Drei Palästinenser wollen sich von einem vierten in einem leeren Wassertank aus dem Irak nach Kuweit schmuggeln lassen - weit weg von der "Hölle" der Flüchtlingslager und der Armut ins "Paradies" des aufstrebenden Ölstaates. An der Grenze wird der Fahrer wider Erwarten aufgehalten. Der durch die sengende Sonne inzwischen zum Dampfkochtopf aufgeheizte Wassertank droht zum elenden Grab der drei Männer zu werden.
Als die Palästinenser 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden, verliessen sie diese mit gebeugtem Haupt. Und so verharrten sie jahrelang, unfähig, das Geschehene zu bewältigen. Erst Mitte der sechziger Jahre begannen sie sich zu wehren, im Handeln ihr Selbstbewusstsein wiederherzustellen.
Im Roman "Männer in der Sonne" schildert Ghassan Kanafani diese beiden Etappen palästinensischer Existenz: Lähmung und beginnende Selbstbesinnung; er beschreibt Palästinenser, die die Vertreibung ihres Volkes miterlebt haben und daran leiden.
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Die Pforten des Paradieses oder die Pforten der Hölle?
Almut Scheller-Mahmoud am 25.02.2023
Bewertungsnummer: 1887612
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ghassan Kanafani - ein Symbol des palästinensischen linksextremistischen Widerstands, umstrittener Volksheld. Mit dreizehn Jahren wurde er zum Flüchtling, wurde Journalist und Schriftsteller und war politisch tätig. Für ihn waren Literatur und Politik symbiotisch verbunden. Gerechtigkeit und Gleichberechtigung waren für ihn universelle Werte und die Geschichte seines eigenen Volkes wurde zum Lackmustest. 1972, mit 36 Jahren, wurde er durch eine Mossad’sche Autobombe getötet: ein feiges Instrumentarium…..
Sein erster Roman „Männer in der Sonne“, in kurzen klaren Sätzen, ohne emotionalisierende Ausschmückungen, schildert ein menschliches Drama mit unmenschlichem Ende: das Schicksal von vier palästinensischen Männern. Abul-Chaisurân bietet sich als Transporteur für drei Männer an, die vom Irak nach Kuweit wollen: um Arbeit zu finden, um ihre Familien unterstützen zu können, um menschenwürdig leben zu könne, um der Trost- und Hoffnungslosigkeit zu entfliehen.
Es sind Abu Thais, ein alter Mann, der jahrelang seinen Träumen nachhing. Er träumte vom fruchtigen Segen seiner alten Olivenbäume. Der nun am Schatt al Arab, diesen Namen hatte er einst vom Dorfschullehrer Salîm gehört, im Sand lag und wusste, dass es in Kuweit keine Olivenbäume gab, überhaupt keine Bäume.
Assaad, ein Palästinenser aus Ramla, war über Jordanien in den Irak gekommen. Er war misstrauisch: er war schon einmal betrogen worden. Sein Onkel hatte ihm 50 Dinar geliehen, weil er wollte, dass Assaad seine Tochter Nada heiratet. Nur weil sie am gleichen Tag geboren wurde wie er und sein Vater und sein Onkel gemeinsam die Eröffnungssure des Korans gebetet hatten. Aber niemand hatte ihn, Assaad, gefragt, ob er überhaupt heiraten wolle, ob er Nada heiraten wolle. Er fühlte sich wie eine Ware.
Der erst sechzehn Jahre alte Marwân war zum ersten Mal allein und fremd unter vielen Men-schen. Sein Vater hatte seine Mutter, ihn und seine drei Geschwister verlassen, nachdem sein ältester Bruder Sarajija kein Geld mehr aus Kuweit schickte und keiner wusste, was mit ihm geschehen war. Der Vater konnte seinen Traum verwirklichen, das Lager zu verlassen und in einem Steinhaus zu wohnen, indem er das Angebot eines Freundes annahm, seine Tochter zu heiraten, die seit eines Angriffs auf Jaffa ein Bein verloren hatte.
Die drei Männer forderten von Abul-Chaisurân eine genauen Ablaufplan seines Vorgehens. Sie würden ihn erst bezahlen, wenn sie heil in Kuweit wären.
Er war Fahrer des reichen Hadsch Riad, den er auch auf seinen Jagdausflügen begleitete.
Er war ein ausgezeichneter Fahrer und wollte nun mit dem Wassertankwagen des Jagdausflugs, sich ein bisschen Geld dazu verdienen.
„Wir müssen zwei Kontrollpunkte passieren. Bei beiden dauert es nur fünf Minuten, die ihr im Inneren des Tankwagens verbringen müsst.“ Abu Khais war misstrauisch. Assaad wiederum glaubte, dass Abul-Chaisurân und Riad Schmuggler waren.Trotzdem entschieden sich die drei für die Fahrt.
Abul-Chaisurân selbst brauchte Geld, weil er sich zur Ruhe setzen wolle, um seinen Dämonen zu entkommen. Er war während eines Kampfeinsatzes gefangen genommen und gefoltert worden: man hatte ihn seiner Männlichkeit beraubt. So hatte er zweierlei verloren: seine Männlichkeit und sein Vaterland.
Kurz vor dem ersten Kontrollpunkt ließ er die Männer in den Tank hinabsteigen. „Zieht eure Hemden aus, es ist wie in einem Glutofen, aber nur für fünf Minuten.“ Er schloss den Deckel. Die Abfertigung dauerte tatsächlich nur sechs Minuten – die Männer glichen Mumien und nicht lebendigen Menschen, als sie hinaus kletterten.
Sie stoppten und rauchten, weit entfernt mit ihren Gedanken, bei ihren Familien, in der Gegenwart und in der Zukunft; ihre Träume, Wünsche, Hoffnungen vermischten sich mit Angst und Verzweiflung.
Am letzten Kontrollpunkt: „Es ist jetzt genau halb zwölf, merkt euch das. Nicht länger als sieben Minuten!! Die Übergabe der Papiere dauerte: er musste den neugierigen Fragen der Grenzer Rede
und Antwort stehen und ein Glas Tee trinken. Erst neun Minuten vor zwölf konnte er den Deckel des Tankwagens öffnen. Totenstille. Nichts und niemand rührte sich. Er war zu spät.
Entschlossen sie zu begraben, ihre Körper nicht den wilden Tiere und ihre ausgebleichten Skelette dem Sand zu überlassen. Aber er lud sie an der städtischen Müllhalde ab, die Leichen waren kalt und steif, er zog sie an den Füßen zu einem Platz, wo sie am nächsten Morgen gleich gefunden werden würden. Er fuhr weiter und stoppte plötzlich, sprang aus dem Wagen, lief zurück und nahm das Geld aus den Taschen und Marwâns Uhr. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ (Brecht).
Doch Abul-Chaisurân fand keinen Frieden, denn ein Gedanke hämmerte in seinem Kopf, immer und immer wieder, wie eine Folter: warum haben sie nicht an die Tankwand geklopft? Warum warum warum?
Mit dieser offenen Frage schließt Kanafani seinen Text, ein Drama des Ausgeliefertseins an Menschen und an die Politik, an das Schicksal. مكتوب – Maktub: es steht geschrieben.
Für die Muslime gibt es kein blindes Schicksal, sondern ein von Gott zugeteiltes.
Abul-Chaisurân verglich den Weg von 150 km, den sie „erfahren“ müssen, mit dem faden-schmalen Pfad, der nach muslimischer Überlieferung entweder ins Paradies oder in die Hölle führt.
Wo ist das Paradies? Wo ist die Hölle? Auf Erden? War Kuwait das Paradies? Ohne Olivenbäume? Mit Geld in den Taschen, um die Mutter zu unterstützen? Um sich zur Ruhe zu setzen?
Die Schilderung Kanafanis der „Drei Männer in der Sonne“ sind aktueller denn je: Menschen, die ihre Träume verwirklichen wollen, sich nach einem besseren Leben, einem Leben in Würde sehnen. Die als Wirtschaftsflüchtlinge in Europa keine Chance hätten. Obwohl ihre Situation erst durch Krieg, Vertreibung und Besatzung wirkmächtig wurde.
Der Roman ist eine Anklage gegen den Krieg und seine langfristigen Folgeerscheinungen, er ist ein Requiem für die „ausgelagerten“ Menschen.
Die Pforten des Paradieses…
Almut Scheller-Mahmoud aus Hamburg am 25.02.2023
Bewertungsnummer: 2795222
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Pforten des Paradieses oder die Pforten der Hölle? Ghassan Kanafani: Symbol des palästinensischen linksextremistischen Widerstands, umstrittener Volksheld. Mit 13 Jahren wurde er zum Flüchtling, wurde Journalist und Schriftsteller, Für ihn waren Literatur und Politik symbiotisch verbunden, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung universelle Werte, die Geschichte seines Volkes wurde zum Lackmustest. 1972, mit 36 Jahren, wurde er durch eine Mossad’sche Autobombe getötet… „Männer in der Sonne“, in kurzen klaren Sätzen, ohne emotionalisierende Ausschmückungen, schildert ein menschliches Drama mit unmenschlichem Ende: das Schicksal von 4 palästinen-sischen Männern. Abul-Chaisurân bietet sich als Transporteur für 3 Männer an, die vom Irak nach Kuweit wollen: um Arbeit zu finden, um ihre Familien zu unterstützen und menschenwürdig leben zu können, um der Trost- und Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. Abu Thais, ein alter Mann, der jahrelang vom fruchtigen Segen seiner alten Olivenbäume träumte. Der nun am Schatt al Arab im Sand lag und erfuhr, dass es in Kuweit keine Olivenbäume gab. Assaad aus Ramla war über Jordanien gekommen. Er war misstrauisch. Sein Onkel hatte ihm 50 Dinar geliehen, er sollte seine Tochter heiraten. Nur weil sie am gleichen Tag geboren wurde wie er. Aber niemand hatte ihn gefragt, ob er überhaupt heiraten, ob er Nada heiraten wolle. Er fühlte sich wie eine Ware. Der erst 16 Jahre alte Marwân war zum ersten Mal allein, fremd unter vielen Menschen. Sein Vater hatte seine Familie verlassen, nachdem sein ältester Bruder kein Geld mehr aus Kuweit schickte und keiner wusste, was mit ihm geschehen war. Der Vater konnte seinen Traum verwirklichen, das Lager zu verlassen, indem er die Tochter eines Freundes heiratete, die bei einem Angriff auf Jaffa ein Bein verloren hatte. Die 3 Männer forderten von Abul-Chaisurân einen genauen Plan, würden ihn erst bezahlen, wenn sie in Kuweit wären. Er war Fahrer eines reichen Mannes, den er auf Jagdausflügen begleitete. Mit dem leeren Wassertankwagen eines Jagdausflugs wollte er sich ein bisschen Geld dazu verdienen. Er brauchte es, weil er sich zur Ruhe setzen wollte, um seinen Dämonen zu entkommen. Er war während eines Kampfeinsatzes gefangen und gefoltert worden: man hatte ihn seiner Männlichkeit beraubt. So hatte er seine Männlichkeit und sein Vaterland verloren. „Wir müssen 2 Kontrollpunkte passieren. Bei beiden dauert es nur 5 Minuten, die ihr im Tankwagen verbringen müsst.“ Abu Khais und Assaad waren misstrauisch. Aber die 3 entschieden sich für die Fahrt. Kurz vor dem1. Kontrollpunkt ließ er die Männer in den Tank hinabsteigen. „Zieht eure Hemden aus, es ist wie in einem Glutofen, aber nur für 5 Minuten.“ Er schloss den Deckel. Die Abfertigung dauerte tatsächlich nur 6 Minuten – die Männer glichen jedoch Mumien und nicht lebendigen Menschen, als sie hinaus kletterten. Sie stoppten und rauchten, weit entfernt mit ihren Gedanken, in der Gegenwart und in der Zukunft; Träume, Wünsche, Hoffnungen vermischten sich mit Angst und Verzweiflung. Am letzten Kontrollpunkt: „Es ist jetzt genau halb 12, merkt euch das. Nicht länger als 7 Minuten!Die Übergabe der Papiere dauerte: er musste die Neugier der Grenzen befriedigen, ein Glas Tee trinken. Erst 9 Minuten vor 12 konnte er den Deckel des Tankwagens öffnen. Totenstille. Nichts und niemand rührte sich. Er war zu spät. Um ihre Körper nicht den wilden Tiere und ihre ausgebleichten Skelette dem Sand zu überlassen. lud er sie an der städtischen Müllhalde ab, die Leichen waren kalt und steif, wo sie am nächsten Morgen gleich gefunden werden würden. Er fuhr weiter, stoppte, sprang aus dem Wagen, lief zurück und nahm das Geld aus den Taschen und Marwâns Uhr. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ (Brecht). Doch Abul-Chaisurân fand keinen Frieden, denn ein folternder Gedanke hämmerte in seinem Kopf, immer und immer wieder: warum haben sie nicht an die Tankwand geklopft? Warum warum warum? Mit dieser offenen Frage schließt Kanafani sein Drama des Ausgeliefertseins an Menschen, an die Politik, an das Schicksal. مكتوب – Maktub: es steht geschrieben. Für Muslime gibt es kein blindes Schicksal, sondern ein von Gott zugeteiltes. Abul-Chaisurân verglich den Weg von 150 km mit dem schmalen Pfad, der nach muslimischer Überlieferung ins Paradies oder in die Hölle führt. Wo ist das Paradies? Wo ist die Hölle? Auf Erden? War Kuwait das Paradies? Ohne Oliven-bäume? Mit Geld in den Taschen, um die Mutter zu unterstützen? Um sich zur Ruhe zu setzen? Die Schilderung der „Drei Männer in der Sonne“ sind aktueller denn je: Menschen, die ihre Träume verwirklichen wollen, sich nach einem besseren Leben, einem Leben in Würde sehnen. Die als Wirtschaftsflüchtlinge in Europa keine Chance hätten. Obwohl ihre Situation erst durch Krieg, Vertreibung und Besatzung wirkmächtig wurde. Der Roman ist eine Anklage gegen den Krieg und seine langfristigen Folgeerscheinungen, er ist ein Requiem für die „ausgelagerten“ Menschen.
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