Der Student Stanislaus Demba erfährt eines Abends, dass seine Geliebte Sonja sich wegen eines anderen von ihm trennen will. Der mittellose Mann denkt, sie davon nur abbringen zu können, indem er mit ihr verreist. Um an Geld zu kommen, versucht er, wertvolle Bücher aus der Universitätsbibliothek zu verkaufen. Doch er wird erwischt, und nur durch einen waghalsigen Sprung vermag Demba der Polizei wieder zu entkommen. Mit Handschellen gefesselt hetzt er durch ein irrwitziges Wien der k. u. k. Zeit und scheint sein Glück letztlich am Kartentisch doch noch erzwingen zu können. Leo Perutz schrieb 1917 diesen raffinierten Roman, dessen Motive Alfred Hitchcock, Eric Ambler und andere beeinflussten.
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Ein Wiener Stadt-Roman
Johanna aus München am 31.07.2025
Bewertungsnummer: 2554415
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein Klassiker! Ein Wiener Stadt-Roman in 20 Episoden. Das Personal ein Panorama der Wiener Stadtgesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts. Leo Perutz hatte die Idee zum Roman schon 1915. Erschienen ist das Buch 1918.
Man folgt dem Protagonisten Stanislaus Demba zwischen neun und neun auf seinen Wegen im neunten und ersten Bezirk der Stadt. Sein Starrsinn führt ihn von einem absurden Missgeschick zum nächsten – immer auf der Suche nach dem Geld, das er zu brauchen meint. Sein selbstgerechter Charakter erinnert ein bisschen an Schnitzlers „Leutnant Gustl“. Der wandert allerdings eine Nacht lang durch den Prater.
Kurz nach neun betritt der Student eine Greislerei, um sich ein Butterbrot mit Extrawurst zu kaufen. Die Hände versteckt er unter seinem Mantel, den er wie einen Muff aufgewickelt hat. Warum er das tut, erfährt man erst im achten Kapitel (wenn man den Verlagstext nicht liest und sich die Spannung bewahren will). Demba benimmt sich so merkwürdig, dass er „den beiden Frauen [im Laden] noch wochenlang reichlichen Gesprächsstoff bot“. Was eigentlich erzähltechnisch unmöglich ist, aber das löst sich erst nach dem letzten Satz des Rätselromans auf. Der scheint auf den ersten Blick so gradlinig gebaut zu sein, bietet auf den zweiten Blick aber Überraschungen – buchstäblich bis zur letzten Zeile. Der Autor treibt ein feines Spiel mit seinen Lesern, mal aus einer ironisch-allwissenden Erzählhaltung heraus, dann wieder im inneren Monolog seines eher unsympathischen Anti-Helden.
Demba will sein Brot dann auf einer Bank im Liechtensteinpark essen, was aber von Cyrus, dem Hunderl zweier Altorientalisten, die ihre Kenntnisse dort austauschen wollen, verhindert wird. Der Hund frisst dem hungrigen Studenten die Extrawurst weg, ohne dass der das verhindert.
„Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für gewöhnlich mit seinem Hunde verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in langjährigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im Aramäischen oder Vulgärarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die Wirkung, daß Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand schnappte.
Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.“
Neben der Szene in der Greißlerei meine Lieblingsepisode!
Auf seiner grotesken Odyssee durch den Alsergrund, in die Innere Stadt und zurück bandelt er mit einem Kindermädchen an, sucht seine alte Geliebte im Büro auf, der er die Venedigreise mit dem neuen Liebhaber nicht gönnt, versucht sich mit allen Mitteln Geld zu verschaffen, damit statt des Neuen er selbst mit ihr die Reise antreten kann, versucht sich Geld von den wohlhabenden Eltern seiner Nachhilfeschüler zu borgen, bekommt Geld und verliert es wieder, … bis zum dramatischen Finale. Es ist wieder fast neun Uhr…
Herrlich! Lesen!
In diesem Roman geht es um…
Raumzeitreisender aus Ahaus am 28.01.2021
Bewertungsnummer: 2737687
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In diesem Roman geht es um Freiheit. Ob es dabei ausschließlich um die persönliche Freiheit des Protagonisten Stanislaus Demba geht oder symbolisch um die Freiheit der geschlagenen Menschheit, wie es Leo Perutz im Jahre 1921 in der Wiener Arbeiterzeitung angedeutet hat, bleibt der Interpretation der Leser überlassen. Der Roman ist gleichzeitig schelmisch und tragisch, womit ein großer Leserkreis angesprochen wird. Worum geht es? In Wien wird der Student Stanislaus Demba von der Polizei verhaftet, als er ein wertvolles Buch, das er gestohlen hat, einem Antiquitätenhändler zum Verkauf anbietet. Der Händler wird misstrauisch und benachrichtigt die Polizei. Demba wird verhaftet und ihm werden Handschellen angelegt. Nach einer kleinen Rangelei entkommt er der Polizei, flüchtet auf den Dachboden des Hauses des Händlers und springt vom Dach. Es ist neun Uhr morgens. Seine Odyssee durch Wien beginnt. Diese für das Verständnis von Dembas Verhalten notwendige Vorgeschichte wird erst in der Mitte des Buches beschrieben. Demba lässt kein Fettnäpfchen aus, bei seinen Irrungen durch Wien, wo er seine Hände einen ganzen Tag lang versteckt halten muss, um wegen der Handschellen keinen Verdacht zu erregen. Er wird zum Meister der Improvisation und ist um Ausreden nie verlegen. In der ersten Hälfte des Romans dominiert der Schelm Demba. In der zweiten Hälfte der Geschichte häufen sich die tragischen Situationen. Seine Verzweifelung wächst. Er reizt seine Möglichkeiten aus. Kann er sich aus der Schlinge befreien, die sich langsam um seinen Hals zieht? Die Geschichte beginnt um neun Uhr und sie endet um neun Uhr des gleichen Tages. Sie nimmt ein überraschendes Ende. Mit diesem Roman hat Perutz einen Klassiker geschrieben, der in keiner Buchsammlung fehlen sollte.
Meinung aus der Buchhandlung
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Nachdem sich jetzt auch Daniel Kehlmann dem Autor angenommen hat und einen wundervollen Essay über Leo Perutz geschrieben hat wurde es auch bei mir wieder an der Zeit sich diesem Klassiker wieder anzunähern. Perutz führt uns ins Wien des Jahres 1917, skurril und spannend.
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