"Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen."
In Noras Heimatdorf gehört es sich, den Nachbarn zu grüßen, den Rasen zu mähen und am Ende des Lebens zu sterben. Dass sich plötzlich ausgerechnet Maja, Noras beste Freundin aus Kindheitstagen, an diese althergebrachten Regeln hält und einfach stirbt, kann Nora nicht glauben. Für eine Beerdigung hat Nora ohnehin keine Zeit: Nachts wecken sie Panikattacken, sie muss sich um eine Schildkröte kümmern und ihre einst so progressive Beziehung zu viert droht auseinanderzubrechen. Und dann fährt auch noch ihr Therapeut in Urlaub. Bis zu seiner Rückkehr soll Nora ihre Tage in einem Tagebuch dokumentieren. Also berichtet sie, wie sie sich mit Karl, Leonie, Jonas und einem schweigenden Kind ans Meer flüchtet, um das Verschworene zwischen ihnen zu retten. Doch statt hoffnungsvoller Zukunft drängt sich immer mehr Noras Vergangenheit in den Vordergrund. Es muss doch etwas geben, denken die vier, das sie wieder zusammenzuschweißen vermag, ein großes Fest etwa. Oder ein Mord ...
Ein radikales Buch, rasend komisch in seiner Verzweiflung und poetisch in seiner Grausamkeit.
"Ronja von Rönne wischt das Blau vom Himmel." Georg Diez, Der Spiegel.
"Schnoddrig, überlegen, witzig, respektlos - endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur!" Joachim Lottmann.
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gelangweilte, überfütterte Jugend
Bewertung am 01.07.2016
Bewertungsnummer: 959077
Bewertet: Hörbuch (MP3-CD)
Hörbuch, 3 Std, 49 Min, gelesen von Ronja von Rönne
„Sie studieren Kulturwissenschaft oder Politikwissenschaft, in den Semesterferien reisen sie nach Asien, lassen sich von australischen Backpackern ficken und irgendwo im Hinterland Indiens fühlen sie sich auf einmal ganz klar und wissen, was sie vom Leben wollen.“
Ein schmales Büchlein. Schlichte Sätze, aber gekonnt. Viele Füllwörter, aber gekonnt platziert. Schnoddrige Jugendsprache, Tagebuchform, daher authentisch.
Jonas, Leonie, Karl und Nora, die Icherzählerin leben zusammen als Wohngemeinschaft, als Paarkonstruktion, na eben als eine Gesellschaftsform, die der heutigen Paarbeziehung trotzen will. Man ist offen und teilt alles. Mit dazu gehören Emma-Lou, die kleine Tochter von Leonie und 390-Gramm, die Schildkröte von Nora. Die Handlung beginnt damit, dass diese Vierergruppe in einem Haus am Meer am Küchentisch sitzt, sie öden sich an. Nora leidet unter Panikattacken und kämpft mit diversen Ängsten, im Grunde mit sich selbst. Ihr Therapeut hat ihr geraten in den Urlaub zu fahren, aufzuschreiben was sie erlebt, fühlt. Vier verwöhnte junge Intellektuelle, die gelangweilt ihre elektronischen Kommunikationsmittel auf dem Tisch zerhauen, um einmal draußen zu sein, abgeschnitten von der Welt, die ihnen nichts zu geben, hat die nur nervt. Dann ist da noch Maja, Noras beste Freundin, zu deren Beerdigung Nora eingeladen war. Das nimmt sie nicht ernst, weil Maja öfter solche Späße treibt, Beerdigung der einen Maja, auf zur neuen Maja. – Doch Maja ist wirklich tot.
«Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen. »
Auf den ersten Blick ein amüsant-neurotisches Buch mit zweideutigen Sätzen in alle Richtungen. Ein Buch über die Langeweile. Auch der Leser erstickt irgendwann in Langerweile. Nicht ganz. Im zweiten Blick ist dies ein Buch über die Generation Y, über genau die Typen, die von ihren Eltern keine Grenzen gesetzt bekamen, sich langweilen, ausprobieren. Es ist alles vorhanden in Massen, man muss nur zugreifen. Gleichzeitig steht dieser Generation die Angst im Nacken. Die Technik wird die Welt verändern, Arbeit, Arbeitsstrukturen, Gesellschaftsstrukturen, eine Welt drumherum in Unruhe. Die eingezahlte Rente wird nicht für alle reichen. Eine Generation die noch aus dem Vollen schöpfen konnte, deren Zukunft ungewiss ist.
«Wir kommen», soll das eine Drohung sein? Schnoddrige, disziplinlose, psychisch überreizte und überdrehte junge Erwachsene, die die Welt regieren wollen? Sind nicht die Römer schon an ihrer Dekadenz erstickt? Nora arbeitet für eine TV-Show als Shopping-Queen, eine TV-Show eines Privatsenders, "Die Super-Shopper". Der Job ödet sie an. Unscheinbare Frauen, die vor der Kamera noch unscheinbarer verhunzt werden, damit die Wirkung groß erscheint, wenn Nora sie neu stylt. Letztendlich fühlt sie sich nutzlos. In Rückblenden wird erzählt, wie die Viererbeziehung zusammenhängt, die Beziehung zu Maja, das ganze glücklose Leben, trotz allem Überfluss. Oder vielleicht deswegen? Karl, mit dem Nora leiert war, schleppte einst die magersüchtige Leonie mit Kind an: Sie wohnen jetzt hier. Und dann zog Jonas ein, um das Gleichgewicht zu halten. Eine Beziehung zu viert, die nicht funktioniert, die gewollt ist, die aber keiner will. Karl spricht es aus. Er sehnt sich nach einem Spießerleben, nach einer ganz normalen Familie mit Kind. Karl, der Schriftsteller, der viel Geld verdient (so was soll es geben), schreibt an einem Glücksratgeber. Jonas, ist Softwareentwickler. Leonie? Von ihr erfährt man nicht viel, sie betreibt ein Ernährungscenter. Eine Gemeinschaft ohne Geldsorgen, die an ihrer Langeweile erstickt, die keine Ziele hat, die schon alles besitzt, nur keine Liebe zueinander. Da helfen auch Partys und Drogen nicht weiter.
«Schlechter Sex, das ist Liebe.»
Ronja von Rönne treibt die Dekadenz auf die Spitze, Sprache wird inszeniert durch Wiederholung und Füllwörter. Was schnoddrig naiv klingt, ist in Szene gesetzt, Tagebuchstil.
"Unglück ist etwas für Leute mit Talent, die darüber Bücher und Songs schreiben können, von denen sich dann Leute ohne Talent wie ich verstanden fühlen"
Urbanes Leben ist „over“, wie Karl sagt, drum zieht man in das Strandhaus von Karls Eltern, auf unbestimmte Zeit. Ein Ort der Kindheit, ein Rückzugsort. Aber selbst Strandhaus, Kindheit und die Zerstörung der elektronischen Kommunikation nützt nichts. Die Kommunikation zwischen den vier Personen ist längst zerstört. Eine Party soll helfen, denn „Partys gehen immer“. Nora berichtet emotionslos, angewidert von der anwesenden Schickeria der Party. Es ist nichts mehr da, es gibt auch nichts zu retten.
"Ich habe genickt. Das kann ich gut." Nora hat sich seit ihrer Kindheit von Maja leiten lassen. Maja war die Anführerin, aber Maja ist tot. Maja, Noras letzter Halt.
"Wir sind jung und geschmackvoll."
Diese Viererclique steht sicherlich nicht für den Großteil der jungen Menschen. Aber für einen Teil. Selbstsüchtige Existenzen in Wohlstand aus der Medien- und Juppywelt.
«Dass wir Amazon-Rezensionen über Toaster verfassen und uns über Gemüsekisten-Abos unterhalten. Dass wir eigentlich nichts zu erzählen haben.»
Eine Gesellschaft im Überfluss, die selbstverliebte Nischen sucht, um sich besser zu fühlen, erhabener. Junge Menschen, die nicht am System zweifeln, es nicht verändern wollen, sondern ihre Rebellion gegen das Althergebrachte in Nahrungsexessen und Tatoos ausdrücken.
„Wir sprachen den gleichen Code, wir tranken unser Gemüse püriert und nannten das kalifornisch, wir waren genauso schlechte Menschen wie alle hier, aber wir waren schlechte Menschen, die beschlossen hatten, zusammenzugehören“.
Mir hat das Buch gefallen. Auf keinen Fall ist es billig, nur weil hier salopp dahingeplappert wird.
Fällt aus dem Rahmen
Mimi am 05.12.2022
Bewertungsnummer: 1838231
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Hin und her gerissen von komisch gut zu wirklich komisch. Spezielle Hauptfiguren mit einer sehr passiven Hauptfigur. So passiv das man sie wach schütteln will. Eine Mitläuferin vom Feinsten. Hat mir gezeigt, das auch wenn die Sprache eindrücklich ist, die Geschichte auch mitziehen können- Als Nora’s Therapeut in die Ferien fährt, muss sie zur Überbrückung dieser Tage ein Tagebuch führen, mit Witz, Selbstironie und einer passiven Erzählstimme. Denn ihre beste Freundin, Maya hat sich umgebracht, doch auch das kann Nora nicht glauben - das geht einfach nicht. Auch das ihre Polyamorie Beziehung schon lange nicht mehr das ist, was es mal war, ist schwierig zu sehen und die Panikattacken.. Für mich zu viele Themen ineinander gemixt ohne grossen Sinn, keine mir wirklich sympathische Figur aber der Schreibstil ist mir positiv aufgefallen und oft musste ich in diesem ganzen Komischen, nur lachen.
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