Religiöse Prägung, überkommene Familien- und Frauenbilder und ein unsicherer Umgang mit der Sexualität dominieren die Lebenserzählungen aller muslimischer Patienten, die Burkhard Hofmann aufsuchen. Zweifel sind in ihrer Kultur und Religion nicht vorgesehen. Bei fast allen führt das zu ausgeprägten Symptomen von Angst, bei vielen zu einer aggressiven Ambivalenz gegenüber der westlichen Kultur.
Hofmann zeichnet ein Psychogramm der arabischen Seele, voller Verständnis für die Leiden seiner Patienten, aber mit wachem Blick auf deren kulturelle Wurzeln und einem klaren Bewusstsein für die Freiheiten des einzelnen Menschen in einer aufgeklärten, westlichen Gesellschaft. Ein bedeutsamer Beitrag zur aufgeheizten Debatte um den Kampf der Kulturen.
"Die Spannung zwischen religiösen Überlegenheitswünschen und hilfsbedürftiger Unterlegenheit ist für jeden Flüchtling schwer auszuhalten. Er muss sich aber für Letzteres entscheiden, weil er sich sonst nicht helfen lassen kann. Das Erleben der Defizite ist für die stolzen Menschen am Golf kaum zu ertragen. So wundert es nicht, wie sehr die augenfälligen Mängel im öffentlichen Leben in der Verantwortung der westlichen Großmächte gesehen werden. Der reine Opferstatus, den man sich aber dadurch zuweist, proklamiert letztlich eine unwürdige Ohnmachtshaltung, die der Situation nicht gerecht wird und den Einzelnen in politische Apathie und Bequemlichkeit versetzt."
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Blick auf die arabische Psyche
Raumzeitreisender aus Ahaus am 21.03.2026
Bewertungsnummer: 3084052
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Burkhard Hofmann ist ärztlicher Psychotherapeut in Hamburg mit langjähriger Berufserfahrung. Als neugieriger, aufgeschlossener Therapeut hat er seinen Wirkungskreis geografisch erweitert bis hinunter in die Golfregion. Ein Teil seiner Patienten kommt aus der arabischen Welt und ist vom Islam geprägt. Psychische Probleme kennen weder Länder- noch Kulturgrenzen. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein in der westlichen Welt sozialisierter Therapeut in einer muslimischen Welt zurecht kommt, in der eine Trennung zwischen Kirche und Staat nicht existiert. Der Autor berichtet über seine Erfahrungen und erstellt ein Psychogramm der arabischen Psyche.
Bereits der erste Fall macht deutlich, wo die Unterschiede zur westlichen Welt liegen. Wenn sich eine Frau scheiden lassen will, steht das im krassen Gegensatz zur Verpflichtung zu ewiger Treue gegenüber der Familie und der tradierten Kultur. Die von klein auf anerzogenen strengen Regeln im Islam bewirken, dass Menschen Schuldgefühle entwickeln, wenn sie dagegen verstoßen. "Man bewegt sich eben nur in bekanntem Gelände. Es fehlt der Drang, Grenzen zu überschreiten." Insofern ist es schon erstaunlich, dass Menschen mit muslimischer Prägung einen westlichen Therapeuten aufsuchen. Eine Scheidung im Islam ist möglich, aber es Bedarf vieler Verhandlungstage vor Gericht und massiver Zugeständnisse der Frau.
Hofmann stellt Fälle aus seiner Praxis vor. Es handelt sich um überwiegend gut betuchte Muslime der gehobenen Mittelschicht, die seine Praxis aufsuchen bzw. die er in ihrem Heimatland besucht. Den Behandlungsmöglichkeiten eines westlichen Therapeuten sind Grenzen gesetzt, denn das Psychische wird von vielen Muslimen immer noch als die primäre Domäne des Religiösen angesehen. Abweichungen werden unter den Verdacht der Sünde gestellt. Insofern verwundert es den Leser, welche Mengen an Psychopharmaka, Schlaftabletten und Beruhigungsmittel am Golf in Umlauf sind. Hier vertraut man offensichtlich der westlichen Medizin.
Psychische Probleme erwachsen aus einer religiös geprägten Kultur, die keinen Zweifel und keinen Widerspruch duldet. Das verhindert die Abnabelung von der Familie, führt zu Unsicherheiten im Umgang mit der Sexualität und zu einem mittelalterlichen Frauenbild. Positiv gesehen fühlen sich die Gläubigen in ihrem Glauben geborgen, der ihnen hilft, Krisen zu überwinden und Sinn zu sehen, wo westlich geprägte Menschen sinnloses Leid erblicken. "Der Glaube bleibt ebenso unumstößlich wie die allerorts vorhandenen autoritären Staatsstrukturen." Für Zweifel bleibt kein Platz, denn Zweifel führen je nach Ventil zu Angst oder Aggression.
Angst ist das zentrale Thema in Hofmanns Fallbeschreibungen. Stockschläge, wie bei den Beduinen erfahren, sind kein wirksames Mittel gegen Depressionen. Kritik am Koran ist verbotenes Terrain. Menschen aus der gehobenen arabischen Mittelschicht werden bei ihrem Studium in Paris oder London mit völlig anderen Lebensentwürfen konfrontiert, die Zweifel säen können. Hofmanns Analysen der Psyche zeichnen ein Bild, welches tiefer geht als das, was allgemein in den Medien über den Islam zu lesen oder zu hören ist. Er plausibilisiert Verhaltensweisen, die oftmals nur oberflächlichen betrachtet werden. Dennoch gilt: "Wir [im Westen] sollten nicht versuchen, uns kompatibler zu geben, als wir sein können und vielleicht auch wollen. Das Verleugnen des Trennenden hilft nicht bei der Wirklichkeitsbewältigung."
Interessant, welchen Einfluss Religion und Familie auf die arabische Seele haben
denise am 15.11.2018
Bewertungsnummer: 1147498
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch „Und Gott schuf die Angst – Ein Psychogramm der arabischen Seele“ wurde von Dr. Burkhard Hofmann geschrieben. Er arbeitet als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in seiner eigenen Praxis in Hamburg. Durch private Beziehungen kam er schon früh in Kontakt mit der arabischen Welt. Dieses führte dazu, dass er einen größeren Anteil an muslimischen Patienten behandelt.
Unterteilt ist das Buch in folgende Abschnitte:
- Mutterseelenallein in Arabien
- 1. Das vergiftete Paradies – vom Verbot der Loslösung
- 2. Das Nanny-Syndrom – oder die unsichtbaren Eltern
- 3. Die Kälte Allahs – wie Religion Strukturen ersetzt
- 4. Der zugedröhnte Narziss – Angst und Narkotika
- 5. In der Hand Allahs – eine Gesellschaft ohne jeden Zweifel
- 6. Tabuzone Körper – Sex im Reich von Tausendundeiner Nacht
- 7. Patchwork auf Arabisch – die Fallgruben der Polygamie
- 8. Das Reich der Fassaden – mit Gebeten gegen Depressionen
- 9. Aus einer anderen Zeit – die Beduinin
- 10. Der distanzlose Gott – Macht und Ohnmacht der Glaubensgewissheiten
- Dank.
Anhand von verschiedenen muslimischen Patientinnen und Patienten aus der Mittelschicht zeigt Herr Dr. Hofmann auf, welchen Einfluss der Islam auf die arabische Seele und damit auf verschiedene psychische Krankheiten hat. In diesem Zusammenhang wird auch vermittelt, welche Auswirkungen das Verhalten von Mutter und Vater insbesondere in der Kindheit auf die Menschen haben und welche Rolle Selbstständigkeit und das eigene Selbstwertgefühl einnehmen. Neben Depressionen und Ängsten werden auch verschiedene Süchte, wie Medikamentenabhängigkeit, Alkohol und Glückspielsucht angesprochen. Manche dieser Süchte resultieren aus dem in der islamischen Welt vorherrschenden Umgang mit psychischen Erkrankungen.
Das Buch ist sehr wissenschaftlich geschrieben und daher teilweise für jemanden, der nicht beruflich mit diesem Thema zu tun hat, etwas schwerer zu lesen.
Sehr interessant fand ich neben den dargestellten, verschiedenen negativen Einflüssen auf den Menschen auch, wie schwierig es für Herrn Dr. Hofmann war, auf Grund der kulturellen Unterschiede an die arabischen Personen und ihre Probleme heranzukommen. Gleichzeitig war seine andere Kultur zum Teil allerdings auch wieder ein Vorteil bei der Behandlung.
Insgesamt ist es ein interessantes Buch, das allerdings möglichst mit einem gewissen Vorwissen im Bereich psychischer Erkrankungen gelesen werden sollte.
Meinung aus der Buchhandlung
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"Und manchmal ist das Getrenntleben nicht nur für Paare die bessere Lösung."
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Burkhard Hofmann, Psychotherapeut in Hamburg und seit 10 Jahren auch am Persischen Golf, liefert ein hochinteressantes und aufschlussreiches Psychogramm der arabischen Seele.
Beeindruckt von der Großzügigkeit und Lebensfreude der Araber, geht der Therapeut der Frage nach, inwieweit die Lebensweise der dem Glauben fundamental Verbundenen mit der unsrigen kompatibel ist.
Er beschreibt anhand exemplarischer Fälle aus seiner Praxis das vorherrschende Überlegenheitsgefühl der Muslime gegenüber dem Westen, den absoluten Vorrang des Glaubens gegenüber allen weltlichen Angelegenheiten, die Verbannung jeden Zweifels an der Religion, die muslimische Vorstellung, dass die Trennung von Glauben und Staat als defizitäre westliche Position bewertet und Kompromissfähigkeit vielfach als Schwäche angesehen wird.
„Nicht alles ist überbrückbar, nicht jede Eigenart ist mit der des anderen so kompatibel, dass ein gedeihliches Zusammenleben eine Chance hat. Und manchmal ist das Getrenntleben nicht nur für Paare die bessere Lösung.“
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