Die »Bar jeder Hoffnung« in São Paulo: Hier, beim Kneipier Oswald, einem Wiener, treffen sich regelmäßig deutsche und österreichische Emigranten, die redselig und zuckerrohrschnapssüchtig von ihren Erlebnissen erzählen, »so als hinge ihr Lehen davon ab, daß es erzählt werden könne«. Die Bewußtseinszustände der Trinker waren schon postmodern, als es den Begriff »Postmoderne« noch gar nicht gab. Ihre Erlebnisse und Erzählungen erweisen sich als Wiederholungen von so noch nicht Dagewesenem, sind Farben ohne vorangegangene Tragödien, gleichsam Originalkopien. Aber kann das, was einer wirklich erlebt hat, eine Fälschung sein? Oder sind es die Zusammenhänge, die gefälscht sind? Süchtig sucht Roman, der Ich-Erzähler, das Authentische: in den Abenteuern mit Frauen, in Alkoholexzessen, in den Vorträgen des »Bar-Professors« Singer. Aber alles, was bleibt, ist die Gewißheit, etwas vergessen zu haben.
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Auftakt zur Trilogie der Entgeisterung
Zitronenblau am 12.11.2011
Bewertungsnummer: 752547
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Menasse beginnt mit vorliegendem Buche seine Trilogie der Entgeisterung. Roman ist der Protagonist, der meistens aus der Ich-Perspektive denkt und erzählt. Er lebt als österreichischer Emigrant in Sao Paulo und arbeitet an einem Lehrstuhl für Germanistik. Alle Welt trifft sich dort in der Bar jeder Hoffnung. So auch Leo Singer, der Hegel-Exeget, den alle Professor nennen, und Judith Katz, die Unnahbare und Koks-Süchtige.
Das Geschehen speist sich aus Handlung und intellektuellen Diskursen bzw. Monolgen. Dadurch wird sie abwechslungsreich.
Was passiert? Roman lebt in Sao Paulo vor sich hin, geht in die Bar, lernt lauter Frauen kennen (Vera, Beatriz, Yuki, Alexandra, Monika etc.), hält (scheinbar) gehaltvolle Dialoge und tut vor allem eines: nach einem Sinn suchen. Roman sieht diesen in seinem Roman. Eine gewisse Idolstellung erhält der Singer. Dieser ist bessen von der Idee, den Hegel zu Ende zu denken, seine Phänomenologie des Geistes, die Geschichte von der sinnlichen Gewissheit bis zum absoluten Wissen. Die Katz erzählt hierbei eine Geschichte von einer Freundin, die überdurchschnittlich intelligent war, bevor sie durch Koakin versuchte, ihr Bewusstsein zu erweitern, bei einer Überdosis aber geistig zum Kleinkind regredierte: "Dadurch hat sie nämlich die Vollkommenheit des Bewusstseins [...], nämlich die Sinnliche Gewißheit, und in ihrer radikalsten Form ist das das Bewußtsein des Kindes."
Nachdem die Katz sich scheinbar ermordet, will Singer ihr Werk vom Engel der Geschichte und Gesetz des progressiven Rücktritts beenden. Roman hingegen schreibt seinen Roman und erkennt: "Heute könnte man keinen Entwicklungsroman mehr schreiben, dachte ich, - höchstens einen Rückentwicklungsroman. Ein Roman über den Rückschritt, ja, ein umgedrehter Entwicklungsroman, der am Beispiel eines Individuums zeigt, wie dessen Hoffnungen, Fähigkeiten, Talente, während er redlich strebend sich bemüht, dazu verurteilt sind zu verkümmern..." Diese Stufen zurück sind vielleicht jene in die Empfindsamkeit...
"Die Liebe, zum Beispiel! [...] Aber diese Entwicklung ist zugleich ein Rückschritt, eine schleichende Zurückbildung des ursprünglich so sensationellen Gefühls, das sich im Alltag auflöst..." Die Katz, die in Tristam Shandy den prototypischen Roman dieser disparaten Entwicklungsdialektik erkennt, versuchte dieser Phänomenologie der Entgeisterung auf die Spur zu kommen. Gleichwohl der Professor Singer, der am Ende in der Kutte den Roman empfängt, nach dem Abschluss des Hegelschen Systems sucht, bricht es final heraus: "Ja, Erneuerung!!! In einer Welt, die im Nominalismus der Sinnlichen Gewißheit gelandet ist, ist das Zurückkehren zu den Kategorien, das Hervorziehen des unter lauter konkrete Teppiche gekehrten Allgemeinen, das Predigen der, nein, das insistierende Erinnern an die Totalität des großen Ganzen, eine notwendige Erneuerung, bevor sie, die Welt, tatsächlich und real in jene Scherben bricht, in denen sie vom allgemeinen Bewusstsein schon gesehen und erlebt wird..."
Roman kommentiert Singers Ausbruch nicht. Er selbst versuch sich am Kokain und erkennt in postromantischer Euphorie und Ekstase den Schein einer Wirkmacht zur Erleuchtung. Doch erkennt er bald, dass die Gaukelei den tieferen Sinn nicht erheischen wird...
Am Ende sitzen er und Singer zusammen und erinnern... Eine geistige Tragödie mit ihren Lachern!
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