Zum christlichen Glauben gehört der Mut, die Wunden unserer Welt wahrzunehmen und sie mit dem Glauben zu berühren. Denn wir begegnen Gott überall dort, wo Menschen leiden. Und auch wenn jemand Christus nicht im traditionellen kirchlichen Umfeld finden kann, ist für ihn noch immer die Möglichkeit gegeben, ihm in den offenen Wunden unserer Welt zu begegnen. In 14 Essays zeigt Tomáš Halík, dass sich ein Glaube »ohne Wunden« als Illusion erweist. "Das Buch ist eine vom Alltag gesättigte Meditation." forum
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Bewertung
4/5
02.03.2026
Buch (Taschenbuch)
Wenn da nicht der mir zu unkritische Umgang mit Missbrauch wäre…
Halík benennt in seinem Buch viele zentrale Punkte meiner eigenen Theologie kurz, aber klar auch, und dies natürlich viel prominenter:
Er schreibt auf S. 28, zweiter Absatz: „Die Aussage „Jesus ist Gott“ trennt uns von Juden und Muslimen“ – und bedauert dies so weit, dass er die Göttlichkeit Jesu ebenfalls – im Ansatz – doch recht erfrischend neu und anders bestimmt.
Allgemeine Gotteskindschaft aller Menschen (leider nur in einem Halbsatz in Klammern): S. 29 Mitte
„[…] in der Bibel ereignet sich Gott. Gott ist so, dass er sich ereignet.“, S. 31, zweiter Absatz – das klingt wie ein Zitat aus meinem Geschehens-Ansatz, ging ihm zeitlich aber voraus.
Ebenda: „Gott ist hier, er ist „berührbar“, S. 31. Das klingt wie ein Zitat aus meiner Zwischen-Summe „Gott ist angreifbar.“, nur eben auch historisch älter, wenngleich mir zuvor unbekannt.
„Jesus ist überall dort, wo Menschen Not leiden – überall dort sind sie (und Er in ihnen) für uns wie eine „Gelegenheit“,[…]“, Seite 43 vorletzter Absatz. Das klingt thematisch wie mein Einstieg in meine „Sitzgelegenheiten 2“ und wie mein Lied „Bulgaria“.
S. 65 Mitte: „Ich glaube nicht, dass wir (nach Ausschwitz) über Gott reden können, […] nur zu Gott [...]“ – zitiert er Elie Wiesel. Ohne beide Stellen zu kennen, habe ich dasselbe auch sehr ähnlich empfunden.
Kleine Kritik: Auf S. 146 tritt er gegen Madonna auf, weil sie das Kreuz thematisiert. Ich bin da ganz anderer Meinung als Halík: (1) gehört Madonna zu den von mir am meisten geschätzten Musikerinnen und (2) muss das Kreuz thematisiert werden, immer wieder und immer wieder neu!
Große Kritik: Auf Seite 158 nennt Halík den Missbrauchsskandal der Kirche Priesterskandale, das ist – ohne weitere Differenzierung - zu leicht euphemistisch, diminutiv zu missverstehen! Halík sieht in weiterer Folge Missbrauch als etwas unvermeidbares, ja fast würde man sagen „normales“ an – es gäbe diesen eben immer… Meine Antwort: Missbrauchsfälle sind Gewaltverbrechen! Die Kirche ist nicht Opfer sondern Täterin (Vgl. die Kirche im Fegefeuer)!
Auf S. 169 kritisiert er gar jene recht frontal, die deswegen die Kirche verlassen; nennt diesen Grund ein Alibi. Mich schockiert diese Haltung! Meine Antwort: Austritte sind nicht Alibi, sondern Konsequenz!
Sie wird zwar aufgehoben, aber nicht explizit nochmals erwähnt in der Stelle gegen „Extra ecclesiam nulla salus“ auf S. 173: „[… zur Kirche gehören] schon heute auf irgendeine Weise jeder Mensch […]“. Das bedeutet für mich nichts anderes: der Skandal sind nicht die Austritte wegen der Missbrauchsfälle, die Ausgetretenen bleiben und sind wie alle Menschen Teil der umfassenden Kirche; der Skandal sind die Missbrauchsfälle selbst!
Zum Abschluss noch ein Gustostückerl: Die besondere Bedeutung der (für mich auch: heutigen) Heiligen in Zwangslagen der Verfolgung, S. 172 – 173, ist einfach nur wunderbar. Das bringt weiter, das baut auf! Das ist eine so schöne Theologie des Leidens dieser Menschen! [Mein Weiterdenken: Wenn alle Menschen Teil der Kirche sind und alle Menschen leiden, dann sind doch auch alle Menschen Heilige in diesem Sinne von martyr bei Halík.]
Fazit: Halík öffnet Türen, aber bleibt an manchen Stellen zu institutionell; meine Theologie geht weiter, indem sie das Geschehen radikalisiert und die Opferperspektive absolut setzt. Halík ist ein begnadeter Stilist, sein Buch ist einfach schön zu lesen, trotz des schweren Themas Leid und Wunden.
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