Am 7. Juli 2014 beginnt der bisher letzte der vielen Kämpfe um den Gazastreifen. Inmitten aller Pressestimmen zum Geschehen tauchen in den führenden Zeitungen der Welt Tagebuchtexte auf. Ihr Autor: Atef Abu Saif, ein in der arabischen Welt bekannter Romancier. Er hält fest, was um ihn herum geschieht. Wie er mit seiner Frau den Alltag bewältigt. Wie er seinen Kindern zu erklären versucht, warum sie nicht mehr auf die Straße dürfen. Wie er mit der Angst kämpft, wenn vor dem Fenster die Drohne surrt.
In einundfünfzig Tagebucheinträgen, vom ersten bis zum letzten Tag des Kriegs, ohne Polemik, ohne Schuldzuweisungen, erzählt Atef Abu Saif das Unvorstellbare. Von Tragödien, von Verzweiflung, von gegenseitiger Hilfe, von heiteren Momenten trotz allem und von einer unausrottbaren Zuversicht der Menschen.
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5.0/5.0
Almut Scheller-Mahmoud
5/5
28.01.2022
Buch (Taschenbuch)
Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin
Das waren einmal progressive Sprüche, die dem Hier und Jetzt im „Anderswo „ Hohn sprechen. Wir in Deutschland und in Europa sind sind Glückskinder: wir haben keinen Krieg mehr erlebt seit Ende des 2. Weltkriegs. Krieg, den gab und gibt es in monströsen Hollywood- filmen und vielleicht noch in fast altertümlich anmutender Literatur wie Plieviers „Stalingrad“, Jüngers „Stahlgewitter“.... Und die neuzeitlichen Balkankriege, was gingen sie uns an? Sie fanden am Rande des Kontinents statt, schon fast tatarisch fremd. Und die anderen Kriege über das Mittelmeer hinaus, in Ruanda, im Kongo, im Yemen, was gingen sie uns an?
Da konnten wir den menschenrechten Zeigefinger mahnend erheben und Worthülsen von Friede Freude Eierkuchen in den Medien, den sozialen und den analogen, platzieren. Und jetzt im syrischen Krieg, ja, da gab es neben dem Zeigefinger, den Worthülsen sogar eine Zeitlang offene Grenzen und Loyalität.
Aber ein Krieg in Gaza ? Der ging uns nun wirklich gar nichts an. Hatten die nicht selbst Schuld mit ihrer bösen Hamas, die das gute Israel angriffen? Und ist israelische Politik nicht eine Politik des rohen Eies? Bloß nichts sagen, nichts tun, was dieses Ei beschädigen könnte. Wir leben nach dem Affen-Syndrom: nichts hören, nichts sagen, nichts sehen. Produzieren aber mit deutscher Gründlichkeit Todeswaffen für den Export.
Atef Abu Saif, ein Schriftsteller und Politologe, in Gaza geboren und lebend und seit April 2019 Kultusminister des palästinensischen Staates, beschreibt in seinem Buch nicht die üblichen wortgewaltigen, überdimensionalen Kriegserlebnisse aus Zeiten, als man noch Mann gegen Mann oder Heer gegen Armee kämpfte, sondern er schreibt in Tagebuchform seine Erlebnisse nieder, seine Ängste und seine trügerischen Hoffnungen. Er schreibt von seiner Familie, von Freunden und Nachbarn, von zerbombten Häusern, von brennenden Äckern, Olivenbäumen und Orangenhainen, von zerfetzten Leichen, von der Auslöschung ganzer Familien (vom Baby bis zum Großvater), von der psychischen Zersetzung der Menschen. Deren Traumata die Sockel einer künftigen Gesellschaft sein werden.
Der Kriegstanz äußert sich so: „Unser Alltag wird vom Rhythmus Krieg-Feuerpause-Krieg-Feuerpause vorgeben, es ist wie ein Tanz, dem Du folgen musst. Der Krieg entscheidet, wann wir ins Bett gehen, wann wir aufstehen.“ Das ist eine zusätzliche Zermürbungstaktik zu der Angst um das eigene Leben, der Angst um die Familie und um die Freunde, zu den Kalamitäten des Alltags: wann gibt es wieder Wasser? Wann gibt es wieder Strom? Wann können wir auf den Markt, um Essen einzukaufen?
Und immer wieder die Frage: warum lebe ich noch? Wann sterbe ich? Wann trifft der Tod mich? Da fällt mir die arabische Anekdote ein: “Der Diener eines Händlers sieht auf dem Marktplatz von Bagdad den Tod. Der Tod winkt ihm bedrohlich zu, doch der Diener flieht zu Pferde nach Samarra. Der Händler macht dem Tod darauf Vorwürfe, er habe seinen Diener verschreckt, doch der Tod antwortet, er habe ihn nicht verschrecken wollen: er sei lediglich überrascht gewesen, den Diener in Bagdad anzutreffen, denn er habe heute Abend eine Verabredung mit ihm in Samarra.”
Die Notizen von Atef Abu Saif sind wie ein Mosaik, ein Mosaik des Krieges und des Todes, der Angst und der Verzweiflung, aber auch der kleinen Freuden des Alltags: einen Kaffee trinken, eine Shisha rauchen, eine Melone essen und der Hoffnung: Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch wenn die Zeilen eher trocken wirken, eher wie eine Reportage, klingt in ihnen tiefe Menschlichkeit und Empathie mit: die Toten und die Opfer bleiben nicht alle namenlos. Atef Abu Saif gibt ihnen ein Stück Leben zurück durch die Nennung ihrer Namen und ihres Alters.
Das Sirren der Drohne, fast wie ein Perpetuum mobile, wie eine mutierte Riesenmücke, ist ständige Begleitung, gesteuert von einem anonymen Menschen, der „nur seine Pflicht tut“ (steht nicht in allen religiösen Geboten: Du sollst nicht töten?), der womöglich vor Langeweile gähnt und Kaugummi kaut, der womöglich Spaß an einer sirrenden Verfolgungsjagd hat oder Frust, weil seine Frau gestern Nacht nicht mit ihm ficken wollte oder die Bank ihm den Kredit verweigert hat. Die Drohne ist das Symbol dieses Krieges und aller zukünftigen: ein Big Brother-Szenario, gegen das der einzelne Mensch machtlos ist und dem er ausgeliefert ist.
Ich habe dieses Buch wie eine Hymne an das Leben und an die Hoffnung gelesen. Und bewundere seine Aussage, dass „Gaza wahrscheinlich der dreckigste, überbevölkerteste Platz auf der Welt ist, beherrscht von Fundamentalisten, aber es ist der Platz, wo ich zuhause bin. Und meine Großmutter, die ihr Zuhause in Jaffa während der Nakba verließ, sah dies immer als den größten Fehler ihres Lebens an.“
Vielleicht müsste die Geschichte des Nahen Ostens neu geschrieben werden wie ein Palimpsest mit einer neuen Vision für die Zukunft: für die Menschen und für das Land.
Almut Scheller-Mahmoud
aus Hamburg
5/5
09.11.2020
Buch (Taschenbuch)
Stell Dir vor, es ist Krieg…
Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Das waren progressive Sprüche. Seit 1945 gab es keinen Krieg mehr in Europa. Krieg gibt es in Hollywoodfilmen und in Romanen. Die letzten Balkankriege? Am Rande des Kontinents, fast tatarisch fremd. Und die in Ruanda, im Kongo, im Irak, im Yemen, was gehen sie uns an? Da konnten wir den menschenrechten Zeigefinger mahnend erheben und Worthülsen von Frieden in den Medien platzieren. Und im syrischen Krieg, da gab es sogar eine Zeitlang offene Grenzen und Loyalität. Aber ein Krieg in Gaza? Der ging uns nun wirklich nichts an. Hatten die nicht selbst Schuld mit ihrer bösen Hamas, die das gute Israel angriffen? Und ist israelische Politik nicht die des rohen Eies? Bloß nichts sagen, nichts tun, was dieses Ei beschädigen könnte. Atef Abu Saif, Schriftsteller und Politologe, in Gaza geboren und lebend und seit April 2019 Kultusminister des palästinensischen Staates, beschreibt in seinem Buch nicht die üblichen Kriegserlebnisse aus Zeiten, als Heere einander bekämpften, sondern er schreibt in Tagebuchform seine Erlebnisse nieder, seine Ängste und Hoffnungen. Er schreibt von seiner Familie, von Freunden und Nachbarn, von zerbombten Häusern, von brennenden Äckern, Olivenbäumen und Orangenhainen, von zerfetzten Leichen, von der Auslöschung ganzer Familien, von der psychischen Zersetzung der Menschen. Deren Traumata die Sockel einer künftigen Gesellschaft sein werden. Eine zusätzliche Zermürbungstaktik zu der Angst um das eigene Leben, um die Familie und um die Freunde: die Kalamitäten des Alltags – wann gibt es wieder Wasser? Wann Strom? Wann können wir Essen einkaufen? Und immer wieder die Frage: warum lebe ich noch? Wann sterbe ich? Wann trifft der Tod mich? Da fällt mir die arabische Anekdote ein: Ein Mann sieht auf dem Marktplatz von Bagdad den Tod. Der Tod winkt ihm zu und der Mann flieht nach Samarra. Dort treffen sie sich wieder. Fazit: Es gibt kein Entkommen. Die Notizen von Atef Abu Saif sind wie ein Mosaik des Krieges und des Todes, der Angst und der Verzweiflung, aber auch der kleinen Freuden: einen Kaffee trinken, eine Shisha rauchen, eine Melone essen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch wenn die Zeilen eher wie eine Reportage zu lesen sind, klingt in ihnen tiefe Menschlichkeit und Empathie mit: die Toten bleiben nicht namenlos. Atef Abu Saif gibt ihnen ein Stück Leben zurück durch die Nennung ihrer Namen und ihres Alters. Das Sirren der Drohne, wie ein Perpetuum mobile, wie eine mutierte Riesenmücke, ist ständige Begleitung, gesteuert von einem Menschen, der „nur seine Pflicht tut“, der womöglich vor Langeweile gähnt, Kaugummi kaut, Spaß an der Jagd hat oder Frust, weil seine Frau gestern Nacht nicht mit ihm ficken wollte oder weil die Bank ihm den Kredit verweigert hat. Die Drohne ist das Symbol dieses Krieges und aller künftigen: ein Big Brother-Szenario, gegen das der Einzelne machtlos und dem er ausgeliefert ist. Ich habe dieses Buch wie eine Hymne an das Leben und die Hoffnung gelesen. Jenseits aller politischen Verflechtungen.
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