Ingolstadt 1916: Nach dem tragischen Tod ihrer Mutter wächst die kleine Fanny bei ihren Großeltern auf. Den Ersten Weltkrieg erlebt sie als junges Mädchen im Kreis einer Familie, zu der sie doch nie richtig gehört. Als uneheliches Kind ist sie stets auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit und wird doch immer wieder enttäuscht. Trotzdem verliert sie nie die Hoffnung. Geprägt von Entbehrungen und Schicksalsschlägen geht sie als junge Frau ihren eigenen Weg.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Monika Schulte
aus Hagen
5/5
23.12.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein wichtiges Zeitzeugnis!
Als ihre Mutter plötzlich stirbt, muss Franziska erfahren, dass ihr Bruder nur ihr Halbbruder ist. Er wird zum Vater geschickt, währenddessen Franziska, die von allen nur Fanny genannt wird, bei den Großeltern aufwachsen wird. Fanny, die zudem erfahren muss, dass sie unehelich geboren wurde. Die Großeltern tun das Beste für sie, doch eine richtige Familie mit Wärme und Halt können sie ihr nicht bieten. Zu schwer sind auch die Zeiten. Der eine Große Krieg gerade beendet, braut sich das nächste Ungemach am Himmel zusammen. Ein Leben zwischen und mit den Kriegen. Fanny muss zum Familienunterhalt beitragen. Sie muss arbeiten gehen, wird wieder weggeschickt. Die Nahrungsmittel reichen vorne und hinten nicht. Ein Leben voller Entbehrungen.
Dann lernt Fanny Mattes kennen und wird schwanger. Obwohl sie ihn eigentlich nicht heiraten möchte, fügt sie sich den Wünschen und Vorstellungen der Familie. Glücklich wird sie jedoch nicht. In diesen Zeiten hat sie sich als Frau unterzuordnen. Eine Frau hat Zuhause zu sein und sich um Mann und Familie zu kümmern. Ein selbst bestimmtes Leben ist nur wenigen Frauen möglich.
Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Und wieder werden die Männer der Familie zum Wehrdienst einberufen. Da so gut wie alle Männer im Krieg ihren Dienst tun müssen, kann Fanny als Postzustellerin arbeiten und bald gehört es zur Tagesordnung, dass sie Freunden, Familienmitgliedern und Nachbarn amtliche Briefe übergeben muss, die den Tod ihrer Liebsten mitteilen.
Von Ingolstadt aus kann Fanny beobachten, wie Nürnberg in Schutt und Asche gebombt wird. Der Himmel leuchtet rot vom Feuer. Noch mehr Entbehrungen, noch mehr Hunger. Und immer diese Angst, ein steter Begleiter.
Wir, die wir heute in einer Überfluss-Gesellschaft leben, können uns gar nicht mehr vorstellen, was diese Menschen damals durchgemacht haben. Hunger? Na, dann esse ich doch einfach etwas! Wie oft mussten die Menschen mit knurrendem Magen ins Bett gehen? Mal ganz abgesehen davon, welche Schäden ihre Seelen genommen haben bei den ständigen Bombardierungen, bei all den Toten.
Doch Fanny gibt nicht auf. Sie kämpft sich durch, sie steht ihre Frau. Und sie hört Zeit ihres Lebens nicht auf, auf das große Glück zu hoffen.
"Hoffnung auf das große Glück" - Voller Wärme erzählt Doris Strobl die Geschichte ihrer Oma. Es ist eine ergreifende Geschichte über eine Frau, die in meinen Augen ihrer Zeit voraus war. Eine Frau, die sich immer wieder unterzuordnen hatte, obwohl sie eigentlich nur arbeiten und für sich selbst sorgen wollte. Die Geschichte macht nachdenklich. Die Geschichte zeigt auf, wie gut wir es doch heute haben. Sie zeigt aber auch, dass man nie aufgeben sollte, seine Träume wahr werden zu lassen. Doris Strobl hat mit diesem Buch ihrer Oma ein wunderbares Denkmal gesetzt. Absolut lesenswert und zudem ein wichtiges Zeitzeugnis!
Bewertung
4/5
15.11.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein beschwerliches Leben
Doris Strobl ist eine Autorin, die wahrscheinlich nicht unbedingt außerhalb Bayerns bekannt ist, denn ihre Bücher sind eng mit ihrer Heimat verbunden. Da ich die Autorin aber kennenlernen durfte, war ich neugierig auf ihr neustes Buch. Auch dies spielt zwar wieder in Ingolstadt/Bayern, aber die Geschichte ist eine, die trotzdem auch für viele Nicht-Bayern interessant sein könnte.
Doris Strobl erzählt in diesem Buch mehr oder weniger biografisch die Geschichte ihrer Großmutter mütterlicherseits, Franziska. Und da die Autorin sich zum Teil künstlerische Freiheiten genommen hat, gilt das Ganze als Roman. Franziska, genannt Fanny, wurde 1909 in Ingolstadt geboren. Das Buch beginnt 1914, als die Familie bestehend aus Vater, Mutter, jüngerem Bruder und Fanny sich auf den Weg machen, um ein Familienportrait beim Fotografen machen zu lassen. Kurz danach muss der Vater in den 1. Weltkrieg ziehen. 2 Jahre später verändert sich dann das Leben von Fanny dramatisch. Sie verliert ihre Eltern und lebt fortan im Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits. Die Familie ist nicht reich. Und so leben in dem Haus die Großeltern, Fannys Tante mit Ehemann und 3 Kindern und Fannys Onkel. Auch wenn das Leben in diesem Haushalt nicht einfach ist, hält die Familie zusammen. Und Fanny wird wie ihre Cousine behandelt. Da das Leben in der Zeit von 1914 bis in die dreißiger Jahre sehr schwer ist, müssen die Kinder schon früh mit anpacken. Fanny, ein sehr aufgewecktes Mädchen eckt mit ihren Fragen häufig an. Aber sie beißt sich durch und gerade diese Art hilft ihr auch in schwierigen Situationen weiter.
Doris Strobl erzählt auf 300 Seiten die Geschichte ihrer Großmutter von 1914 bis 1945. Und sie erzählt sie so, als ob ihre Großmutter sie selbst erzählen würde. Gerne wäre ich Fanny auch noch weiterhin bis in die Gegenwart gefolgt. Der Sprachstil erscheint ein wenig einfach/naiv. Und der Text ist mit Mundart gewürzt. Aber dies beides macht sehr viel Sinn, denn Fanny ist ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, die schon sehr früh die Schule verlassen und in Stellung gehen musste. Etwas vermisst habe ich ein kleines Wörterbuch Bayrisch –Deutsch, aber das meiste hat sich mir beim Lesen von selbst erschlossen. Und ansonsten gibt es ja zum Glück das Internet, in dem man fast auf alles eine Antwort findet.
Mich hat diese Geschichte sehr berührt, da mein Großmutter nur ein Jahr früher geboren wurde. Es ist einfach diese Zeit, die die Autorin beschreibt, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Gerade wir Nachkriegskinder und Kriegsenkel können uns so ein Leben, wie Fanny es gelebt hat, einfach kaum noch vorstellen. Die Nachkriegskinder kennen es z.T. noch, dass die Mädchen wenig selbst bestimmen konnten, aber spätestens die Anfang der 60er Jahre geborenen hatten so gut wie alle Freiheiten und konnten sich ihr Leben selbst einrichten. Und Hunger musste unsere Generation in Deutschland zum Glück noch nicht erleiden. Wenn man dann so ein Buch liest, merkt man erst, wie gut es uns geht. Wir jammern wirklich auf einem extrem hohen Niveau. Einfach auf Grund dieses Themas ist es für mich ein Buch, dem ich möglichst viele junge Leserinnen wünschen. Und wir Älteren haben die Möglichkeit, das nachzuholen, was sicherlich viele von uns verpasst haben, nämlich unsere Großeltern zu fragen, wie ihr Leben in jungen Jahren war.
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