Punk begann in Ostdeutschland mit einer Handvoll Jugendlicher in den späten Siebzigerjahren. Inspiriert von geschmuggelten Musikmagazinen und gelegentlichen Bildern aus dem Westfernsehen, schnitten sie sich Löcher in die Jeans und steckten sich Sicherheitsnadeln durch die Ohrlöcher. Es war klar, dass sie damit den staatlichen Behörden auffielen. Harte Repressionen waren die Folge, viele Geschichten sind noch immer unbekannt. Tim Mohr hat ein bis heute kaum bekanntes Kapitel deutscher Geschichte durchleuchtet und ein eindringliches Bild einer vergangenen Zeit gezeichnet.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
j.h.
aus Berlin
5/5
11.04.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
STIRB NICHT IM WARTERAUM DER ZUKUNFT - Tim Mohrs hervorragend recherchierte Chronik der ostdeutschen Punks
Über die Geschichte des Punk in Deutschland ist in den letzten Jahren einiges veröffentlicht worden. Mit den Klängen der Sex Pistols und durch aus England importierte Platten und Fanzines fand er Ende der 1970-er Jahre auch in Deutschland immer mehr Anhänger - korrekt: in Westdeutschland. Der amerikanische Journalist Tim Mohr füllt mit dem vorliegenden Buch gewissermaßen einen weißen Fleck in der Geschichtsschreibung - denn Punker gab es zu jener Zeit auch in der damaligen DDR. Nur waren deren Intentionen deutlich anders gelagert: "Aus dem unpolitischen Nihilismus der Ost-Punks entwickelte sich bald eine Hardcore-Ideologie, die das besondere Umfeld der Jugendlichen widerspiegelte. Im Westen sangen die Punks davon, 'No Future' zu haben und zu einem Leben als Underdogs der kapitalistischen Gesellschaft verdammt zu sein. Im Osten war es das genaue Gegenteil: Über deine Zukunft war bereits entschieden worden, irgendein Funktionär hatte deinen Weg vorgezeichnet - erst die FDJ, dann die Ausbildung und am Ende Fabrikarbeit in der sozialistischen Planwirtschaft. Das Problem im Osten hieß nicht 'No Future', es hieß: 'Too Much Future'." (S. 13 f.)
Tim Mohr hat in den 1990-er Jahren als Club-DJ in Berlin gelebt und dabei die ungezwungene Atmosphäre der Stadt vor deren weitgehender Kommerzialisierung und Institutionalisierung noch miterlebt. Die Idee zu einem Buch über die Punkbewegung in Ostdeutschland bis zum Fall der Mauer hatte er 10 Jahre nach seiner Rückkehr in die USA und konnte durch Bekannte zu zahlreichen Zeitzeugen Kontakt aufnehmen. STIRB NICHT IM WARTERAUM DER ZUKUNFT (so die Graffiti-Parole in einer besetzten Wohnung) ist in 8 Teile gegliedert und erzählt die häufig ineinandergreifenden Lebenswege einiger Protagonisten, die zunächst (das allerdings hatten sie mit ihren Pendants im Westen gemein) vor allem zum plakativen Motiv des Bürgerschrecks taugten. Der Kulturpark im Plänterwald und der Alexanderplatz waren die Treffpunkte einiger rebellischer Jugendlicher, die sich dem vorgezeichneten sozialistischen Weg zunächst äußerlich widersetzten und diesem Lebensgefühl bald auch musikalisch Ausdruck verliehen. "Wie in den meisten Gesellschaften war auch das Leben in der DDR geprägt von Bequemlichkeit und Angepasstheit. Jeder hatte Arbeit und ein Dach über dem Kopf, es gab Elektrizität, sauberes Trinkwasser, Sanitärversorgung. ... Ohne dass die Regierung ständig Druck ausüben musste, lebte man sein sozialistisches Leben und nahm die soziopolitischen Grenzen als gegeben hin. Wenigstens hielt es die Mehrheit so. ... Mit der Etablierung des 'real existierenden Sozialismus' hatte man eine Norm geschaffen, und sobald es eine Norm gibt, halten sich die meisten Menschen auch daran. ... Die Handvoll Leute, die sich nicht anpassen wollte, wurde von den anderen dazu ermuntert, sich an die Normen zu halten - denn wer will schon, dass ein schwarzes Schaf der ganzen Herde das Leben schwermacht?" (S. 37) Mit der wachsenden Zahl der Punks wurde das zu Anfang vor allem von der Volkspolizei bearbeitete Problem mehr und mehr vom Ministerium für Staatssicherheit übernommen und die Bewegung mit zahlreichen Informellen Mitarbeitern (IM) infiltriert. Das Ausmaß des Verrates unter scheinbaren Freunden wurde erst in den letzten Jahren durch Einsicht in die Akten der Staatssicherheit deutlich. Wenig bekannt war bisher auch, dass die Punks 1988 bei den Aktionen um die Liebknecht/Luxemburg-Demo sowie die Umweltbibliothek in der Zionskirche eine wesentliche Rolle spielten.
Der HEYNE-Verlag veröffentlichte den lesenswerten zeitgeschichtlichen Exkurs in der HARDCORE-Reihe, hervorragend aus dem Amerikanischen übersetzt von Harriet Fricke und Frank Dabrock. Neben einigen Fotos im Text befinden sich zahlreiche aussagekräftige und weitgehend unbekannte Fotos auf 16 Kunstdruck-Seiten.
Ein spannender und zeitgeschichtlich aussagekräftiger Beitrag zur deutsch-deutschen (Musik-)Geschichte!
Bewertung
4/5
08.06.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein sehr interessantes Stück Ostdeutscher Zeitgeschichte.
Ich war vor allem neugierig, wie es der Punkbewegung in der Vorwendezeit der DDR ergangen ist.
Das Buch beleuchtet zuerst, wie einzelne Jugendliche in der DDR `Wind` von der neuen Bewegung bekommen haben und sich als Punks befreit gefühlt haben. Schnell wurden sie durch Repressalien des DDR Regimes versucht aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Mich hat das Buch sehr gut aufgeklärt, vor allem weil echte Menschen zu Wort kommen und vieles aus Akteneinsicht wiedergegeben wurde.
Ein lohnenswerter Einblick in eine wie ich finde extrem Interessante Jugendbewegung zu einer Zeit des Aufbruchs.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.