Im Internet-Zeitalter noch echte Briefe zu verschicken, ist eher selten. Daher starteten Nicholas Müller und Hubert vom Venn ihr Experiment: Sie begannen einen Briefwechsel. Aus völlig unterschiedlichen Perspektiven schildern die beiden ihre Kindheit und Jugend in der Eifel. 30 Jahre Altersunterschied liegen zwischen dem Musiker und dem
Kabarettisten. Trotzdem finden sich Ähnlichkeiten in den Erlebnissen und Aufzeichnungen: Die erste Zigarette, der erste Kinofilm, der erste öffentliche Auftritt. Eine liebevolle Retrospektive, ein Resümee voller Irrungen, Wirrungen und komischer Episoden.
Kundinnen und Kunden meinen
2.0/5.0
Bewertung
aus Simmerath
2/5
13.03.2021
Buch (Taschenbuch)
Kann man lesen ... kann man aber auch sein lassen ...
Emails als niedergeschriebenes Fastfood haben den klassischen Brief längst abgelöst, und so wird das Buch in der Weise angepriesen, dass vom Venn und Müller einen altmodischen Briefwechsel führten. Postkarten inklusive
Eigene Erlebnisse und Erinnerungen sind ebenso Thema wie Parallelen beim Zug an der ersten Zigarette oder die Mitteilung über den ersten Film im Kino oder andere Liebeleien, die sowohl verschieden als auch nahezu seelenverwandt sein können. So geht der Austausch von Emotionen und Gedanken von A bis Z und gleich auch wieder rückwärts. Briefe, aber auch Postkarten, werden als Ursprung des veröffentlichten Buchs angegeben. Und tatsächlich die wechselseitigen schriftlichen Ergüsse haben auch eine teils sehr unterschiedliche Länge. Manches hat wirklich gerade mal so Postkartenlänge, anderes ist deutlich umfassender.
Doch sollte man sich nicht von der Vennschen Profession im Bereich Humor blenden lassen, nein, es gibt durchaus auch Platz für nachdenkliche und ernste Gedanken beider Schreiberlinge.
Natürlich betrifft es auch den persönlichen Werdegang, wenngleich das Vennsche Lebensalter gut 30 Lenze mehr zählt. Aber, das ist die positivste Erkenntnis aus diesem Briefwechsel, nichts spricht dagegen, das relativ jung und etwas älter gleiche Ebenen besitzen können emotional, intellektuell oder auch schlicht in der Sicht der Dinge. Das Alter, mein hier sehr positiver Eindruck, mag sogar verbinden zumindest in meiner Interpretation: vom Venn wirkt geistig toppfit und jünger als man es vielleicht mit dem Baujahr 1953 assoziiert. Zugleich ahnt man bei seinem Pendant eine große geistige Reife, die unter Umständen auch durch seine Erkrankung zusätzlichen Tiefgang erhielt. Erfreulich sind dann auch solche Formen der Rückkehr ins Leben sei es als Autor, sei es als Komponist, sei es einfach als Mensch.
Da bleibt aber noch der Buchtitel mit dem Märchen, man könne Kühe umschubsen Eines stelle ich klar fest: wer behauptet, man könne Kühe umschubsen, der läuft auch Gefahr, dass man andere seiner Aussagen hinterfragt.
Kühe kann man NICHT umschubsen. Wer auf solch einen Unfug hereinfällt, möge sich mal jenen Link [...] antun. Das erklärt wohl alles. Hierzu auch ein interessanter Auszug aus einer ernsthaften Studie zu diesem Märchen eine Studie von Margo Lilie von der University of British Columbia, kam zu dem Ergebnis, dass - je nach Beinhaltung des Tieres - die Kraft von 3 erwachsenen Menschen bei engem Stand beziehungsweise 4 bis 5 Erwachsenen bei senkrechter Beinhaltung und 6 Leute bei breitem Stand nötig wären, um ein ausgewachsenes Tier umzukippen. Die Studie ging hierbei von diversen Körpergewichten der Schubser aus. Dieser Blödsinn ist nicht nur deshalb grober Unfug, sondern auch in der Praxis falsch, denn Kühe schlafen nicht im Stehen. Sie legen sich, anders als ein Pferd aber nicht mit steifen Beingliedern.
Selbst eine im Stehen dösende Kuh wäre nicht umzustoßen, zumal sie a) entweder erschrocken flüchten, oder b) wütend angreifen würde.
Wer natürlich solche Themen einbaut, kann ggf. auch gefragt werden, was man letztlich vom Geschriebenen wirklich ernst nehmen kann. Vieles ist mir bzgl. des Unterhaltungswertes zu banal.
Was interessiert denn schon, wer wann und wo seine erste Zigarette geraucht hat. Der erste Kuss holt auch niemanden mehr hinterm Ofen hervor und Eindrücke von Eiflern über Eifler haben einen ultralangen Bart. Klischees bedienen ist zudem überflüssig. Da wirkt nichts neu oder originell und es kommt schnell eine gewisse Langeweile bei der Lektüre auf. Vielleicht wäre es ansprechender, wenn es sich um wahre Größen der Zeitgeschichte handeln würde. Diese Definition lässt sich auf beide Autoren trotz ihres bisherigen Schaffens meines Erachtens wenig anwenden. Damit bleibt vieles auch vollkommen uninteressant.
Ein weiterer Störfaktor beruht indes auf einem schlicht subjektiven Eindruck: ich verstand das Entstehen des Buchs so, dass beide Verfasser bzw. Autoren sich Briefe und Postkarten schrieben anstelle sich des schnellen Internets und der seelenlosen Email zu bedienen. Dennoch bleibt mir in verschiedenen Ausführungen so ein Eindruck wie jener der fix verfassten Email, die durch die flinke Tastaturbewegung schneller niedergeschrieben als durchdacht ist. Und so bleibt nicht aus, dass mir diverse Passagen als eher oberflächlich vorkamen. Gleichwohl erschienen mir Gedankengänge von Nicholas Müller durchaus anspruchsvoller, sympathischer und auch feinfühlig. Auch wirkt sein Umgang mit Humor dosierter und auch passender eingesetzt.
Letztlich hat sich meine Begeisterung in Grenzen gehalten. Das zeigte sich auch darin, dass ich die Lust verlor, die gegenseitige Korrespondenz bis zum Ende zu lesen. Das lag letztlich auch daran, dass es für mich ein großer Widerspruch bleibt, etwas sehr Persönliches so quasi plakativ zu veröffentlichen. Es gibt Dinge im Leben seit jeher meine Einstellung - die privat bleiben sollten. Dies anders zu gestalten, erinnert mich dann eher an eine Geschäftsidee und das mißfällt mir bei solchen als Buch veröffentlichten Briefwechseln. Aber wie heisst es doch so schön im Rheinland (und der Eifel sowieso) jeder Jeck ist anders
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