen Figuren - der Protagonist eingeschlossen - blutleer bleiben, es baut sich jedenfalls keine Empathie auf zu ihnen. Was da auf 350 Seiten ebenso leicht wie wortreich geschildert wird, ist wenig konkret, so ziemlich alles bleibt im Vagen, Nebulösen. Immer wieder werden Szenen aneinander gereiht, die weder irgendwie miteinander verbunden sind noch irgendwo hinführen im Sinne einer stringenten Handlung. Die ausufernden, detailverliebten Schilderungen von Szenen, Orten, Landschaften, Behausungen, Haltepunkten auf dieser irrlichtartigen Reise weisen überdeutlich auf die Lyrikerin hin als Autorin, die sprachverliebt narrativ völlig Belangloses anhäuft in ihrem Prosadebüt. Schön zu lesen ist dieser visuell kraftvolle Roman, in dem die Bohrinsel als Metapher dient, trotzdem, er wird mit den vielen Bildern, die er erzeugt, auch nie langweilig. Vieles wird in Rückblenden erschlossen, wie im Puzzle entsteht so allmählich das Gesamtbild eines im Hier und Jetzt verlorenen Mannes, der sich als Globalisierungsopfer ohne Zukunft total entwurzelt in die Vergangenheit flüchtet. Das ist durchaus berührend und bedingt wohl auch diese ungewöhnlich distanzierte, emotionslose Erzählweise, die dadurch aber bestens vor peinlichem Kitsch gefeit ist.
Bewertung
aus Leiblfing
3/5
26.02.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Selbstfindungsprozess eines Getriebenen
Dieser Roman von der Lyrikerin Anja Kampmann wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 nominiert und hat mir so einiges abverlangt.
Die Handlung ist eigentlich recht überschaubar: der Bohrarbeiter Wenzel verliert auf einer Ölplattform mitten im Meer seinen besten Freund. Tief erschüttert macht er sich auf den Weg nach Ungarn zur Familie von Matyas. Irgendwann unterwegs merkt er, dass er nicht nur seinen Freund, sondern noch jemand anderes vermisst. Vor zwölf Jahren hat er seine große Liebe Milena im Ruhrgebiet zurückgelassen, um auf der Ölplattform Geld zu verdienen, für ein gemeinsames Leben. Doch dort hat er sich irgendwann selbst verloren. Es ist ein Versuch, sein eigenes Leben zurückzubekommen, der Selbstfindungsprozess eines Getriebenen.
Es liegt der Geschichte eine sehr düstere, traurige Stimmung zu Grunde. Mit Wenzel findet man sich in verschiedenen Zeitebenen seiner Gedanken und an unterschiedlichen Orten seiner tatsächlichen Reise wieder. Zu lesen ist dies sehr anspruchsvoll und oft auch verwirrend. Sehr oft musste ich einen Abschnitt wiederholen, weil meine Gedanken doch abgeschweift sind.
Die Sprache ist literarisch einwandfrei und auf sehr hohem Niveau, nur leider merkt man sehr deutlich, dass die Autorin aus der Lyrik kommt. Sehr viele kluge Sätze und Vergleiche, aber wenig Handlung. Vieles wird nicht ausgesprochen. Vieles passiert zwischen den Zeilen. Ich hätte ständig das Gefühl, etwas nicht mitgekriegt zu haben.
Mich konnte dieses Werk leider über weite Teile nicht fesseln, obwohl ich durchaus die Hochwertigkeit der Sprache und Ausführung anerkenne.
Doch plötzlich, nach 250 mühsamen Seiten Vorgeplänkel, konnte ich einen Bruch in der Geschichte feststellen. Erst hier beginnt nämlich diese letzte Reise, auf die der Klappentext bereits hinweist, mit dem alten Pick-up und einer Brieftaube über die Alpen. Einer Vergangenheit entgegen, die es vielleicht gar nicht mehr gibt. Und jetzt endlich, auf den letzten hundert Seiten, entsteht so etwas wie Spannung. Nun kam ich auch mit der Sprache zurecht und tatsächlich ist auch ein klitzekleiner Funke übergesprungen und ich konnte die Brillanz des Romans erkennen und genießen. Nur leider reichlich spät.
Die Zukunft war eine hohe, schmale Gestalt und konnte schnell vorbeieilen. Seite 71
Du weißt vorher nie, was der Preis ist. Und vor allem weißt du nicht, was du zu zahlen bereit bist. Wir können uns diese Dinge nicht zurückholen. Seite 208
TochterAlice
aus Köln
3/5
22.02.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein lyrischer Roman - Und…
Ein lyrischer Roman - Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, der Ungar Matyas, mit dem er seit Jahren gemeinsam arbeitet und auch das Leben - in diesem Falle das Zimmer bzw. die Kajüte teilt, ist nämlich abhanden gekommen. Eines Nachts ist er einfach so von der Ölplattform an der Küste Marokkos, auf der die beiden angestellt sind, gerutscht, hinunter ins Meer, unwiederbringlich und unauffindbar. Bevor er sich an den Gedanken gewöhnen kann, ohne ihn zu sein, begibt er sich auf eine Reise quer nach und durch Europa. Für ihn geht es darum, Matyas Leuten dessen Sachen zu übergeben, aber auch, einige Orte und Stellen die für ihn von Bedeutung sind - egal, ob er dort tatsächlich war oder nicht, aufzusuchen. Eigentlich sind es zwei Reisen, eine physische und die zweite, parallel stattfindende auf der Suche nach sich selbst. Gibt es dort überhaupt etwas zu finden und wenn ja, ist es das wert - für ihn selber als Menschen. Der globale Mensch der Gegenwart beim Versuch, sich selbst zu definieren - auch so könnte man Waclaws vorhaben bezeichnen. Autorin Anja Kampmann hat bereits als Dichterin einen Namen und so hat sie mit "Wie hoch die Wasser steigen" einen sehr lyrischen Roman zu einem - zumindest in Teilen - sehr bodenständigen Thema geschaffen. Ich erkenne diese sowohl sprachlich als auch inhaltlich außerordentliche und sehr individuelle Leistung aus ganzem Herzen an, ohne sie jedoch für mich selbst als bereichernd und erfüllend zu empfinden. Zu vage die Darstellung, zu wenig Greifbares, Vorstellung und Wirklichkeit des Protagonisten Waclaw verlieren sich ineinander, ohne mich zu bewegen oder gar mitzunehmen. Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse im März 2018 nominiert mit folgendem Kommentar der Jury: "Eindringlich und in konzentrierter poetischer Verdichtung erzählt Anja Kampmann von der Verlorenheit des Menschen in Zeiten der Globalisierung und von dem Versuch, die eigene Identität wiederzufinden. Ein gegenwärtiger Roman, dessen Sprache überzeitlich Existentielles aufreißt." Ich habe diese Regungen, die Botschaft der Autorin, wahrgenommen, doch traf sie bei mir leider nicht auf fruchtbaren Boden - der Roman hat mich verwirrt, wodurch sich bereits jetzt, kurz nach der Lektüre, die Eindrücke verwischen, die bleibende hätten sein können.
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