Victor hat die Provinz hinter sich gelassen und ist zum Studium nach Paris gezogen. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, der Druck an der Uni ist hoch. Victor ist einsam und fühlt sich unsichtbar. Einzig mit Mathieu, einem Jungen aus dem Kurs unter ihm, raucht Victor hin und wieder eine Zigarette. Als Mathieu in den Tod springt, verändert sich für Victor alles. Plötzlich wird er, der einzige Freund des Opfers, sichtbar. Seine Kommilitonen interessieren sich plötzlich für ihn, und langsam entwickelt er zu Mathieus Vater eine Beziehung, wie er sie zu seinem eigenen Vater nie hatte. „Ein Winter in Paris“ ist ein sensibles und zärtliches Buch über das, was uns Menschen zusammenhält.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
aus Königs Wusterhausen
5/5
15.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Es ändert sich alles und doch nichts
Victor, kommt als junger Student aus der Provinz nach Paris um einen zweijährigen Vorbeireitungslehrgang für die Aufnahmeprüfungen an eine der französischen Eliteunis zu absolvieren. Sein erstes Jahr ist von Einsamkeit und Beklemmung innerhalb der Großstadt und unter dem Leistungsdruck der Gesellschaft geprägt.
Mit Fleiß und Ehrgeiz wird er, obwohl seine Lehrer in ihm kein aufkommendes Genie sehen sondern ihn eher als strebsamen Taglöhner kennzeichnen, in die zweite Klasse des Vorbereitungslehrgangs versetzt. An dieser Stelle kommt Mathieu ins Spiel, nunmehr im ersten Jahr, mit dem sich Victor locker anfreundet. Der Tag des Selbstmordes von Mathieu, der unter dem Druck des sadistischen Lehrers und dem Gefühl der Entwurzelung und der Einsamkeit zusammenbricht, lässt Victor neben dem Schock mit der Frage zurück ob er, wenn er nicht ausgerechnet heute zum ersten Mal zu spät gekommen und so Mathieu wie geplant zum Geburtstag eingeladen hätte, die Tat hätte verhindern können.
Nach Mathieus Sprung aus dem Fenster ist für Victor nichts mehr wie vorher. Seine Kommilitonen aber auch Mathieus Familie beginnt sich für ihn zu interessieren und zwischen dem Rampenlicht des sozialen Aufstiegs und der Verarbeitung des Anblicks des toten Mathieu verliert Victor sein Ziel aus den Augen und lässt sich von Tag zu Tag, von Party zu Party treiben.
Die Sprache ist treffend und dabei unaufgeregt und beschreibt den Zwiespalt in den Victor und sein Umfeld geraten, dass sich durch den Selbstmord für sie alles aber für die Schule, die Stadt, das Land (...) nichts zu ändern scheint. Der Roman ist mit weniger als 200 Seiten relativ schmal, jedoch zeigt der Autor, dass mit dem richtigen Schreibstil auch wenige Worte in der Lage sind dem Leser die Gefühle seiner Romanfiguren auf tiefsinnige und berührende Weise zu vermitteln.
Eine klare Leseempfehlung für einen verregneten Herbstnachmittag!
Bewertung
aus Brachbach
5/5
15.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein warmherziger, weiser, wunderbarer Roman
Haushaltsauflösung und Umzug zwangen mich dazu, den Roman zunächst beiseite zu legen. Endlich komme ich nun dazu, ihn zu lesen und das in einem Rutsch.
Warum fühle ich mich dem achtzehnjährigen Protagonisten Victor sofort so eng verbunden? Ich entdecke mich in ihm wieder, wir sind eindeutig seelenverwandt. Aus der Provinz kommend, im verwirrend-verstörenden Universitätsbetrieb angekommen, hoher Druck und das Gefühl, alleingelassen, unsichtbar zu sein. Victor scheint es nicht zu stören, dass im ersten Jahr keiner mit ihm redet. Dann endlich ist ein Freund in Sicht. Man redet wenig miteinander, raucht in den Pausen zusammen, immerhin. Doch Mathieu ist der Situation am Lycée D. nicht gewachsen, er leidet unter der kaltschnäuzigen Art der Lehrenden. Sein Freitod bietet Victor ironischerweise die Chance, Kontakte zu gewinnen, zu Mitstudierenden und vor allem zu Mathieus Vater, dem der Tod seines Sohnes schmerzlich zusetzt. Als Freund des Opfers ist Victor plötzlich gefragt und begehrt. Wie Jean-Philippe Blondel die weitere Entwicklung des jungen Mannes beschreibt, ist geradezu meisterlich gelungen! In völlig unaufgeregtem-unspektakulärem Schreibstil lässt er uns Leser Victors weiteren Weg begleiten und teilhaben an der persönlichen Entwicklung und der Reifung seines Charakters.
Das Buchcover ist äußerst treffend gewählt. Was könnte die Situation und die Gefühlslage des jungen Victor besser widerspiegeln?
Ein Lesevergnügen der besonderen Art, bestens geeignet für stille Herbstabende.
Bewertung
aus Arnstorf
5/5
15.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Interessant, erschreckend und gefühlvoll
Der Roman „Ein Winter in Paris“ von Jean-Philippe Blondel hatte mich seines Covers wegen angesprochen. Ich finde es sehr schön gestaltet und wollte wissen, wer hinter dem jungen Mann steckt. Zudem hat weiteres Interesse das Thema Einsamkeit bzw. Unsichtbarkeit für die Mitmenschen geweckt und ich war sehr neugierig, inwiefern sich der Selbstmord Matthieus auf den davor unsichtbaren Victor auswirkt, was es aus ihm macht und wie er damit umgeht. Wie erst vermutet ist Victor keiner der grundsätzlich zurückgezogen lebt, sondern durchaus schlagfertig und gekonnt agieren kann und Nähe sucht und vermisst. Die Lycee hat aus ihm gemacht, was er anfangs war...
Victor, ein junger Student, der aus der Provinz nach Paris gekommen ist, ist für mich ein gut gelungener Protagonist, mit dem ich gut mitfühlen konnte. Sehr erschreckend fand ich die Lehrerschaft bzw. den Umgang mit den Studenten in seinem Lycee. Victor ist anders als alle anderen und dadurch für sie unsichtbar bzw. er macht sich schließlich selbst zu dem, was er ist, und hat dadurch immerhin die Chance, im ersten Jahr von den Leistungen her mithalten zu können. Nicht nur in Paris hat er kaum ein soziales Leben, auch von seinen Eltern versucht er sich abzunabeln, die wenig mit seinem Studium anfangen können. Im zweiten Jahr lernt er Matthieu kennen, dem es im ersten Jahr wie ihm selbst ergeht, bis Matthieu kurze Zeit nach ihrem Kennenlernen Selbstmord begeht. Victor wird dadurch sichtbar - er war der Freund des Opfers. Plötzlich wird er beliebt, bei den Mädchen interessant, wird zu Partys eingeladen und trifft sich häufig mit Matthieus Vater, was nicht gerne gesehen wird und alles zusammen seine Leistungen sinken lässt. Ihm gefällt diese plötzliche Aufmerksamkeit, dass seine Einsamkeit ein Ende hat und er weiß dies zu nutzen. Ihm gefällt auch diese Art Vater-Sohn-Beziehung zu Matthieus Vater, der so ganz anders ist als sein eigener Vater. Aber will er das alles auch sein? Wo ist sein richtiger Platz im Leben? Victor befindet sich in einer Phase, in der er noch nicht angekommen ist, nicht weiß, was ihm die Zukunft bringen soll, und freut sich über angebotene Möglichkeiten, aus seiner aktuellen Situation auszubrechen. Schön fand ich, dass der Leser zu Beginn und Ende des Romans erfährt, was aus Victor schließlich geworden ist.
Ich fand das Buch interessant, aufschlussreich und erschreckend, gefühlvoll, teilweise auch spannend. Wie mit dem Thema Selbstmord an der Lycee umgegangen wird, welche Methoden dort allgemein vorherrschen, hat mich erschüttert. Im Grunde handelt das Buch davon, was ein Selbstmord bei den Mitmenschen bewirkt, wie sie sich fühlen, welche möglichen Vorteile sie sogar daraus ziehen können, was man in dieser Geschichte bei verschiedenen Personen mitverfolgen kann. Der Schreibstil ist flüssig und gut lesbar, man muss aber doch mit einem gewissen Maß an Konzentration dabei sein. Der Hauptteil der Geschichte ist eine Erinnerung an die Zeit in den 80er Jahren, in der noch vieles anders lief und Studenten in den Bibliotheken zu Hause waren. Ich den Umfang etwas zu knapp gewählt und hätte mir in manchen Szenen mehr Ausführlichkeit gewünscht. Trotzdem zeigt dieser Roman, dass ein gutes Buch auch in kleinerem Umfang sehr viel Aussagekraft haben kann! Auf alle Fälle ist der Roman gehobene Literatur und definitiv lesenswert! Ich vergebe sehr gerne vier glänzende Sterne hierfür.
Kaffeeelse
5/5
15.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Trauma
"Ein Winter in Paris" ist die Darstellung einer Zeit im Leben von Victor. Es ist Oktober 1984, Victor, aus der Provinz kommend, nun Student am Lycée D. in Paris, hat gerade das erste Jahr der Vorbereitungsklasse geschafft, ist im zweiten Jahr dieser Vorbereitungsklasse, hat im letzten Jahr die negativen Seiten des Auswahlverfahrens für die weiterführenden Universitäten am eigenen Leib zu spüren bekommen. Seine Zeit bestand fast nur aus sehr viel Büffeln/Lernen/Lesen, er hat kaum Kontakt zu anderen Menschen, ist viel allein, die Mitstudierenden sind fast wie ein elitärer Club, zu dem er keinen Zugang findet. Dazu kommt ein gewisser Abnabelungsprozess von seiner Familie, ein gewisses Unbehagen seinen Eltern und seinem Bruder gegenüber, ein Gefühl von ihnen nicht verstanden zu werden. Schon das ist eigentlich genug für einen Menschen. Im zweiten Jahr der Vorbereitungsklasse knüpft er einen losen Kontakt zu einem Mitstudierenden aus dem ersten Jahr der Vorbereitungsklasse, Mathieu. Sie empfinden sich in gewisser Weise als eine Art Seelenverwandte, haben ähnliche Probleme, stützen sich gegenseitig, kämpfen gemeinsam gegen den Rest der Welt, "Kastor und Pollux". Doch Mathieu kann dem Druck nicht standhalten und geht in den Freitod. Im folgenden Teil des Romans werden die Reaktionen der Menschen auf dieses Drama fokussiert. Für Victor verändert sich sein bisheriges Leben, er wird zum Freund des Opfers und damit interessant, findet Zugang zum elitären Club der Mitstudierenden. Ein Bild was Fragen aufwirft.
Dies geschieht in einer sehr sensiblen Art der Betrachtung der Charaktere, etwas was Blondel sehr gut kann, dieses sensible Betrachten der Menschen. Es wird eine gewisse Spannung beim Leser erzeugt, es entsteht ein Sog, nicht so kraftvoll, aber er ist da. Dabei ist der Roman nicht gefühlsüberfrachtet, sondern schildert die Geschehnisse in einer ruhigen Art, nichts desto weniger trifft genau diese Art den Leser. Das Buch berührt tief. Und ich habe es geliebt!
Und kann nur sagen: Unbedingt Lesen!
Bewertung
aus Rösrath
5/5
15.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein schönes Buch...
Das Lesen dieses Buches hat mir ungeheuer viel Freude bereitet. Das schmale Bänchen von knapp 200 Seiten ist ungeheuer stimmungsvoll, eine eindrückliche Sprache sorgt für einen optimalen Lesegenuss an einem verregneten Herbstwochenende. Eine Geschichte vom Erwachsenwerden und seinen Platz in der Welt finden. Victor - aus einfachen Verhältnissen kommend - von seinen Eltern nicht verstanden, sich im strengen Bildungsapparat beweisen müssend, weitgehend ohne Kontakte zu seinen Kommilitonen, verabredet sich zu seinem anstehenden Geburtstag mit einem Studenten, der sich kurz vorher in den Tod stürzt. Da Victor der einzige war, der hin und wieder mit dem Suizidanten Mathieu auf dem Pausenhof eine Zigarette geraucht hatte, wird er plötzlich für die anderen interessant, bekommt Kontakte. Auch zu Mathieus Vater und am Ende auch zu dessen Mutter. Es ist, als wenn sich für Victor eine neue Existenz aufgetan hätte - die neuen Eltern als Ersatz für die eigenen; dabei eine besondere Beziehung zu Mathieus Vater. Durch eine Intervention von Mathieus Mutter gegen Ende der Geschicjhte, gelingt es Victor, sich aus dem unheilvollen Sog, der von Mathieus Eltern ausgeht, zu befreien. Auch von seinen eigenen Eltern sagt er sich frei und beginnt nun sein Leben. Victor ist Familienvater und Schriftsteller geworden - das ist der Rahmen der Geschichte. Ein wunderbarer Roman über den Weg und den Umweg ins eigene Leben. Unbedingt lesen!
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