Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter Kinder fremder Eltern austragen und aufziehen, alles sozusagen Bio und Fair Trade. Elternschaft ist hier Beruf, überwacht und gelenkt von einem alles kontrollierenden Apparat. Der Nachwuchs kann jederzeit besucht werden. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf dem Weg zum eigenen Kind, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung. Im Stile von Kazuo Ishiguros »Alles, was wir geben mussten« stellen sich wichtige Fragen unserer Zeit in eigener Versuchsanordnung: Ab wann ist Bindung ein Verlust von Freiheit? Was ist Familie? Sind die tradierten Rollenbilder von Mutter und Vater verhandelbar? Spielerisch erreicht »Das Weiße Schloss« eine stilistische Größe sowie eine gedankliche Tiefe voller literarischer Verweise und Fragestellungen und wird so zu einem fulminanten Gewebe von transzendenter Leuchtkraft.
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Brisant und bewegend
Bewertung aus Peine am 21.04.2022
Bewertungsnummer: 1699430
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ada und Yves haben sich ein Leben aufgebaut, das sie erfüllt. Er ist Künstler, sie hat eine anspruchsvolle Position bei der Einwanderungsbehörde. Sie sind glücklich miteinander, haben ein schönes Haus, reisen gern, führen gute Gesprächen und haben großartigen Sex.
Dennoch ist da der Wunsch nach einem Kind. Ada sieht allerdings, wie sehr ihre Schwester, eine zweifache Mutter, gezwungen ist, ihr Leben an ihre Kinder anzupassen. Ada hingegen möchte ihre Unabhängigkeit nicht einbüßen. Eine Lösung scheint das Weiße Schloss zu bieten, eine Institution, die es Paaren und Singles erlaubt, ihre Kinder von Leihmüttern austragen und auch die ersten Jahre aufziehen zu lassen. Diese Leihmütter werden gut für ihre Care Arbeit entlohnt und auf dem Weißen Schloss wird alles für sie und die Kinder getan. Ada hat das Gefühl, dass sie nicht in der Lage wäre, ihrem Kind allein so viel zu bieten. Auch ihre Chefin ist von der Möglichkeit begeistert, bleibt ihr Ada doch so als Mitarbeiterin erhalten.
Dittloff entwirft in seinem Roman ein Gedankenexperiment, dem er mit großem Einfühlungsvermögen nachspürt, immer ganz nah an den Figuren, durch deren Sicht wir die Situation erleben. Ada ist eine einfühlsame und reflektierte Frau, der bewusst ist, welche Doppelrollen Müttern abverlangt werden und die sehr genau überlegt, wie sie ihr eigenes Leben gestalten möchte. " Das weiße Schloss" ist keine Dystopie, regt aber sehr zum Nachdenken an über eine Gesellschaft in der Familien oft an die Grenzen der Überforderung und auch darüber hinaus getrieben werden.
erade zur Zeit von Covid und den damit verbundenen lockdowns wieder ein aktuelles Thema. Ich würde mir wünschen, dass mehr über diesen Roman gesprochen werden würde. Nicht über Adas Entscheidung und deren Berechtigung, sondern eher über die Frage welche Grenzen und Möglichkeiten es für Familien heutzutage gibt, welche Modelle Entlastungbringen könnten. Ein Roman, der wie "Niemehrzeit" zum Reflektieren über die eigene Situation einlädt.
Mitreißend und beeindruckend klug erzählt, lotet Dittloffs erster Roman ganz verschiedene Aspekte des Mutterseins aus. Extrem spannend auch die Einschübe, die sich unter anderem mit Fruchtbarkeitskliniken in der Ukraine oder der Forschung zur Entstehung von Leben beschäftigen.
Sprachlich virtuos und erfrischend lebensnah. Ein Roman, der mich schon sehr lange beschäftigt und den ich mehrmals gelesen habe. Für mich ist der Roman eine große Bereicherung.
Interessanter Roman mit neuen Konzepten zum Thema Elternschaft
Leselust Bücherblog am 17.12.2018
Bewertungsnummer: 1156542
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Die Großmütter hatten für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben." (Aus "Das weiße Schloss", S. 29)
–ein Buch über Elternschaft, über Beziehungen, über Hedonismus und darüber, was einem im Leben wichtig ist.
Meine Meinung:
In diesem Buch stecken viele interessante Gedanken. Durch das dystopische Setting wird das große Thema des Romans – Kinder und Familie – von einer ganz anderen Seite beleuchtet. Was macht eigentlich eine Familie aus? Wozu Kinder haben, wenn man sie nicht bei einem wohnen, man sie nur selten sieht, sie nicht erzieht? Muss man sich immer entscheiden, zwischen dem eigenen Leben, der Karriere und einer Familie? Muss man sich für Kinder immer ein Stück weit selbst aufgeben? Was bedeutet es, Vater/ Mutter zu sein?
Das wird an dem Beispiel von Ada und Yves sehr schön veranschaulicht. Sie führen eine sehr intensive Beziehung, lieben sich, haben ein erfülltes Sexleben. Sie gehen voll auf in ihren jeweiligen Berufen. Ada arbeitet in einem Amt, das potentielle Kandidaten auswählt, die in ihr Land immigrieren dürfen, weil sie eine Bereicherung für die Gesellschaft wären. Yves ist Künstler und über eben jenes Programm in das Land gekommen.
Und dann gibt es die Organisation "Das weiße Schloss". In diesem Schloss leben Mütter, die man sich –wenn man das harte Auswahlverfahren übersteht– als Leihmutter für das eigene Kind buchen kann. Die Leihmutter trägt das Kind auf dem Schloss aus, während für sie und das Kind gut gesorgt wird. Alles ist auf Optimierung der Schwangerschaft ausgelegt. Es gibt einen auf Monat und Zustand der Mutter angepassten Ernährungsplan, Sport, Entspannung, zertifiziertes Material zur Stimulation der geistigen Fähigkeiten. Alles ist genau durchorganisiert. Das die Mütter glücklich sind, ist unglaublich wichtig. Nicht etwa um der Mütter selbst willen, sondern weil negativer Affekt Auswirkungen auf das ungeborene Kind hat.
Aber mit der Geburt des Kindes ist die Aufgabe der Leihmutter noch nicht erfüllt. Denn auf Wunsch der zahlenden Eltern, kann das Kind auch weiterhin bei der Leihmutter auf dem Schloss leben und wird dort von der Leihmutter erzogen und versorgt. Die Eltern können so oft sie wollen zu Besuch auf das Schloss kommen und dort Zeit mit dem Kind verbringen.
Das Thema Kinderwunscherfüllung wird hier als vollkommene Dienstleistung dargestellt. Von der Auswahl der geeigneten Leihmutter, über Befruchtung und Empfängnis bis hin zu Ernährung, Erziehung und Bildung. Ein weiterer Aspekt der betont wird, ist ein Finanzieller. Die Investition in die Bildung des Kindes ist gleichzeitig eine Altersabsicherung, da die Eltern per Vertrag zu "Teilhabern der späteren Verdienste des Kindes" erklärt werden. (S. 42)
Für mich war das alles ein sehr abenteuerliches Konzept, wie ich finde. Da schossen mir beim Lesen sofort sehr viele Gedanken und Fragen durch den Kopf.
Als bei Yves und Ada das Thema Familienplanung aufkommt, ist schnell Das weiße Schloss im Gespräch. Denn eins weiß Ada ganz genau: sie will nicht sein wie ihre Schwester, die nur noch für ihre Familie lebt. Das Umsorgen der Familie und die Rolle als Mutter wird aus Adas Sicht als furchtbar eintönig, undankbar und kräftezehrend dargestellt.
Das Konzept des Schlosses scheint Ada und Yves ideal: ein Kind haben, ohne den jugendlichen, hedonistischen Lifestyle aufgeben zu müssen. Weiterhin Sex und Alkohol, wann sie wollen. Ausschlafen, spontane Reisen und Ausflüge im Cabrio, in dem eh kein Platz für ein Kindersitz ist. Eine Familie, aber keine Verpflichtungen.
"Solange sie immer taten, wonach ihnen war, waren sie nicht langweilig, sondern selbstbestimmt." (Aus "Das weiße Schloss", S. 193)
Die Geschichte wird abwechselnd aus Adas und Yves Perspektive erzählt. Unterbrochen werden sie durch Einschübe, die sich alle in irgendeiner Art und Weise um das Thema Schwangerschaft und Familie drehen. Da geht es um Forscher, die den Prozess der Verschmelzung von Eizelle und Spermium entdeckt haben. Um die Entwicklung des Fötus im Mutterleib. Um philosophische Betrachtungen der Konzepte Mutterschaft und Familie. Diese Einschübe haben mir besonders gut gefallen, da ich einiges Neues gelernt habe und die Ergänzung zu der unterhaltenden Romanform sehr gelungen fand.
Generell hat mir das Thema des Romans und die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde, sehr gut gefallen. Es wurde ein völlig neues Konzept von Elternschaft vorgestellt, ohne dem Leser/ der Leserin gleich eine Bewertung aufzudrängen. Vielmehr werden Fragen aufgeworfen. Gut fand ich auch, dass in dem Roman auch Platz war für "unbeliebte" Meinung, was das Thema Mutterschaft und Familie angeht. Dass es eben Frauen gibt, die sich das Leben mit einem Kind, ein Leben in der klassischen Mutterrolle nicht vorstellen können. Dass es auch Mütter gibt, die mit ihrer Rolle als Mutter unglücklich sind, die überfordert sind. Die ihrem alten Leben mit den vielen Freiheiten manchmal nachtrauern. Das ein Kind das Leben nicht nur bereichert, sondern eben auch Einschränkungen und viele Umstellungen mit sich bringt. Für all diese oft eher verschwiegenen oder beschämt hervorgebrachten Themen ist Platz in dem Roman. Das hat mir sehr gefallen.
Insgesamt hatte ich aber dennoch so meine Schwierigkeiten mit dem Roman. Der Schreibstil hat mir nicht so gut gefallen. Ich fand ihn oft unnötig kompliziert und teilweise kam es mir irgendwie etwas prätentiös vor. Auch mit den Charakteren wurde ich nicht so richtig warm und es blieb die ganze Zeit über eine gewisse Distanz bestehen. Das kann vom Autor durchaus so gewollt gewesen sein, hat es mir aber beim Lesen dennoch schwieriger gemacht, mich von der Geschichte packen zu lassen und sie wirklich begierig zu lesen.
Fazit:
Ein sehr interessantes Buch mit vielen Gedanken zum Thema Elternschaft und wie diese das eigene Leben, die Beziehung verändert. Mich hat es leider nicht ganz begeistern können, weil mir der Schreibstil nicht so gut gefallen hat und ich mit den Charakteren nicht warm wurde. Ich habe das Buch dennoch gern gelesen, weil es mir so viele Gedankenanstöße geliefert hat und mich einen ganz neuen Blick auf das Konzept von Elternschaft hat werfen lassen.
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