»Etwas Seltenes überhaupt« nannte der Journalist Rudolf Olden Gabriele Tergit, die mit ihrem Roman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« berühmt wurde. Zweifelsfrei gehört sie zu den bemerkenswertesten und mutigsten Frauen des 20. Jahrhunderts. Als erste weibliche Gerichtsreporterin der Weimarer Republik machte sie anhand scheinbar unbedeutender Fälle auf die großen Problematiken ihrer Epoche aufmerksam. Aus der Position einer sozialkritischen Beobachterin heraus beschrieb sie die Gewalt und den zunehmenden Einfluss der Nationalsozialisten. Diese setzten Gabriele Tergit ganz oben auf die Liste politischer Gegner, was sie schließlich, nachdem sie in der Nacht ihres 39. Geburtstags von einem SA-Trupp bedroht wurde, zur Flucht aus Deutschland zwang.
Ihr zweiter Roman »Effingers«, der das Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin schildert, erschien im Jahr 1951. Eine Sammlung ihrer Gerichtsreportagen wurde erst posthum publiziert, ebenso ihre eindrücklichen Erinnerungen »Etwas Seltenes überhaupt«. Diese erschienen erstmals ein Jahr nach ihrem Tod – und nun in einer lang erwarteten, von Nicole Henneberg neu edierten und mit einem Nachwort versehenen Neuausgabe.
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Kluge Beobachtungen
Bewertung am 15.01.2023
Bewertungsnummer: 1860259
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
GELESEN: Gabriele Tergit „Etwas Seltenes überhaupt – Erinnerungen“
390 Seiten
Erstausgabe 1983 Verlag Ullstein
Man muss viel wissen, um die „Tergit“ zu verstehen. Weiß man wenig, bleibt, immer wieder zu „googeln“, denn schließlich möchte man, in diesem Fall ich, verstehen, worum es geht, und wer all die Leute sind, die in ihren Erzählungen aufgeführt wurden. Kennt man ein paar Namen, kann man glücklich eine Seite zu Ende lesen.
Freilich wird man nicht alles behalten können, was diese blitzgescheite Frau schrieb, denn dazu ist ihre Schreibe einfach viel zu breit gefächert. Aber die eine oder andere Schilderung bleibt bestimmt hängen, ebenso wie einige Namen.
Wir lesen über Heinrich Mann, die Wedekinds, über van Gogh und seinen Neffen, über Paul Gauguin, über die sogenannten Größen des Dritten Reichs und ihre Gräueltaten; überhaupt viel über das damalige Zeitgeschehen, Wahlen mit Zahlen belegt, Reisen, schöne Damen und hässliche Männer, schöne Männer mit Schmiss und Monokel und hässliche Frauen und natürlich sehr viel über das Zeitungs-Milieu; ihr Milieu über einen Zeitraum von 49 Jahren.
Ihre Beschreibungen sind zwar kurz und prägnant, aber messerscharf. Wenn ihr ein Mensch äußerlich auffiel, schrieb sie dies nieder. Über Theodor Wolff, Chefredakteur des Berliner Tagblattes, der ihr ihre erste feste Anstellung verschaffte, lesen wir, dass man über seinen großen persönlichen Charme die Hässlichkeit seines Gesichtes und seiner Gestalt völlig vergaß.
Alles, was ihr auffiel, und ihr fiel fast alles auf, ist in dieser Erzählung niedergeschrieben.
Schon im ersten Satz des Vorwortes sprach sie mir aus der Seele, und ich musste schmunzeln.
„Wir sahen uns Ravenna an, ich, und da ich das besitzanzeigende Fürwort in Verbindung mit Mann nicht leiden kann, werde ich in diesem Büchlein über fünfzig Jahre nur allzu oft falsch dargestellter Ereignisse den mir staatlich verbundenen Herrn beim Vornamen Heinz nennen.“
Über die Zeit Ende der 1920er Jahre schrieb sie:
„Die Sparethik war die moralische Grundlage seit Ewigkeit, denn alles musste mühselig mit der Hand gemacht, gesät, geerntet werden. Der Verschwender musste ein Lump sein, der von der Mühsal anderer lebte. Die Menschen hatten, wie man sagte, Pfennig auf Pfennig gelegt, sich alle Freuden versagt, um im Alter, bei Krankheiten, gesichert zu sein. Und nun? Betrogen! Natürlich wurden sie Nazis.“
Sehr nachdenklich machten mich auch die Zeilen, in denen sie beschreibt, wie sie als Gerichtsreporterin, diese Arbeit machte sie von 1924 bis 1949 – oft nebenbei –, einem Prozess beiwohnte, in dem Adolf Hitler und Josef Goebbels vor Gericht standen. Sie hätte an diesem Tag die Weltpolitik verändern können, hätte sie eine Waffe gehabt. Millionen von Menschen wäre so der Tod in der Gaskammer und im Bombenhagel erspart geblieben.
Insgesamt ist dieses Buch unbedingt lesenswert. Schwungvoll sind ihre Reisebeschreibungen, alles was sie über ihren Sohn Peter, der mit 35 Jahren starb, erzählt; die Berichte über ihren Ehemann Heinz und nicht zuletzt ihren teilweise schwierigen Lebensweg. Diese starke Frau kann sich keiner Schwäche hingegeben. Sie hat immer wieder weitergemacht.
Wie schon bei den „Effingers“ und auch im „Käsebier“ ist ihr Schreibstil besonders. Sie schreibt nicht strukturiert, sondern plaudert vor sich hin und kommt so oftmals auch vom Thema ab. Es dauert eine Weile, bis sie wieder in der Spur ist. Dies macht die Erzählungen zwar sehr lebendig, aber auch kompliziert.
Was sie zusammenfassend über das Dritte Reich schreibt, über all die Jasager und Mitläufer und über die wenigen, die zumindest versuchten, sich diesem Mörderregime zu entziehen, ist schwer verdauliche Kost.
Nicole Henneberg haben wir es zu verdanken, dass sie auf Initiative des Verlegers Klaus Schöffling das Werk der Gabriele Tergit neu herausbrachte. Im Nachwort lesen wir von ihr eine umfangreiche Zusammenfassung.
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