Über Sehnsüchte und Ängste in Zeiten des Übergangs
Wozu festhalten an Idealen und Werten? Ist doch alles falsche Romantik, also weg damit! Basarow, Medizinstudent aus Petersburg, ist Nihilist und als solcher Teil einer radikal-liberalen Jugendbewegung. Als er seinen Freund Arkadij auf dessen Heimreise zum väterlichen Gut begleitet, verliebt er sich in die junge Witwe Anna, was ihn existenziell erschüttert. Sollten die alten Wahrheiten, die Wahrheiten der Väter, etwa doch noch gelten? Dies herauszufinden, offenbart sich Basarow nur ein einziger vernünftiger Weg: erst Konfrontation, dann Kollision.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
1 Bewertungen
5 Sterne
(1)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Wo er recht hat, hat er recht…
Bories vom Berg aus München am 10.03.2020
Bewertungsnummer: 2725790
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wo er recht hat, hat er recht Iwan Turgenjew, wichtigster Vertreter des russischen Realismus, hat sechs Romane geschrieben, «Väter und Söhne» von 1861 ist sein bekanntester. Im gleichen Jahr endete in Russland die mehr als zweihundertjährige Periode der Leibeigenschaft, deren Auswirkungen in diesen Klassiker thematisch bereits ebenso hineinspielen wie die zeitlosen Motive ‹Generationenkonflikt› und ‹Irrungen und Wirrungen der Liebe›. Wie bereits der Buchtitel verdeutlicht, greift der Autor ein ewiges Thema der Menschheit auf, wobei die gesellschaftlichen Konflikte hier zwischen den Vätern als unbeirrt Slawophile und den Söhnen als westlich beeinflusste Nihilisten ausgetragen werden. Von beiden, den hartnäckigen Bewahrern der patriarchalischen Ordnung als auch von den demokratisch orientierten Neuerern wurde Turgenjew damals so heftig kritisiert, dass er sein Vaterland verlassen hat, er ist fast dreißig Jahre später in seinem Haus nahe Paris gestorben. Arkadi, Sohn des Gutsherrn Kirsanow, und Jewgeni, Sohn des ehemaligen Militärarztes Basarow, besuchen erstmals nach langen Jahren des Studiums in Sankt Petersburg das Gut von Arkadis Vater auf einem abgelegenen Landstrich. Der charismatische, hoch talentierte Jewgeni, der später mal ganz bescheiden Landarzt werden will, wird von Arkadi wegen seiner außergewöhnlichen Intelligenz grenzenlos bewundert. Als radikaler Nihilist und Menschenfeind lehnt Jewgeni sämtliche tradierten Werte, zu denen er Gehorsam, Pflichterfüllung, Moral, Sitte, aber auch die Liebe rechnet, prinzipiell als total unwissenschaftlich ab. Mit seinen revolutionären Ideen stößt der renitente Gast natürlich auf heftigen Widerspruch der konservativen Vätergeneration. «Ein ordentlicher Chemiker ist zwanzigmal wertvoller als der beste Poet» ist eine von seinen provokanten Thesen. Damit ruft er insbesondere auch den Widerspruch von Arkadis Onkel Pawel hervor, ein aristokratischer Bonvivant alter Schule und ehedem erfolgreicher Frauenheld, der ebenfalls auf dem Landgut seines Bruders lebt. Die Streitereien zwischen Gast und Onkel eskalieren letztendlich sogar in einem Duell, für das eine missverstandene Szene mit der Magd Fenetschka ursächlich ist, die von Arkadis verwitwetem Vater ein Baby hat. Der schüchterne Arkadi bandelt schließlich mit Katia an, der jüngeren Schwester von Anna, einer früh verwitweten Gutsbesitzerin aus der Nachbarschaft. Jewgeni wiederum hat sich in eben diese kluge, lebenserfahrene Anna verliebt, ganz gegen seine erklärten Prinzipien, zu denen die Ablehnung jeder Form von Romantik gehört. Sie aber stürzt ihn, weil sie ihn kühl zurückweist, in verheerende innere Konflikte, an denen er seelisch zerbricht. Dieser dramatische Generationen-Konflikt ist ein faszinierendes Epochengemälde aus der Mitte des 19ten Jahrhunderts, dessen lebensprall gezeichnete Figuren die damalige russische Gesellschaft anschaulich widerspiegeln, sie agieren zudem in absolut logischen Verhaltensmustern. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei der überhebliche, oft ausgesprochen unfreundliche, aber eben auch äußerst intelligente Jewgeni Basarow ein, der archetypische Exponent einer neu angebrochenen Zeit. Die Liebe als zweite Ebene der Geschichte wird von den für Turgenjew so charakteristischen schönen und klugen Frauengestalten beherrscht, die mit viel Charme und List manche kühnen Ideen und hehre Gedanken ad absurdum führen und hier auch die angemaßte Überlegenheit der jungen Männer als solche entlarven. Mit der vorliegenden Neuübersetzung von 2017 ging nicht nur eine überzeugende sprachliche Auffrischung des Textes einher. Dieser dtv-Band ist auch im Layout geradezu mustergültig gestaltet, sein kompetentes Nachwort und der äußerst hilfreiche Anmerkungsapparat tragen zudem entscheidend mit bei zum Verständnis und damit zum ungetrübten Lesegenuss. Nicht von ungefähr gehörte dieser Roman ja zu jenen unverzichtbaren Büchern, die Thomas Mann auf eine einsame Insel mitgenommen hätte, - wo er recht hat, hat er recht!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.