Irland Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem kleinen Dorf, dessen Bewohner tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, staunt man über ein leibhaftiges Wunder. Seit vier Monaten hat die kleine Anna O'Donnell keine Nahrung zu sich genommen und ist doch durch Gottes Gnade gesund und munter. Die unglaubliche Geschichte lockt viele Gläubige an, aber es gibt auch Zweifler. Schließlich beauftragt man die resolute englische Krankenschwester Lib Wright, das elfjährige Mädchen zu überwachen. Auch ein Journalist reist an, um über den Fall zu berichten. Werden sie Zeugen eines ausgeklügelten Schwindels oder einer Offenbarung göttlicher Macht?
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Die Wunder des Trugs
Bewertung am 07.08.2019
Bewertungsnummer: 486944
Bewertet: eBook (ePUB)
Emma Donoghue ist im Literaturbetrieb keine Unbekannte. Mit "Raum" gelang ihr ein internationaler Bestseller, ein Buch, das unglaublich verstört, aber gleichzeitig auch zum Weiterlesen zwingt. Aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählte sie die Geschichte einer tragischen Entführung und einer dramatischen Flucht - ein Roman, der nachhaltig Spuren hinterlässt. Jetzt ist Emma Donoghue zurück und greift mit "Das Wunder" ein nicht weniger bewegendes Thema auf.
Ein Mädchen, das nicht isst. Seit gut vier Monaten hat Anna keine Nahrung mehr zu sich genommen, gilt in ihrem kleinen irischen Dorf als Heilige, eine von Gott Auserwählte, die ohne Nahrung gesund und unversehrt bleibt. Gläubige aus der ganzen Welt wollen sie treffen, dieses auserkorene Mädchen, Gerüchte machen die Runde, es geht um Schwindel und Betrug, um göttliche Macht und vollkommene Erleuchtung. Der Sache muss auf den Grund gegangen werden, eine junge Krankenschwester soll untersuchen, was es mit diesem "Wunder" auf sich hat - und was nicht.
"Die Wissenschaft war die größte Lib bekannte Zauberkraft. Wenn es etwas gab, das den Fluch zu bannen vermochte, der auf diesem Mädchen lastete..."
Es ist ein Stoff, der aus einem Geschichtsbuch stammen könnte - 50 Fälle solcher "Fastenmädchen" sind weltweit verzeichnet, Donoghues Erzählung ist zwar fiktiv, der Grundstoff der Geschichte jedoch durchaus real - und treibt den Leser an den Rand der Gänsehaut. Stellenweise liest es sich wie eine Horrorgeschichte, ein Kind, kurz vor dem Hungertod, ein Glaube, der die Augen vor dem Offensichtlichen zu verschließen scheint. Emma Donoghue zieht den Leser mit "Das Wunder" völlig in ihren Bann, kreiert eine Atmosphäre, in der sich die Luft mit dem Messer schneiden lässt, so dicht und unheilvoll, ungesund beinahe. Die Geschichte entwickelt einen Sog, literarisch und thematisch steigert sie sich Seite um Seite und spitzt sich immer mehr zu, bis sie sich schließlich in einem bemerkenswerten Ende entlädt. Mit ihrer schlichten Sprache lässt Donoghue eine ganze Gesellschaft aufleben, nimmt den Leser mit in ein längst vergangenes Irland, hinterfragt die Stellung der Religion, der Wissenschaft und der Frau. Seite um Seite zieht sich der Kreis um die hungernde Anna weiter zu, die Perspektiven wechseln, die Wendungen der Geschichte werden immer unerwarteter, unvorhersehbarer. Der Roman verlangt dem Leser einiges ab und passt wie Donoghues Vorgängerroman "Raum" in kein Gerne - zu sehr mischt die Autorin Schreibstile, Handlungen und Textarten. Am Ende reicht "Das Wunder" zwar nicht ganz an die Rohheit von "Raum" heran, dennoch gelingt Donoghue ein spannender, außergewöhnlicher Roman, der sich vor allem ab der zweiten Hälfte zum absoluten Pageturner entwickelt.
Spannende und faszinierende Geschichte um ein göttliches Wunder, um Fanatismus und die Suche nach Wahrheit - packend und authentisch
Bewertung aus Köln am 10.01.2020
Bewertungsnummer: 1282594
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In einem kleinen Dorf in Irland lebt 1859 ein 11-jähriges Mädchen, das angeblich seit vier Monaten keine Nahrung mehr zu sich genommen hat. Sie wird als Wunder gefeiert, weshalb sogar Menschen von Fern zu ihr hinpilgern. Während Gläubige Anna als ein Symbol Gottes sehen, gibt es auch Zweifler, die eine Täuschung dahinter vermuten.
Um das Wunder zu beweisen oder aber die Lüge zu entlarven, werden eine Ordensschwester und eine Krankenschwester aus England abgestellt, um Anna rund um die Uhr zu beaufsichtigen. Die sehr selbstbewusst auftretende Krankenschwester Elizabeth Wright, eine Schülerin der berühmten Florence Nightingale, vermutet, dass dem Mädchen heimlich Nahrung zugeführt wird, gerade so viel, dass es zum Überleben reicht. Sie ist jedoch verwundert über die Energie, die das nur leicht abgemagerte, von Wassereinlagerungen aufgedunsene Mädchen, verfügt.
Der Roman ist aus der Perspektive der gegenüber dem Wunder kritisch eingestellten Lib geschrieben. Sie beaufsichtigt das "Fastenmädchen" abwechselnd mit der Nonne für acht Stunden, Tag und Nacht. Einerseits empfindet sie Mitleid mit dem Mädchen, das sehr gottesfürchtig ist und behauptet, sich vom "himmlischen Manna" zu ernähren, andererseits verspürt sie eine Wut darüber, dass die Menschen ihrer Meinung nach zum Narren gehalten werden. Sie sieht eine Verschwörung von religiösen Eiferern, fanatischen Katholiken und Abergläubischen.
Ihr Misstrauen ist nachvollziehbar - denn wie soll ein Mädchen mit nur wenigen Teelöffeln Wasser am Tag über einen so langen Zeitraum überleben? Leidet Anna an einer psychischen oder physischen Krankheit? Kann es tatsächlich ein göttliches Wunder sein? Ist Anna gar eine Heilige? Oder baut sie, seit sie von den beiden Schwestern überwacht wird, nicht doch körperlich ab?
Gespannt begleitet man Lib dabei, die vermeintliche Lüge aufzudecken, wobei es ihr letztlich nicht mehr (allein) um die Entlarvung von bigotten Betrügern, sondern um das Wohl des Kindes geht, um dessen Leben sie sich nach nur wenigen Tagen der Überwachung aufrichtig sorgt.
Die Atmosphäre in dem von Glaube und Aberglaube geprägten, erzkatholischen Dorf ist sehr eindrucksvoll geschildert und schafft eine ganz eigentümliche, mystische Stimmung. Gleichzeitig ist es kaum vorstellbar, wie Menschen vor Gottesfurcht oder dem Wunsch nach Sensation so verblendet sein können, dass Verstand und Vernunft keine Rolle mehr zu spielen scheinen.
"Das Wunder" ist eine spannende und faszinierende Geschichte um ein göttliches Wunder, um Fanatismus und die Suche nach Wahrheit, die so authentisch geschildert ist, dass sie sich tatsächlich zu der damaligen Zeit hätte ereignen können.
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