Nichts geht mehr. Eigentlich ist alles zum Davonlaufen. Trägt man sich mit solchen Gedanken, ist es höchste Zeit. Aber nicht zum Aussteigen, sondern zum Nachdenken und zur Inanspruchnahme von Hilfestellung. Wie kam es zur scheinbaren Ausweglosigkeit? Welche äußeren Faktoren, welche inneren Zustände haben dazu geführt? Wie finde ich wieder zu mir, bevor sich ein Exit-Szenario verwirklicht? Welche großen Schritte muss ich tun und welche kleinen genügen mitunter, um eine ganz andere Richtung, einen Weg nach oben, einschlagen zu können? Wolfgang Lalouschek kennt die Zustände, ihre vollkommen unterschiedlichen Erscheinungsformen und die Exit-Strategien.
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"Wie können Menschen gesund werden in einer kranken Welt? Das ist unmöglich."
Dr_ M aus Sachsen am 23.05.2019
Bewertungsnummer: 1214163
Bewertet: eBook (ePUB 3)
So beginnt der Appendix zu diesem Buch, in dem sein Autor Werbung für ein "Rettungsprojekt" seiner Wahl betreibt. Der Mensch zerstört nämlich die Erde und die Gesellschaft, liest man dann weiter. Und die Erde hätte Burnout. Fassen wir also zusammen: Der Mensch ist krank. Er hat den Planeten krank gemacht. Die ganze Welt ist krank. Und der Mensch kann deshalb nicht gesund werden.
Warum in aller Welt sollte man also ein Buch eines Autors über Heilmethoden für psychische Probleme lesen, wenn dieser selbst von der Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen überzeugt ist? Ich habe mich beim Lesen von solchen Büchern schon oft gefragt, ob ihre Verfasser eigentlich in der Lage sind, die eigenen Psychosen zu erkennen. Ohne dass ich mir irgendeine Kompetenz anmaßen würde, aber mein Eindruck bei solchen Büchern ist immer wieder, dass es bei Psychiatern zu Wahrnehmungsverzerrungen kommt, weil sie sich den ganzen Tag mit Menschen befassen, die, weil sie ihre Belastungsgrenze überschritten haben, psychisch krank wurden. Inzwischen gelten wir fast alle als psychisch krank. Wie erging es eigentlich Menschen früher, die unseren Wohlstand nicht kannten und mit ganz anderen, nämlich wirklich existentiellen Gefahren umgehen mussten?
Lässt man das leicht hysterische allgemeine Gejammer des Autors einmal völlig beiseite, dann hat man es mit einem sehr guten Buch zu tun. Immer wenn es nämlich konkret wird, läuft Wolfgang Lalouschek zu großer Form auf. Die meisten der in seinen Beispielen beschriebenen Probleme kann man sehr gut nachvollziehen. Plötzlich geht der Autor von seiner "Systemkritik" an den Konzernen, dem Kapitalismus, der Profitgier und sonstigen Schablonen ab und widmet sich der ganz konkret fassbaren Überforderungssituation seiner geplagten Patienten. Dann findet er die wirklichen Ursachen und Zusammenhänge, die nur sehr selten am bösen Kapitalismus liegen, der übrigens nicht von einer höheren Macht installiert wurde, sondern sich als die der menschlichen Natur am besten angepasste Form des Wirtschaftens ergeben hat. Aber das nur nebenbei .
Wolfgang Lalouschek ordnet die psychischen Problem seiner Patienten nach den Orten ihrer Ursachen: Arbeitswelt, Beziehungen, Privatleben, schlechte Gewohnheiten, Sucht, Verletzungen, Traumata. Manchmal sind es nur Krisen, die aus Überforderungen erwachsen sind. Sie darf man nicht mit wirklichen Krankheiten der Seele verwechseln. Das ist nicht immer ganz einfach, dazu braucht man Spezialisten, womit man auch gleich bei einem grundsätzlichen Problem angelangt ist, nämlich bei der Frage, wozu ein solches Buch eigentlich gut ist. Man weiß nicht, ob der Autor es aus eigenem Antrieb geschrieben hätte, weil hier der Verlag an ihn herangetreten ist. Für wen also ist ein solches Buch gedacht, und was kann es bewirken?
Gewöhnlich dreht man sich im Kreis, wenn man am Ende seiner mentalen Kräfte angelangt ist. Sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus einer solchen Krise zu ziehen, ist dann kaum möglich, da man in der Regel keinen neutralen und rationalen Blick auf die Gesamtsituation besitzt. Man braucht Abstand und eine ordnende Hand, um zunächst einmal geistige Klarheit zu erlangen. Dann benötigt man machbare und vernünftige Lösungsvorschläge und den Mut und die Kraft, sie auch umzusetzen. Manchmal muss man auch seinen Lebenspartner miteinbeziehen. Ist er jedoch Teil des Problems, wird das ohne eine dritte, neutrale Person mit dem nötigen Einfühlungsvermögen, ein fast unmögliches Vorhaben.
Kurz gesagt, das Buch kann erst einmal dabei helfen, etwas Struktur zu gewinnen und über Optionen nachzudenken. In der Regel hilft bei einer heftigen Krise aber nur ein erfahrener Therapeut. Nur er kann herausfinden, ob man nur in einer Lebenskrise steckt oder ob man gar eine Krankheit der Seele hat. Doch das Buch enthält auch viele (natürlich hinreichend allgemeine) Ratschläge für die Lösung von verschiedenen Problemen, die in ihm diskutiert werden. Und sein Autor beschreibt darüber hinaus seine grundsätzliche Methode, so etwas anzugehen. Sie nutzt den Gedanken, den man aus sogenannten Familienaufstellungen kennt. Man findet damit heraus, in welchem Verhältnis ein Mensch zu anderen Personen oder zu bestimmten Problemen wirklich steht.
Wolfgang Lalouschek ist übrigens der Meinung, dass wir alle traumatisiert sind. Diese Aussage kommt beim Thema Trauma auf und macht nur einen kleinen Teil des Buches aus. So gut dieses Buch an vielen Stellen ist, so seltsam sind gewisse andere Stellen. Das ist eine davon. Lalouschek möchte damit "keineswegs ausdrücken, dass alle von uns psychotherapiert werden sollen". Und er will auch nicht den Begriff Trauma inflationieren. Er sieht einfach nur die "ungenutzten Potentiale". Hört er sich eigentlich selbst zu? Wie soll man das denn verstehen? Wenn alle traumatisiert sind, ist das normal, dann verliert der Begriff Trauma jeden Sinn. Jedenfalls formal logisch. Wenn alles grün ist, kommt keiner auf die Idee von Farbe zu sprechen, weil man dann schließlich Unterschiede beschreiben würde, die es nicht gibt. Und unsere Traumata entstehen nach Lalouschek bis zum Ende des dritten Lebensjahres, weshalb wir uns daran nicht mehr erinnern können. Mag sein. Aber wenn es so ist - wie will man dann je von ihnen erfahren? Ist das am Ende also nur eine Vermutung? Mal einfach logisch gedacht.
Ich fand dieses Buch interessant. Und ich habe an einigen Stellen wirklich etwas gelernt. Ob es allerdings Menschen in Krisensituationen tatsächlich helfen kann, wage ich zu bezweifeln. Dazu sind Krisen immer viel zu komplex und immer konkret. Dieser Text muss bis auf die Beispiele jedoch zwangsläufig allgemein bleiben, sonst ist er komplett sinnlos. Dieses Dilemma ist nicht auflösbar. Was also bleibt, sind Hinweise und Ordnungsprinzipien, die ein gewisses Grundgerüst aufbauen, mit dem man sich eventuell vorhandenen eigenen Problemen und ihrer Lösung grob annähern kann.
Eine Person fand diese Informationen hilfreich
allumfassende Betrachtung der krankmachenden Rahmenbedingungen bis hin zum Burnout des Planeten
Bewertung am 19.08.2019
Bewertungsnummer: 1239078
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Super Buch! Der Autor schaut über den Tellerrnd hinaus.
Der Einzefall steht nicht mehr alleine für sich da, sondern wird als Teil des ganzen Umfeldes beleuchtet. Viele der beschriebenen Rahmenbedingungen - wie z.B. Arbeitsleben - erkenne ich wieder. Manches hat auch zu Aha-Effekten geführt, warum ich so reagiere, wie ich reagiere.
Danke an den Autor!
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