"Wolf Wondratscheks Erzählen ist Seelenarchäologie." Michael Kohtes, DIE ZEIT
"Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" - mit dieser Sammlung kurzer Prosatexte schrieb Wolf Wondratschek sich in den Status eines Kultautors. Als radikaler, liebender, experimenteller Bohemien verfasste er Verse von lakonischer Eleganz. Sein neuer Roman "Selbstbild mit russischem Klavier" ist eine glühende Hommage an die Musik und die Freiheit der Kunst.
In einem Wiener Kaffeehaus lernt ein Schriftsteller den alten Russen Suvorin kennen. Suvorin war ein erfolgreicher Pianist, doch das ist lange her. Nun steht er am Ende seines Lebens, will seine Geschichte erzählen. Gebannt hört ihm der Schriftsteller zu, denn in Suvorins Schicksal spiegeln sich ein Wille, eine Energie, die ihm vertraut sind. Und immer geht es ums Ganze: um Freiheit und Rebellion, Schönheit und Verfall, um das von der Kunst geschaffene Unvergängliche. Schon bald bekommt die Begegnung der beiden Männer, die zunächst rein zufällig anmutet, etwas Schicksalhaftes. Ein Roman voll schweifender Sehnsucht, Romantik und echtem Leben aus der Feder eines der großen deutschsprachigen Gegenwartsautoren.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
yellowdog
5/5
20.01.2021
eBook (ePUB 3)
Geschichte eines Lebens im Exil
Als Leser kann man sich glücklich schätzen, diesen Roman lesen zu dürfen. Den letzten Roman hatte Wondratschek als Manuskript an einen Mäzen verkauft und das Buch blieb der Öffentlichkeit vorenthalten. Diesmal erscheint das Buch, bei Ullstein! Und man wirklich von Glück sprechen, denn das Buch ist es Wert!
Der Roman besteht hauptsächlich aus den Gesprächen des Erzählers, ein Schriftsteller, mit dem russischen Pianisten Suvorin in Wien und den Reflektionen des Schriftstellers über das Gehörte. Somit ist es ein fast klassischer Künstlerroman. Es ist wohl kein Zufall, dass Wondratscheks Sympathie einer widerspenstigen Figur gehört, der auf Eigenständigkeit besteht, zur Not auch Rebellion nicht scheut. Das geschieht meistens mit einer humorigen Note. Suvorin hat Charme, aber auch seine Schwächen, z.B. seine Trinkerei, aber er steht dazu, wie er ist und lässt sich nicht verbiegen. Es ist die Geschichte eines Lebens, auch die des Alterns.
Die Gespräche in dieser Umgebung entwickeln einen eigenen Sound und als Leser kann man in dieser Sprache schwelgen.
kingofmusic
aus Bielefeld
5/5
20.01.2021
eBook (ePUB 3)
Das Märchen vom Buch, dass unbedingt gelesen werden wollte
Es war einmal ein Buch. Sein Schöpfer Wolf Wondratschek taufte es auf den Namen „Selbstbild mit russischem Klavier“.
Auf seiner Reise durch die Welt der Literatur-begeisterten Menschen kam das Buch auch zu einem Nerd mit dem komischen Namen „kingofmusic“. Das Buch machte es sich auf dem Ebook-Reader gemütlich und harrte der Dinge, die da kommen mögen.
Eines Tages kam die Stunde des Buches und der Leser las die ersten Zeilen, Seiten…Doch so recht wurden das Buch und der Leser keine Freunde – zu unübersichtlich war es geschrieben, keine wörtliche Rede…Der Leser klappte das Buch zu und ließ es liegen.
Doch mit diesem Schicksal wollte sich das Buch nicht begnügen und bat um eine weitere Chance.
Da der König sich in der Zwischenzeit auch Gedanken um das Buch gemacht hatte (er hatte sich eigentlich auf selbiges gefreut), gewährte er dem „Selbstbild mit russischem Klavier“ die (verdiente) zweite Chance.
Und siehe da: der König und das Buch wurden nach und nach Freunde. Das Buch erzählte dem König die Geschichte von einem Schriftsteller, der einen abgehalfterten russischen Starpianisten kennenlernt und ihm gebannt und fasziniert bei der Erzählung seiner Lebensgeschichte zuhört. Die Geschichte des Pianisten ist eine faszinierende Reise durch die Welt der Kunst, der Musik, der Literatur – verpackt in eine definitiv nicht leicht zu lesende Art und Weise (ohne wörtliche Rede, kaum Absätze). Der König musste sich also sehr auf die Lektüre seines neuen Freundes konzentrieren.
Doch am Ende der Lektüre verneigte sich der König vor dem Buch, dankte ihm für die Beharrlichkeit, mit der es versucht hatte, ihn von sich zu überzeugen und streute die Kunde über die (trotz schwieriger Lesart) poetische und rührende Geschichte in alle Welt – auf dass mehr Menschen einer Geschichte die Chance geben, die zu entdecken sie wahrlich verdient hat.
Das Buch aber freute sich über den neuen Freund und unterhält sich jetzt mit seinen Kollegen in der Bibliothek des Königs und hofft, eines Tages erneut „entdeckt“ zu werden.
Ende
Bewertung
4/5
04.10.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman voller Philosophie, nichts für zwischendurch
Der ich- Erzähler trifft sich regelmäßig mit dem Pianisten Suvorin in einem Wiener Café. Dieser erzählt in Bruchstücken von seinem Leben, von der Musik, von Russland, von Kollegen, von dies und das, vom Tod.
Und am Ende fragt sich sowohl der Erzähler, als auch der Leser: haben diese Treffen im Café überhaupt stattgefunden?
Der Autor betreibt ein Verwirrspiel mit unseren Gedanken.
Dieser Roman ist für Musikinteressierte, für "Hobby-Philosophen", für Anspruchsvolle, für Menschen, die nicht einfach nur kurzweilig unterhalten werden wollen. Meisterhaft (wenn auch die fehlenden Anführungszeichen und der dazugehörige fehlende Wortführer das Buch etwas anstrengend macht.)
Bories vom Berg
aus München
3/5
12.12.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Elegischer Musikerroman Wolf…
Elegischer Musikerroman Wolf Wondratschek, erfolgreicher Lyriker und Enfant terrible der deutschen Literaturszene, hat mit seinem neuen Roman «Selbstbild mit russischem Klavier» eine Hommage an die Musik vorgelegt, wie sie eindrücklicher kaum je geschrieben wurde. Sein Image als Störenfried rührt einerseits her von seiner radikalen Opposition herkömmlicher Literatur gegenüber, andererseits von seiner teilweise praktizierten Abkehr von der gängigen Vermarktung mittels Verlagen. Manche seiner Gedichte nämlich, aber auch den kompletten Roman «Selbstbildnis mit Ratte» von 2014, hat er als Manuskripte an Sammler verkauft, sie befinden sich als nicht zur Veröffentlichung bestimmt in Privatbesitz, nur die Eigentümer können sie lesen. Seinen Kultstatus hatte Wondratschek schon mit seinem Debüt von 1969 erworben, einem Prosaband mit dem originellen Titel «Früher begann der Tag mit einer Schusswunde». Wie man sieht ein kämpferischer Autor! So ganz anders mutet da der vorliegende neue Roman an, der, wie es sich für einen Literaten gehört, in einem Wiener Kaffeehaus angesiedelt ist. Dort trifft der namenlos bleibende Poet und Ich-Erzähler zufällig einen alten russischen Pianisten namens Suvorin, dessen einst glanzvolle Karriere längst beendet ist. Was der verwitwete greise Mann zu erzählen hat aus seinem bewegten Leben in der Welt der Musik, das gleicht einem künstlerischen Testament und fasziniert den Schriftsteller zunehmend, er hört ihm gebannt zu. Immer wieder treffen sich die Beiden am gleichen Ort, das «La Gondola» ist ihr Stammlokal geworden. Außer von sich selbst erzählt Suvorin von bekannten Musikern, denen er begegnet ist, eine längere Passage ist dem Cellisten Heinrich Schiff gewidmet, aber man begegnet auch der Pianistin Elisabeth Leonskaja. Suvorin macht in seiner Innensicht aus der Welt der Musik zum Beispiel feinsinnig auf den kleinen Unterschied zwischen Klavierspieler und Pianist aufmerksam, und über wichtige Komponisten der Klaviermusik äußert er sich apodiktisch: «Ich kann mir keinen Pianisten vorstellen, der Bach aufgibt. Er gehört zur Hygiene unseres Berufs, also unverzichtbar. Das ist wie Zähneputzen. Es ist Gymnastik für die Ohren». Der Roman ist unübersehbar autofiktional, mit Heinrich Schiff zum Beispiel war Wolf Wondratschek selbst eng befreundet, vieles, was wir da lesen, ist real. Über die üppige Bibliothek des unduldsamen Cellisten, die massenhafte Ansammlung von Büchern überall in dessen Wohnung, lässt er seinen, im Roman mit Schiff ebenfalls befreundeten Protagonisten sagen: «Den Letzten, den er aus der Wohnung geschmissen hat, war einer, der wissen wollte, ob er sie alle gelesen hat. Ein Dummkopf.» Und setzt noch hinzu: «Es gibt nirgendwo so viele Dummköpfe wie unter den Liebhabern der Musik». Dazu passt auch der Abscheu seines Helden vor Applaus, für Suvorin ist ein Konzert wie eine Messe, und in der Kirche werde ja auch nicht geklatscht. Neben solchen Reflexionen über die Musik findet man in dieser kontemplativen Prosa auch viele Gedanken über Liebe, über die Zumutungen des Alterns, den Verlust der Würde des Kranken, über das Sterben und den Tod. All das ist zweifellos recht informativ, auch wenn man sehr aufmerksam sein muss beim Lesen. Denn nicht immer gelingt es in diesem monologischen Text, den Ich-Erzähler vom erzählenden Pianisten und diesen wiederum von Heinrich Schiff zu unterscheiden. Das «Ich» bleibt jedenfalls meistens nebulös bei den vielen, unvermittelten Perspektivwechseln, die es zu bewältigen gilt, wozu das Fehlen von Anführungszeichen dann ergänzend noch eine weitere, nicht unwesentliche Hürde aufbaut. Dieser elegische Musikerroman ist ebenso bereichernd wie unterhaltend, obwohl er weitgehend ohne einen Plot auskommt, auf den diese Bezeichnung wirklich zutreffen würde. Es wird also ein findiger, mitdenkender Leser vorausgesetzt bei der meist geistreichen Plauderei im Kaffeehaus, die sich stilistisch übrigens in auffallend kurzen Sätzen artikuliert, leicht lesbar mithin.
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