Als das »Letzte Epos« (mit großem »L«) hat Peter Handke seinen neuen Roman bezeichnet. Mit der Niederschrift begann er am 1. August 2016: »Diese Geschichte hat begonnen seinerzeit an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras wie eh und je zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird.« Dieser Stich wird, wie der Autor am 2. August festhält, zum »Zeichen«. »Ein gutes oder ein schlechtes? Weder als gutes noch als ein schlechtes, gar böses - einfach als ein Zeichen. Der Stich jetzt gab das Zeichen, aufzubrechen. Zeit, daß du dich auf den Weg machst. Reiß dich los von Garten und Gegend. Fort mit dir. Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen.«
Die Reise führt aus der Niemandsbucht, Umwegen folgend, sie suchend, in das Landesinnere, wo die Obstdiebin, »einfache Fahrt«, keine Rückfahrt, bleiben wird, oder auch nicht? Am 30. November 2016, dem letzten Tag der Niederschrift des Epos, resümiert Peter Handke die ungeheuerlichen und bisher nie gekannten Gefahren auf ihrem Weg dorthin: »Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hatte: seltsam. Oder auch nicht? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam.«
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Reise ins Innere
Bewertung am 16.01.2018
Bewertungsnummer: 486721
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hatte: seltsam. Oder auch nicht ? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam."
Handke ist anders. Denkt anders, schreibt anders. Erzählt seine Geschichten anders. Und doch, wenn man ganz genau hinschaut, wenn man sich einlässt, auf das Geschehen, auf die Figuren, auf das langsame Vorbeigleiten des alltäglichen Lebens, dann erkennt man sie ganz deutlich: die Gemeinsamkeiten, die kleinen, winzigen Details unseres Lebens, die wir, in unserer Hektik, in der Schnelllebigkeit der Gesellschaft, immer wieder übergehen, fast nicht mehr wahrnehmen, denen Handke aber Aufmerksamkeit schenkt, denen er Seite um Seite widmet und sie in den Glanz das Außergewöhnlichen rückt.
"Die Obstdiebin" ist kein einfaches Buch, dessen muss man sich bewusst sein. Es ist kein Buch, dass man nebenher lesen kann, dass man sich zu Hand nimmt, um abzuschalten und sich für einem Moment aus dem Alltag zurückzuziehen.
Stattdessen fordert sie ein, diese Obstdiebin. Sie verlangt all unsere Aufmerksamkeit, zwingt uns dazu Sätze wieder und wieder zu lesen, zwingt uns dazu, zurückzublättern, zu wiederholen. Vor allem aber zwingt sie uns Innezuhalten. Nachzudenken. Zu reflektieren.
Wir begleiten sie auf ihrer Reise. Sie, die Obstdiebin, Alexa. Wir begleiten sie auf ihrer Reise ins Landesinnere, nehmen die Welt aus ihren Augen wahr, die kleinen Dinge, die wir doch so gerne übersehen.
Und gleichzeitig begleiten wir auch ihn, unseren namenlosen Erzähler, Handke nicht unähnlich, der sich zu derselben Zeit auf den Weg macht.
Wir reisen mit ihnen, treffen auf ungewöhnliche Weggefährten und treffen, vor allem und hauptsächlich, auf das Menschsein an sich.
Denn während wir zusammen Kilometer um Kilometer zurücklegen, reisen wir weit hinein in unsere eigene Existenz. Denn es ist weniger das Geschehen an sich, dass in der "Obstdiebin" im Vordergrund steht. Es ist das Existieren als Tätigkeit, viel mehr als nur als bloßer Zustand, das das zentrale Element des Buches ausmacht.
Wieso bin ich? Wer bin ich? Und vor allem wie bin ich? Wie nehme ich die Welt um mich herum wahr? Was nehme ich wahr?
Handke reißt uns heraus aus der Schnelllebigkeit der Zeit, aus der Effektivität als permanentes Bestreben und dem Profit als Gewinn in Aussicht.
Und so treffen während der Reise schließlich die äußeren Begebenheiten auf die Inneren, das Wahrnehmen der Außenwelt auf das Empfinden an sich und der Kontrast zwischen beiden Zuständen tritt grell stechend zu Tage.
Handke spielt mit der Sprache, baut ungestüme Satzkonstruktion auf ungestüme Satzkonstruktion, spielt mit Rhythmus, Syntax und stellt die Pragmatik auf ein ganz eigenes Level. Und genau das ist es, was das Lesen stellenweise etwas anstrengend macht, was eine Genauigkeit erfordert, die mitunter mühsam ist.
Durch seine ganz eigene Art zu Schreiben zwingt uns Handke uns einzig und allein der Obstdiebin zu zuwenden, zwingt uns, alles andere beiseite zu legen, weil es sonst gar nicht möglich ist, dem Inhalt des Buches zu folgen. Dieser Aspekt ist es, der dieses Buch so außergewöhnlich macht, der ihm einen ganz besonderen Reiz verleiht. Es ist dieser Zwang, alles andere stehen und liegen zu lassen, um Alexa durch die französische Landschaft folgen zu können. Es bleibt dem Leser überhaupt nichts anderes übrig, als der Gleichförmigkeit des Alltages zu entfliehen.
Handkes Spiel mit den kleinen Dingen und seine Angewohnheit, das Alltägliche in ein besonderes Licht zu rücken machen dieses Buch so unfassbar lesenswert macht, obwohl es den Leser hin und wieder durchaus an seine Grenzen führt.
Auf Handke muss man sich einlassen - dann kann nur belohnt werden.
Modernes meditatives Buch,…
Juti aus HD am 13.03.2018
Bewertungsnummer: 2729808
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Modernes meditatives Buch, das durch außergewöhliche Naturbeschreibungen besticht Es ist das erste Buch, dass ich von Peter Handke gelesen habe. Und ich kann verstehen, dass dieser Autor seine Leserschaft spaltet. Mich hat er überwiegend begeistert. Bei Handke ist der Inhalt schnell erzählt. Zunächst reist der Ich-Erzähler aus der Niemandsbucht, gemeint ist Paris, in die Picardie, dann wechselt die Perspektive und wir begleiten die Obstdiebin auf eine Wanderung von den Paris Vorstädten in die Picardie, wo sie zu guter Letzt einen Familienfeier besucht. Doch viel wichtiger als die Handlung ist die Beschreibung der Natur dessen, was dem jeweiligen Hauptdarsteller so alles begegnet und was er denkt. Ich habe dieses Buch als eine Sammlung lauter Kurzgeschichten, mitunter einfach kurz und wunderbar. So als die Obstdiebin einer Freiluftmesse begegnet. Wie die Überalterung der Teilnehmer beschrieben wird, das habe ich so nie zuvor gelesen. Thomas Gottschalk konnte im Literarischen Quartett aufzählen, wieviel Obst die Obstdiebin tatsächlich geklaut hat. Alle Achtung! Ein Wermutstropfen muss dennoch loswerden. Ich habe das Ende, insbesondere den Sinn der Rede des Vaters nicht verstanden. Will er die Heilige Ehe retten? Ich weiß es einfach nicht. Auch ist mir nicht klar geworden, warum die Erzählperspektive auf S.137 vom Ich-Erzähler zur Obstdiebin wechselt. Ist vielleicht der Ich-Erzähler der Vater der Obstdiebin? Dennoch 4 Sterne. Mindestens.
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