Die junge S. H., Minnesota genannt, bezieht 1979 ein heruntergekommenes Zimmer in New York. Sie kommt direkt aus der Provinz, und als angehende Schriftstellerin genießt sie den Schmutz wie den Glanz der neuen Stadt. Alles saugt sie begierig auf. So auch, durch die papierdünnen Wände, die Monologe und klagenden Gesänge ihrer Nachbarin: "Lucy Brite" steht auf dem Klingelschild. Von Misshandlung ist die Rede, von Kindstod, ja von Mord. Lucy wird für Minnesota zur Obsession. Bis eines Nachts ein dramatisches Ereignis in Minnesotas Wohnung dazu führt, dass sich die beiden Frauen zum ersten Mal gegenüberstehen. 40 Jahre später blickt S. H. zurück und erzählt, was davor und danach geschah, erzählt von Frauensolidarität und Männerwahn, von Liebe und Geschlechterkampf, von Gewalt und Vergebung.
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Wie viel "Damals" liegt im "Heute"?
Bewertung am 27.05.2019
Bewertungsnummer: 486910
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein junges Mädchen. Eine große, fremde Stadt. S. H. kommt an, in diesem berauschenden New York, ein Landei, gekommen um einen Job zu finden, Freunde zu finden, sich selbst zu finden.
Ein Mädchen mit großen Ambitionen, Schriftstellerin will sie werden, schreibt, um die Stille in der winzigen Wohnung zu vertreiben, liest die ganz großen Autoren ihrer Zeit und aller Zeiten zuvor, um gegen die Einsamkeit anzukämpfen und sich mit Wissen zu wappnen, um bestehen zu können in einer Welt, in der das Wort der Frau noch immer nicht genügend Gewicht hat.
Hustvedt erzählt die Geschichte von Minnesota, ein Spitzname, der besser nicht gewählt sein könnte, die nach ihrer Ankunft in New York in einem schäbigen Zimmer haust, oft ohne Geld für Essen, Kontakt zu Beginn nur zur ihrer skurrilen Nachbarin Lucy Brite, deren unheimliche Monologe sie immer wieder durch die hauchdünnen Zimmerwände hört. Mehr und mehr verliert sich Minnesota in Lucys Gesängen, die immer dringlicher werden, und von Misshandlung erzählen, von Tod, Verlust. Von Mord.
Ein einzelner Erzählstrang war ihr wohl einfach zu wenig, zu banal, nicht ausreichend für die Geschichte, die Siri Hustvedt uns erzählen möchte. Stattdessen greift sie zurück auf ein Konstrukt aus unterschiedlichen Zeiten, erzählt im Wechselspiel als 61-jährige Schriftstellerin, als Tagebuchschreiberin, als junges Kind und schiebt zum krönenden Abschluss noch eine Detektivgeschichte als Binnenerzählung ein.
Geschickt wechselt sie fast fließend zwischen den Erzählebenen und zwischen der Protagonistin, die eigentlich immer dieselbe, aber doch jedes Mal eine andere ist. Sie blickt zurück, diese in die Jahre gekommene Schriftstellerin, blickt mit einem wissenden Lächeln auf ihr jüngeres Ich, ein Mädchen, 23 Jahre alt, die sich mehr und mehr in fremden Angelegenheiten verliert. Mit jedem Wort versucht die Erzählerin die Vergangenheit zu rekonstruieren, sie zu verstehen und den Schleier der Erinnerung zu durchbrechen.
"Damals wusste ich nicht, was ich jetzt weiß: Während ich schrieb, wurde ich auch geschrieben. Das Buch war begonnen worden, lange bevor ich die Ebenen verließ."
Die Fragen, die Siri Hustvedt mit diesem Roman aufwirft sind die ganz großen unserer Zeit. Was ist Wahrheit? Wie wirklich ist meine Erinnerung? Und ganz zuletzt und dabei doch an erster Stelle: Wer war ich? Wer bin ich? Und wie viel von Damals ist noch im Jetzt? Die Antworten sucht Hustvedts Protagonistin in ruheloser, beinahe virtuoser Manier, immer nach vorne strebend, wissbegierig und doch voller Selbstzweifel an der eigenen Existenz. Hustvedt schreibt klug und spart nicht an metafiktionalen Bezügen.Stück für Stück baut sie ein Mosaik, zusammengesetzt aus Bezügen zur Literatur, Kunst und Philosophie, aus früheren Werken, aus ihrem eigenen Leben. Erneut hebt sie die Literatur, das Schreiben an sich, mit diesem Buch auf eine andere Ebene und konfrontiert auch uns Leser mit den großen Fragen des Seins." Damals" ist ein Roman, der Nachdenken erfordert, der sich nicht einfach "herunterlesen" lässt, sondern Zeit braucht, um seine ganz Kraft zu entfalten. Gibt man ihm diese Zeit aber, wird man belohnt mit einem großartigen Buch, das literarisch schwer zu übertreffen ist.
"Vor Jahren verließ ich die weiten, flachen Felder des ländlichen Minnesota und zog auf die Insel Manhatten, um den Helden meines ersten Romans zu finden."
-Siri Hustvedt hat ihn gefunden. Erneut. -
Ein wirklich schöner und anspruchsvoller...
Bewertung am 17.05.2019
Bewertungsnummer: 317665
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein wirklich schöner und anspruchsvoller Roman, der alles hat, was man braucht: Liebe, Drama und ein bisschen Krimi-Feeling kommt auch auf. Wirklich empfehlenswert!
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