Queen Victoria gilt als prüde, ewig trauernde und zurückgezogene Matrone - war sie das wirklich? Mit nur 18 Jahren bestieg sie den Thron. Mit 20 heiratete sie Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, mit dem sie neun Kinder hatte. Sie liebte Sex. Und sie setzte ihre Macht bewusst ein. Sie überschritt konventionelle Grenzen, äußerte klar ihre Meinung - und begann nach dem Tod ihres geliebten Albert eine intime Beziehung mit ihrem Diener John Brown. Die Frau, die schon zu Lebzeiten einem ganzen Zeitalter ihren Namen gab, verkörperte selbst gerade nicht die bürgerlichen Traditionen und Konventionen, für die das viktorianische Zeitalter steht. Julia Baird schreibt mit großer erzählerischer Kraft die bewegende Geschichte einer Frau, die neben den wichtigen politischen Fragen ihrer Zeit mit vielen durchaus heutigen Probleme konfrontiert war: der Balance zwischen Arbeit und Familie, den Schwierigkeiten der Kindererziehung, Ehekrisen, Verlustängsten und Selbstzweifeln.
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Eine Königin - Ein Mensch!
Petra von Straks am 30.07.2023
Bewertungsnummer: 1990383
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
So kann man es in zahlreichen Briefen lesen, die Queen Victoria an Premierminister, Minister, Schriftsteller, Maler, Ärzte, Könige, Kaiser, Musiker, Polizisten, Beamte, Offiziere, Abgeordnete, Grafen, Barone ... geschrieben hat.
"Die Königin" - Victoria schrieb bei Briefen, die sich nicht an Angehörige richteten oder allgemein privater Natur waren, von sich in der dritten Person.
Das erinnerte mich stark an die von mir so sehr verehrte Maria Callas, die von sich als Sängerin ebenfalls immer nur in der dritten Person sprach.
In Julia Bairds Biografie der Königin Victoria, die ich euch heute vorstellen darf, ist mir dieses Phänomen immer wieder aufgefallen. Diese Trennung zwischen der öffentlichen Person und dem privaten Menschen.
Baird schafft es, diese Aufspaltung der Königin zu erklären und nachvollziehbar zu machen und das in einer denkbar spannenden Art und Weise. Seite um Seite habe ich verschlungen ohne mich auch nur ein einziges Mal zu langweilen.
Beinahe romanhaft schildert sie das Leben dieser ganz und gar durchschnittlich überdurchschnittlichen Frau.
Beispiel gefällig?
"Victoria lag auf dem Bett und war außer sich. Noch nie hatte sie sich so elend gefühlt. Ihr Kopf hämmerte. Ihr war übel, seit Tagen plagte sie hohes Fieber und ihre Wangen waren so eingefallen, dass sie sich im Spiegel kaum mehr erkannte. Neben ihr stand die geduldig Kümmel kauende Baroness Lehzen, auf der anderen Seite des Raumes jedoch stand wie erstarrt die Herzogin von Kent und blickte mit geballten Fäusten unverwandt aus dem Hotelfenster, von wo aus der Strand von Ramsgate in der Abendsonne zu sehen war."
Eine Szene, die genau so eins zu eins in einem Roman vorkommen könnte. Doch man sollte sich durch diese Lesbarkeit nicht irritieren lassen: es handelt sich um eine hervorragend recherchierte Biografie der Königin, bei der sogar im Anhang die Einteilung in Primär- und Sekundärquellen vorbildlich wissenschaftlich ist.
Das große Phänomen in Victorias Leben ist und bleibt für mich die Trennung ihres Lebens in v.A. und n. A.
VOR ALBERT und NACH ALBERT.
Allerdings wird diese Aufteilung auch in Bairds Buch problematisch.
Zu Erklärung: wir lernen mit Victoria eine junge Frau kennen, die bis zu jenem Tag da sie Königin von England wurde, eindeutig von ihrer Mutter, der Herzogin von Kent, und deren Liebhaber, Sir John Conroy, dominiert wurde. Die Mutter schlief sogar in Victorias Zimmer. Jeder ihrer Schritte wurde überwacht und für jede Bewegung erhielt sie von den beiden Anweisungen. Jeder ihrer Gedanken schien nur dahin zu gehen, ob sie der Mutter dieses und jenes zumuten könne.
Als dann aber die Krone auf ihr Haupt gesetzt wurde, änderte sich alles.
Hatten sich eben nicht nur die englischen Politiker und Diplomaten Gedanken gemacht, wie die neue, junge Königin einzuschätzen sei, gab es bald keinerlei Fragezeichen in den Köpfen der Herren mehr.
Die Abschirmung der künftigen Königin war derart vollständig gewesen, dass alle vollkommen verunsichert waren, mit was da zu rechnen sei.
Victoria aber setzte sich energisch und selbstbewusst auf den Thron. Ohne Zögern oder Zaudern ergriff sie die Macht. Entschlossen - wie sie selbst schrieb - "gut zu sein".
Mit einem entschlossenen Befreiungsschlag sperrte sie nunmehr ihre Mutter - wortwörtlich - aus, denn diese musste Victorias Schlafzimmer räumen. Conroy wurde in die Eiszeit entlassen. Alleine Baroness Lehzen, ihre alte Kinderfrau, blieb beständig als Ratgeberin und Vertraute an Victorias Seite.
Victoria regierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Voller Fleiß und Energie durchackerte sie bei Tag die Regierungspapiere, während sie die Nacht durchtanzte.
Selbst mehrere auf sie verübte Attentate überstand sie mit stählernen Nerven. Wenn sie - alleine in ihren Räumen - dann auch bebte und zitterte, so setzte sie sich doch am nächsten Tag wieder in ihre offene Kutsche und ließ sich durch London chauffieren. Jeder - absolut jeder - sollte sehen, dass sie zwar jung und eine Frau war, sich aber nie und nimmer einschüchtern lassen würde.
Die Engländer begannen, ihre Königin nicht mehr nur zu lieben, sondern zu respektieren.
Und ihre Königin? Sie bewegte sich wie ein Fisch im Wasser.
Dann aber kam die leidige Frage der Heirat. Victoria brauchte einen Ehemann und zum ersten Mal wurde sie sich ihrer Anomalie als Frau auf dem Thron bewusst.
Baird schildert diese Situation ohne zu verurteilen oder Partei zu ergreifen. Das macht hier, wie an manch anderer Stelle, die große Qualität des Buches aus. Neutral schildert sie die Gemütslage Victorias, die sie aus zahlreichen Quellen erschließt. Das erste Treffen mit Prinz Albert, aus dem beide wenig enthusiastisch herausgehen. Albert, der wenig attraktive, stets kränkelnde deutsche Prinz, der immer nur ernst ist und kaum die Überfahrt über den Ärmelkanal unbeschadet überstanden hat.
Soll der sie etwa amüsieren und die Nächte durchtanzen? Wohl kaum ...
Victoria hingegen - klein, pummelig und wahrhaftig keine Intellektuelle in Alberts Augen, war für den recht mittellosen Prinzen auf der Suche nach einer Lebensaufgabe, alles andere als ein automatisches Love-Interest.
Beim zweiten Anlauf hatte die Beziehung dann aber bessere Karten und tatsächlich verliebten sich die beiden. Wobei Albert zurückhaltender schien als Victoria. Diese aber war ihrem Mann vollkommen verfallen.
Und mit der Hochzeit und der ersten Schwangerschaft Victorias kommt der Bruch in Victorias Leben: Dem Namen nach ist sie noch immer Königin, tatsächlich aber überlässt sie während der Schwangerschaften die Regierungsarbeit weitgehend Albert. Er wird Schritt für Schritt König - außer dem Namen nach.
So lange Albert lebt, ist das vorliegende Buch dann mehr eine Albert- denn eine Victoria-Biografie.
Das finde ich persönlich nicht schlimm, doch ich hätte gerne mehr darüber gewusst, wie der Alltag einer Königin mit permanent wachsender Kinderschar aussah. Wie sie de facto die beiden Leben vereinte.
So wie es Baird herausarbeitet, hat sich Victoria ihrem Mann in diesen Jahren völlig untergeordnet. Sie hat ihn sogar für den Fall ihres Todes als Regenten für den künftigen König eingesetzt.
Ein Regent, der sogar ohne Rat regieren konnte.
Das Buch stellt Victoria vor und nach Albert am intensivsten dar, womit es Victorias persönlicher PR-Aktion unterliegt und sie auf Rolle des Heimchens am Herd reduziert.
Auch Victoria selbst wird von Baird durchaus kritisch gesehen. Sie arbeitet sehr schön heraus, dass Victoria sich immer dann am intensivsten eingesetzt hat, wenn sie persönlich betroffen war. Albert hingegen hat stets ein Problem zum Anlass genommen, nicht nur praktische Lösungen zu entwickeln, sondern auch strukturelle Schwachstellen zu erkennen und diese auszumerzen. Dies auch wenn er nicht persönlich betroffen war.
Baird untersucht immer wieder Victorias Entscheidungen und beleuchtet dadurch auch die problematische Tatsache, dass ein Land einem (nicht gewählten) König/ Königin beinahe hilflos ausgeliefert war, wenn diese(r) falsche Entscheidungen traf. Wobei im englischen Fall natürlich immer noch das Parlament einen gewissen Ausgleich liefern konnte.
Am Ende bleibt bestehen, dass eine zuverlässige Quellenauswertung bezüglich Victorias schwierig ist, denn sowohl die Tagebücher Victorias wie auch ihre Briefe wurden redigiert, respektive vernichtet. Ebenso wie viele Erinnerungsstücke, die die Königin aufbewahrt hatte.
Als Fazit kann ich sagen, dass das Buch eine rundum gelungene Biografie ist (mit den oben genannten winzigen Einschränkungen), das ich jedem empfehlen kann.
Es liest sich spannend und flüssig, selbst für jene, die Sachbücher normalerweise nicht gerade schätzen.
Von daher: Daumen hoch für diese hervorragende Biografie einer hervorragenden Königin.
Sehr spannende Biografie
Bewertung aus Liebenburg am 26.02.2019
Bewertungsnummer: 1176215
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Queen Victoria, geschrieben von Julia Baird auf 608 Seiten, und im wbg Theiss Verlag erschienen.
Zum Inhalt:
In dieser Biografie handelt es sich um Quenn Victoria (1819-1901), Königin von England.
Man bekommt als Leser einen sehr tiefen Einblick von ihr, über Briefe und Tagebucheinträgen.
Nicht nur das Leben und die Familie von Victoria wird hier niedergeschrieben, auch der Wandel des 19.Jahrhunderts wird geschildert und sehr viel politische Themen.
Mein Fazit:
Diese Biografie kann man sehr gut schnell und verständlich lesen (die 608 Seiten sollten nicht abschrecken). Es wird auf keiner Seite langweilig oder zäh.
Es wurden in diesem Buch auch viel Illustrationen mit eingebracht, sodass es aufgelockert ist.
Dieses Buch kann ich weiterempfehlen, und werde es bestimmt auch noch einmal rereaden.
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