Ein aufwühlender Roman über den Mauerbau, das Leben in der jungen DDR und über zerrissene Familien und Freundschaften von der Bestseller-Autorin Charlotte Roth
Berlin nach dem 2. Weltkrieg.
Von ihrem geliebten Vater Volker, einem Lehrer, hat Susanne gelernt, an den Sozialismus zu glauben. Ohne je das Vertrauen in die Menschheit zu verlieren, hat er gegen das Naziregime gekämpft – und wurde vor den Augen seiner sechzehnjährigen Tochter kurz vor Kriegsende erschossen. Nie hat Susanne dieses Erlebnis vergessen, das sie für ihr Leben geprägt hat. Um das Vermächtnis des Vaters zu erfüllen, widmet sich Susanne von ganzem Herzen dem Aufbau eines besseren Deutschland.
Erst als sie den lebenslustigen Koch Kelmi kennen- und liebenlernt, beginnt sie allmählich zu begreifen, was um sie herum passiert. Zu tief jedoch ist der Glaube an den Sozialismus im Osten Deutschlands in ihr verwurzelt, zu stark das Band, das sie mit dem toten Vater verbindet.
Dann kommt der 13. August, und plötzlich verstellt die Mauer Susanne jegliche Möglichkeit einer Alternative …
»Eine berührende Liebesgeschichte und eine erschütternde Familientragödie, spannend geschrieben.« Mechtild Borrmann, Autorin des SPIEGEL-Bestsellers Trümmerkind
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Giselas Lesehimmel
aus Landshut
5/5
16.06.2019
Buch (Taschenbuch)
Geschichten mit der Thematik…
Geschichten mit der Thematik Judenverfolgung gibt es wie Sand am Meer. Sie muten stets traurig an. Lassen den Leser immer wieder fassungslos zurück. Worin sich diese von den anderen unterscheidet? Es handelt sich hier um zwei Liebesgeschichten, wie sie emotionaler nicht sein könnten. Ilo ist eine bezaubernder Revue-Star. Erfolgreich. Schön. Reich. Volker der mittellose Lehrer. Er stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. Ilo und Volker verlieben sich. Ilo verzichtet auf Glanz und Glitter. Sie bekommen ein Mädchen. Susanne. Auch Susanne soll viele Jahre später einen Mann kennen lernen, der so gar nicht zu ihr zu passen zu scheint. Den Koch Kelmi. Die wunderbaren Charaktere sind sehr gut gezeichnet. Ilo und Volker haben mein Herz berührt. 1945 verliert Ilo ihren Volker. Ihr könnt Euch sicher denken, was passiert ist! Die Geschichte lässt den Leser an der Judenverfolgung teilnehmen. Mal ist man mittendrinnen, mal erlebt man die Zeit kurz vor dem Mauerbau. Besonders traurig hat mich gestimmt, was aus der empathischen Ilo geworden ist. Sie konnte die grausame Tat an ihrem Volker nie verwinden. War letztendlich nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ilo und Volker trafen sich oft unter den Linden. Viele Jahre später existiert das Cafe nicht mehr. Susanne lebt mit ihrer Mutter und Tante im Osten Berlins. Sanne glaubt an den Sozialismus. Fühlt sich von dem Koch aus dem reichen, verschwenderischen Westen belästigt. Doch Kelmi ist hartnäckig. Hat von den Lokalitäten unter den Linden gelesen. Auch die Geschichte um die bezaubernde Ilo lässt ihn nicht mehr los. Kocht sich in das Herz von Sanne. Öffnet ihr die Augen. Die zweite große Liebe in dieser Geschichte beginnt ….. Als Leser weiß man ja, wie das mit dem Mauerbau so war. Kann manchmal nicht fassen, ob der Gehirnwäsche, denen die Ostberliner ausgesetzt waren. Besonders deutlich wird das bei Sanne und Kelmi. Für sie ist das Zubereiten von Essen ein Mittel zum Zweck. Auftanken um existieren zu können. Für den leidenschaftlichen Koch Kelmi ist Essen etwas wunderbares. Er zelebriert neue Gerichte. Kocht sich in die Herzen der Menschen. Wird von seiner Familie nicht mehr ernst genommen. Ein Arztsohn aus dem Westen der in der DDR ein Speiselokal eröffnet? Geht das? Für Kelmi sind leckere Zutaten Balsam für die Seele. Für Sanne alles was aus dem Westen kommt Verschwendung. Diese traurige und dennoch warmherzige Geschichte hat mich bestens unterhalten. Zwei Liebesgeschichten verzaubern. Die Tragödien aus Zeiten des Holocausts sind uns hinlänglich bekannt. Man kann sie gar nicht oft genug erzählen. Wir erleben den Mauerbau und die Ignoranz der Ostberliner mit. Charlotte Roths Schreibstil lässt sich lesen wie Butter. 1935-1961 hat sich viel zugetragen. Die Autorin hat die Geschehnisse glaubhaft rübergebracht. Von mir eine absolute Empfehlung! Danke Charlotte Roth.
Giselas Lesehimmel
aus Landshut
5/5
16.06.2019
Buch (Taschenbuch)
Wir sehen uns unter den Linden
Geschichten mit der Thematik Judenverfolgung gibt es wie Sand am Meer. Sie muten stets traurig an. Lassen den Leser immer wieder fassungslos zurück. Worin sich diese von den anderen unterscheidet? Es handelt sich hier um zwei Liebesgeschichten, wie sie emotionaler nicht sein könnten. Ilo ist eine bezaubernder Revue-Star. Erfolgreich. Schön. Reich. Volker der mittellose Lehrer. Er stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. Ilo und Volker verlieben sich. Ilo verzichtet auf Glanz und Glitter. Sie bekommen ein Mädchen. Susanne. Auch Susanne soll viele Jahre später einen Mann kennen lernen, der so gar nicht zu ihr zu passen zu scheint. Den Koch Kelmi.
Die wunderbaren Charaktere sind sehr gut gezeichnet. Ilo und Volker haben mein Herz berührt. 1945 verliert Ilo ihren Volker. Ihr könnt Euch sicher denken, was passiert ist! Die Geschichte lässt den Leser an der Judenverfolgung teilnehmen. Mal ist man mittendrinnen, mal erlebt man die Zeit kurz vor dem Mauerbau. Besonders traurig hat mich gestimmt, was aus der empathischen Ilo geworden ist. Sie konnte die grausame Tat an ihrem Volker nie verwinden. War letztendlich nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ilo und Volker trafen sich oft unter den Linden. Viele Jahre später existiert das Cafe nicht mehr. Susanne lebt mit ihrer Mutter und Tante im Osten Berlins. Sanne glaubt an den Sozialismus. Fühlt sich von dem Koch aus dem reichen, verschwenderischen Westen belästigt. Doch Kelmi ist hartnäckig. Hat von den Lokalitäten unter den Linden gelesen. Auch die Geschichte um die bezaubernde Ilo lässt ihn nicht mehr los. Kocht sich in das Herz von Sanne. Öffnet ihr die Augen. Die zweite große Liebe in dieser Geschichte beginnt …..
Als Leser weiß man ja, wie das mit dem Mauerbau so war. Kann manchmal nicht fassen, ob der Gehirnwäsche, denen die Ostberliner ausgesetzt waren. Besonders deutlich wird das bei Sanne und Kelmi. Für sie ist das Zubereiten von Essen ein Mittel zum Zweck. Auftanken um existieren zu können. Für den leidenschaftlichen Koch Kelmi ist Essen etwas wunderbares. Er zelebriert neue Gerichte. Kocht sich in die Herzen der Menschen. Wird von seiner Familie nicht mehr ernst genommen. Ein Arztsohn aus dem Westen der in der DDR ein Speiselokal eröffnet? Geht das? Für Kelmi sind leckere Zutaten Balsam für die Seele. Für Sanne alles was aus dem Westen kommt Verschwendung.
Diese traurige und dennoch warmherzige Geschichte hat mich bestens unterhalten. Zwei Liebesgeschichten verzaubern. Die Tragödien aus Zeiten des Holocausts sind uns hinlänglich bekannt. Man kann sie gar nicht oft genug erzählen. Wir erleben den Mauerbau und die Ignoranz der Ostberliner mit. Charlotte Roths Schreibstil lässt sich lesen wie Butter. 1935-1961 hat sich viel zugetragen. Die Autorin hat die Geschehnisse glaubhaft rübergebracht.
Von mir eine absolute Empfehlung! Danke Charlotte Roth.
Monika Schulte
aus Hagen
5/5
04.04.2019
Buch (Taschenbuch)
Ein Buch, das mich persönlich sehr berührt hat!
Berlin. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stadt ist geteilt. Die angehende junge Lehrerin Susanne lebt im Ostteil der Stadt und ist vom Sozialismus so überzeugt wie ihr Vater, der auch Lehrer war. Ihr Vater Volker, der gegen das Nazi-Regime gekämpft hat und kurz vor Kriegsende von ihnen vor den Augen des jungen Mädchens erschossen wurde. Ein Ereignis, das Sanne ihr Leben lang nicht vergessen wird. Geprägt von den sozialistischen Ideen ihres Vaters, versucht Sanne, den jungen Staat mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln mit aufzubauen.
Dann begegnet ihr Kelmi, der lustige und lebensfrohe Koch aus dem Westen. Sie rennt förmlich in ihn hinein. Sollte sich das Schicksal wiederholen? Ihre Mutter, einst ein gefeierter Revue-Star, brachte vor vielen, vielen Jahren den Lehrer Volker zum Stolpern. Sanne und Kelmi verlieben sich ineinander. Regelmäßig treffen sie sich sonntags "Unter den Linden". Kelmi wartet immer auf sie. Er bringt sogar so verrückte Dinge zustande, wie eine Zwiebelsuppe auf der Straße zu kochen, aber hat diese Liebe überhaupt eine Zukunft?
Die politische Situation verändert, verhärtet sich. Die ersten sprechen bereits vom "Kalten Krieg". Immer mehr Menschen flüchten aus der jungen DDR rüber in den Westen. Soll tatsächlich eine Mauer gebaut werden? Soll das Volk in der DDR eingesperrt werden? Hatte Kelmi eben noch vor, ein Restaurant in Ost-Berlin zu eröffnen, bekommt er es jetzt, wie so viele andere, mit der Angst zu tun. Es kommt zum Streit mit Sanne - wieder einmal. Und dann kommt der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus...
"Wir sehen uns unter den Linden" - ein überwältigender Roman! Eine mitreißende Geschichte, die mich von vorne bis hinten gefesselt und begeistert hat. Mit großer erzählerischer Kraft und Einfühlungsvermögen schafft Charlotte Roth es wieder einmal, dem Leser ein Stück jüngster deutsch-deutscher Geschichte nahe zu bringen. Sie entführt uns abwechselnd in die 40er-, 50er- und 60er Jahre. Der Leser bekommt so hautnah die Entwicklung der politischen Geschehnisse, die unterschiedliche Entwicklung der Menschen im Osten, wie im Westen mit. Der Krieg, die in Trümmern liegende Stadt Berlin, aber auch die Teilung der Stadt, des Landes, den Wiederaufbau.
Beim Lesen wurde die Geschichte für mich lebendig, es war wie ein Film, den ich mir angesehen habe.
Es geht aber nicht nur um Sanne und Kelmi. Da ist auch Ilo, der einst gefeierte Revue-Star, die ihre großartige Karriere für ihre Familie aufgegeben hat und die nach der Ermordung ihres Mannes in eine tiefe Depression gefallen ist. Sido, ihre beste Freundin, die Jüdin ist und Eugen, der einstige Manager Ilos. Was hat der Krieg, was hat das Nazi-Regime aus diesen einst so lebensfrohen Menschen gemacht, denen die ganze Welt zu Füßen lag?
"Wir sehen uns unter den Linden" - ist auf eine ganz bestimmte Art und Weise in Teilen aber auch die Geschichte meiner eigenen Familie, meines Vaters, der 1955 in den Westen geflüchtet ist, der im Notaufnahmelager Marienfelde eine erste Zuflucht fand. Auch meine Familie war lange Zeit geteilt. Irgendwann dann erste Besuche "drüben". Hier beginnt meine Geschichte. Ich war dabei. Ich kann mich noch erinnern an die Fahrten, die Grenzüberquerungen, an die Instruktionen meiner Eltern, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ein Grenzer sich dem Auto nähert. Die DDR, die mir oft so grau vorgekommen war. Über bestimmte Dinge durfte nur im Geheimen gesprochen werden. Telefone wurden abgehört, Briefe wurden gelesen.
"Wir sehen uns unter den Linden" - ein Buch, das mich ganz persönlich sehr berührt hat, das auch Tage nach dem Lesen der letzten Seite immer noch Erinnerungen weckt, Bilder hervorruft. Eine packende Geschichte, eine ergreifende Geschichte und eine Geschichte mit einem unerwarteten Ende! Unbedingt lesen!
Bewertung
5/5
03.04.2019
Buch (Taschenbuch)
Eine große Liebe in einer geteilten Stadt
Dass ich die Bücher von Charlotte Roth liebe, brauche ich Ihnen wohl langsam nicht mehr sagen. Jedes Jahr freue ich mich auf ein neues Buch von ihr. Und wer der Autorin noch nicht auf Facebook folgt, sollte sich das vielleicht einmal überlegen. Unter Charlotte Lyne Carmen Lobato Charlotte Roth macht sie einem nämlich schon vorab richtig Lust auf ihr jeweils neues Buch. Und sie gibt ihren Büchern so schöne Namen. Dies ist z.B. die Susi.
Zum Inhalt möchte ich noch ein wenig ergänzen. Charlotte Roth erzählt ihre Geschichte im Prinzip in zwei Handlungssträngen. Da ist der eine Handlungsstrang, der dem Text hier auf thalia.de entspricht. Aber es gibt auch noch die Geschichte der großen Liebe von Susannes Eltern und ihrer Kindheit. Das Buch gliedert sich in insgesamt 8 Teile, die jeweils zwischen den beiden Handlungssträngen hin- und herpendeln. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen, aber dann steigert es die Spannung ungemein, denn meistens wechselt sie den Handlungsstrang gerade dann, wenn es wieder richtig packend geworden ist.
Das Buch beginnt 1945. Die sechzehnjährige Suse kehrt nach der Schule nach Hause zu ihren Eltern zurück. Doch kaum Zuhause muss sie mit ansehen, wie ihr geliebter Vater von der Gestapo erschossen wird. Dann wandert die Geschichte zurück in das Jahr 1928. Wir lernen Suses Eltern Ilona Konya, genannt Ilo, und Volker Engel kennen. Sie ist eine aufstrebende Künstlerin, die zu der Zeit am Berliner Wintergarten auftritt. Alle sagen ihre eine große Karriere voraus, und ihr Agent Eugen versucht gerade sie bei der Ufa unterzubringen. Doch Ilos Leben ändert sich schlagartig, als sie Unter den Linden mit dem jungen Lehrer Volker Engel zusammenstößt. Es ist Liebe auf den ersten Blick, auch wenn es keiner aus ihrer Umgebung glauben kann. Ilo ist bis dahin ein verwöhntes und ein wenig weltfremdes Püppchen aus einem durchaus begüterten Elternhaus, während Volker eins von insgesamt 7 Geschwistern war und in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist. Das er überhaupt studieren konnte, hat er seiner Schwester Hiltrud, genannt Hille, zu verdanken. Das Glück ist für die beiden perfekt, als sie 1929 ihre kleine Tochter Suse bekommen. Nun sind sie wie die drei Bären in dem Märchen „Goldlöckchen und die drei Bären“.
Dann springt das Buch in das Jahr 1952. Suse, die sich inzwischen Sanne nennt, erhält ihre Urkunde für die bestandene Ausbildung zur Lehrerin. Und damit kann sie das weiterführen, was ihrem Vater wichtig war. Wer eine gute Schulbildung erhält, fällt nicht auf solche Scharlatane wie Adolf Hitler rein.
In diesem zweiten Teil lernen wir dann auch Theodor-Friedrich Kelm, genannt Kelmi, kennen. Ein junger Westberliner, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Koch zu werden und ein eigenes Lokal zu eröffnen. Am liebsten in Ostberlin, um eine Brücke zwischen den beiden gespaltenen Berlins zu bauen. Seine Familie und seine Freunde erklären ihn für verrückt. Doch irgendwann bringt ihm sein Freund Leonard einen Zeitungsschnipsel mit. Es geht um das zerstörte Café Kranzler, das damals Unter den Linden beheimatet war. Dies ist genau das Lokal, was Kelmi sich vorgestellt hat. Und dann kommt es in diesem 2. Teil so, wie es sich für einen Roman gehören muss. Auch Kelmi und Sanne stoßen unter den Linden zusammen. Kelmi hat sich sofort in die Ostberlinerin verliebt. Da Sanne sich ziert, macht er ihr den Vorschlag, dass sie sich sonntags Unter den Linden treffen. Er wird dort auf sie warten.
Und so sind die Anfänge für beide Handlungsstränge gelegt. Wir erleben, wie sich das Leben für Ilo, Volker und Suse und ihre Freunde und Familie entwickelt. Da Volker als Lehrer und Kommunist unter den Nationalsozialisten untragbar wird, muss Ilo sehen, dass sie weiterhin im Rundfunk Geld verdienen kann. Hille hilft der kleinen Familie weiter. Es läuft so langsam auf die Katstrophe hin, die wir gleich am Anfang des Romans erleben konnten.
In dem anderen Handlungsstrang lernen wir viel über die DDR kennen. Sanne ist überzeugt von dem neuen Staat und seinen Ideen. Sie versucht diese Ideen immer wieder auch Kelmi nahezubringen. Doch er ist vollkommen unpolitisch. Er ist ein Genussmensch und versteht nicht, wie die Menschen in der DDR so leben können. Das Buch endet am 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer. Und dieses Ende habe ich so überhaupt nicht erwartet. Es war für mich ein totaler Schock.
Für mich ist dieses Buch das bisher beste der Autorin, bzw. es steht für mich auf der gleichen Stufe wie „Als wir unsterblich waren“. Es ist eine faszinierende und erschreckende Geschichte. Die Autorin hat ihre Charaktere bis ins Kleinste gut ausgewählt. So gibt es zwei wichtige Nebenfiguren, die noch einmal auf zwei der schrecklichsten Verbrechen der Nationalsozialisten aufmerksam machen – die Judenverfolgung und die Euthanasie. Hille ist das Sinnbild für die meisten Menschen der damaligen Zeit für mich. Das, was eine Regierung entscheidet, wird schon richtig sein. Sie hinterfragt die Gesetze nicht.
Die Geschichte, die von 1952 bis 1961 spielt, hat mich fasziniert. Die Idee, die der DDR zugrunde lag, war ja durchaus gut. Aber warum musste es so ein Leben ohne Freude, ohne Genuss sein? Und wo war die Freiheit, die in dem Schwur von Buchenwald genannt wird?
„Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“
Wo war die Meinungsfreiheit?
Außerdem waren doch die meisten Menschen stillschweigend den Faschisten gefolgt. Damit waren sie ebenfalls in den Augen der Führungsriege der DDR Faschisten. Die Menschen haben sich doch nicht einfach so über Nacht um 180 Grad gedreht.
Mich hat erschreckt, wie starr die Menschen dort gelebt haben. Und wie die von dem System überzeugten Bürger eigentlich ein ähnliches System aus Angst geschaffen haben, wie sie es bei den Nationalsozialisten abgelehnt haben. Für mich war dieses Buch eine Lehrstunde par Excellence. Und es ist ein Thema, was viel zu wenig in unserer Zeit behandelt wurde.
Wieder ein Paradebeispiel für „Welt bleib wach“!
Bewertung
aus Köln
4/5
25.06.2019
Buch (Taschenbuch)
Familiengeschichte vom Berlin der 20er Jahre bis zum Mauerbau
Susanne ist 16 Jahre alt, als ihr Vater vor ihren Augen von der Gestapo erschossen wird. Dies prägt fürs Leben.
Ihr Vater hatte leidenschaftlich für den Sozialismus gekämpft - und so stürzt sich Susanne nach dem Krieg mit Leidenschaft in den Aufbau der DDR. Die Zeit der Denunziation und der blinden Gefolgschaft aus der NS-Zeit sollen im neuen Staat endgültig vorbei sein. Aber - von Susanne weitgehend unbemerkt - schleichen sich mit der Stasi ähnliche Methoden ein. Dazu kommt, dass die Mitbürger mehr Leidenschaft für den westlichen Konsum zeigen als für den Aufbau eines neuen Staates. Und dann lernt Susanne noch einen Koch aus dem Westen kennen, der sich unsterblich in sie verliebt. Und sie treffen sich jede Woche Unter den Linden. Damals, als der Grenzübergang zwischen Ost und West noch problemlos möglich war. Aber am Ende des Buches (nicht, wie im Klappentext angedeutet am Anfang des Buches) steht der Mauerbau...
Erzählt wird außerdem noch die Geschichte von Susannes Eltern, die sich in den Wilden 20er Jahren in Berlin kennen- und liebenlernen. Und die Geschichte von Hiltrud, der Schwester des Vaters. Und dann gibt es da noch Eugen, einen zunächst mäßig erfolgreichen Filmemacher, der noch eine große Rolle spielen will. Und eine jüdische Schauspielerin. Es gibt also eine Fülle von Hauptfiguren, auch ein behinderter Mensch ist dabei, es werden also alle Betroffenen des Nazi-Regimes dargestellt. Eine Identifikation mit den Protagonisten fiel mir allerdings teilweise schwer. Manches empfand ich als überzeichnet, so wie die Mutter, die sich nach dem Tod des Vaters dem Leben entzieht und erst gar nicht mehr isst - und sich dann jahrelang vollfrisst, um daran zu sterben. Und Susanne, die Hauptperson, konnte auch keine übermäßigen Sympathien bei mir erwecken. Zu freudlos und engstirnig erschien mir ihr Kampf für einen sozialistischen Staat. Und die Liebesbeziehung zu dem westdeutschen Koch - die konnte ich irgendwie auch nicht nachvollziehen. Gut gefallen hat mir an den Protagonisten, dass sie nicht ausschließlich schwarz-weiß gezeichnet werden, sondern jeder hat verschiedene Facetten und es gibt immer Gründe für das (manchmal befremdliche) Verhalten.
Erzählt wird abwechselnd und in mehreren Zeitebenen: Die 20er Jahre, die 30er Jahre, die Kriegsjahre und die Zeit nach dem Weltkrieg, Dies macht die Lektüre abwechslungsreich - aber manchmal auch kompliziert. Eigentlich mag ich dieses Erzählen in mehreren Zeitebenen - und die Autorin Charlotte Roth kann dies normalerweise sehr gut - aber hier wirkte es manchmal ziemlich beliebig zusammengewürfelt. Schade.
Interessant war für mich an dem Buch vor allem die Sichtweise der überzeugten DDR-Bürger, die mit viel Elan versuchten, einen gerechten Staat aufzubauen. Und an ihren Mitmenschen verzweifeln, denen soziale Gleichberechtigung komplett egal ist - wenn es genügend zu konsumieren ist. Und daran ist die DDR im Endeffekt ja auch gescheitert - die bunte Welt des Westens war einfach zu verlockend.
Ich lese sehr gerne die Romane von Charlotte Roth, weil sie Zeitgeschichte lebendig werden lassen. Auch dieses Buch habe ich gerne gelesen. Aber an "Als wir unsterblich waren" und an "Wenn wir wieder leben" kommt das Buch dann doch nicht heran. Aber das sind auch hohe Meßlatten.
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