Bewertung
Thalia Book Circle Community
Buch (Taschenbuch)
Über die Folgen von Gewalt...
Ein alter Mann geht an einem verschneiten Tag in Manhattan mit seinem Sohn essen. Als der Mann später allein das Restaurant verlässt, wird er auf offener Straße überfallen und umgebracht. Die mit dem Fall betrauten Kriminalbeamten rekonstruieren seine Wege, die Überwachungskameras bei ihm zu Hause, im Lokal und auf der Straße aufgezeichnet haben. Ihre Arbeit gleicht der von Dichtern: der Suche nach einem zufälligen Schlüssel, der, an der richtigen Stelle eingepasst, plötzlich allem Sinn verleiht. Die Novelle ‹Dreizehn Sichtweisen› ist das «Schlüssel»-Stück dieses Bandes, wenn nicht sogar von McCanns Werk. Sie wird ergänzt durch drei weitere Erzählungen. (Verlagsbeschreibung)
Hier legt Colum McCann einen schmalen, aber inhaltlich dichten Erzählband vor. Die vier Geschichten (eine Novelle und drei kürzere Erzählungen) verbindet weniger ein gemeinsamer Handlungsort als ein zentrales Thema: der plötzliche Einbruch von Gewalt in den Alltag und die Frage, wie Menschen mit den Folgen leben. McCann erzählt dabei nie spektakulär oder effekthascherisch, sondern mit einer ruhigen, schnörkellosen, präzisen Sprache, die gerade dadurch ihre Wirkung entfaltet.
Den größten Teil des Buches nimmt die Novelle „Dreizehn Sichtweisen“ ein – und sie ist für mich auch der stärkste Text der Sammlung. Erzählt wird vom gewaltsamen Tod des über achtzigjährigen ehemaligen Richters Mendelssohn, der nach einem Mittagessen mit seinem Sohn auf offener Straße überfallen und getötet wird. In dreizehn Kapiteln wechseln sich die Ermittlungen der Polizei mit der Innensicht des Richters im Verlauf seiner letzten Lebensstunden ab. So entsteht nach und nach ein vielschichtiges Bild eines Mannes, dessen letzter Tag ebenso alltäglich wie tragisch ist. Interessant fand ich die vom Autor gezogene Parallele zwischen der kriminalistischen Spurensuche auf der einen Seite und der Arbeit eines Dichters auf der anderen – beide versuchen, aus einzelnen Fragmenten einen Sinn zu erschließen.
Die titelgebende Erzählung „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Sie begleitet den Entstehungsprozess einer Kurzgeschichte für die Silvesterausgabe eines Magazins und gibt spannende Einblicke in den kreativen Schreibprozess. Zu beobachten, wie Figuren und Handlung allmählich Gestalt annehmen, ist faszinierend. Das offene Ende hat mich etwas ernüchtert zurückgelassen, auch wenn es hier um den Schreibprozess als solchen geht – ich hätte einfach gern erfahren, wie die skizzierte Geschichte schließlich ausgeht.
„Sh’khol“ war für mich keine Neuentdeckung, da ich die Erzählung bereits als eigenständiges Buch unter dem Titel „Verschwunden“ gelesen hatte. Dennoch hat sie mich auch beim zweiten Lesen wieder beeindruckt. Die beklemmende Atmosphäre und die eindringliche Darstellung von Verlust und Verzweiflung haben nichts von ihrer Intensität eingebüßt.
Die abschließende Erzählung „Frieden“ wirkt zunächst ruhig und zurückhaltend, doch unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Eine Nonne begegnet Jahrzehnte nach ihrer Verschleppung, Folter und Vergewaltigung ihrem damaligen Peiniger wieder. McCann verzichtet auf große Dramatik und konzentriert sich stattdessen auf die innere Spannung: Wird sie ihn zur Rede stellen? Wird sie Rache suchen oder vergeben? Gerade diese leisen Zwischentöne machen die Geschichte so eindrucksvoll.
Besonders eindringlich wirken die Geschichten auch vor dem Hintergrund von McCanns eigener Biografie. Der Autor wurde vor einigen Jahren selbst Opfer eines Gewaltverbrechens und auf offener Straße brutal niedergeschlagen. Dieses traumatische Erlebnis hat nach eigener Aussage sein Schreiben nachhaltig beeinflusst. In diesem Erzählband geht es deshalb nicht um Gewalt als Selbstzweck oder Spannungselement, sondern um ihre Auswirkungen – auf Opfer, Angehörige und selbst auf diejenigen, die versuchen, das Geschehene zu rekonstruieren oder zu verstehen. Gerade „Dreizehn Sichtweisen“ gewinnt durch diesen biografischen Hintergrund eine zusätzliche emotionale Tiefe, ohne jemals autobiografisch zu wirken.
Nicht jede Erzählung hat mich gleichermaßen überzeugt, jedoch ist „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ insgesamt ein literarisch anspruchsvoller Erzählband, der einmal mehr zeigt, warum Colum McCann zu den bedeutendsten zeitgenössischen Erzählern zählt.
Vier intensive Geschichten über Zufall, Erinnerung, Schuld und Gewalt, getragen von McCanns eindringlicher Sprache. Lesenswert!
© Parden
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