Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (1855) entfaltet am Bildungsweg Anton Wohlfarts ein Panorama der bürgerlichen Handelswelt des 19. Jahrhunderts. Zwischen Kontor, Gutshof und politisch bewegter Provinz verbindet das Werk realistische Milieuschilderung, spannungsreiche Handlung und didaktische Erzählhaltung. Als paradigmatischer Roman des deutschen bürgerlichen Realismus setzt er Arbeit, Ordnung und kaufmännische Moral gegen aristokratische Verschwendung und soziale Desintegration; zugleich enthält er zeittypische, heute kritisch zu lesende nationale und antisemitische Stereotype. Freytag, 1816 in Kreuzburg geboren, war Literaturwissenschaftler, Journalist, liberaler Publizist und erfolgreicher Dramatiker. Seine Nähe zum nationalliberalen Bürgertum, seine Erfahrung mit Presse und Politik sowie sein Interesse an ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen prägten den Roman entscheidend. "Soll und Haben" entstand in einer Epoche nach 1848, in der die deutsche Gesellschaft nach neuen Leitbildern von Leistung, Eigentum, Bildung und nationaler Identität suchte. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die die kulturelle Selbstdeutung des 19. Jahrhunderts verstehen wollen. Es ist zugleich fesselnder Gesellschaftsroman und historisches Dokument: literarisch wirksam, ideologisch aufschlussreich und nur mit kritischer Aufmerksamkeit vollständig zu begreifen. Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern. - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
07.07.2025
Buch (Taschenbuch)
Ein faszinierender Klassiker
In diesem Roman wird die Geschichte erzählt vom Luxuskaufhaus Harrods in London. Wir verfolgen mit dem Inhaber die Hoch- und Tiefpunkte des Aufstiegs und zugleich die Feinheiten der englischen Klassengemeinschaft. Dieses Buch hat eine Generation von Detailhändlern geprägt - meine Großmutter hat mir als Kind daraus vorgelesen. Aus mehreren Gründen sehr empfehlenswert.
fjodor1212
aus Berlin
5/5
09.01.2024
eBook (ePUB)
Der romantische Kaufmann Der…
Der romantische Kaufmann Der Roman sollte eher „Wünschen und Sollen“ heißen. Mit Realität hatte er seinerzeit wohl wenig zu tun. Nahezu alle Figuren sind idealtypisch angelegt. Kaum jemand führt ein „normales“, unauffälliges Leben, und trotzdem handelt es sich meiner Meinung nach um ein Sittengemälde. Ein junger, bürgerlicher, bescheidener und tugendhafter Abiturient, Anton Wohlfart, macht eine Kaufmannslehre im Breslau der 1840er Jahre bei einer patriarchal geführten Kaufmannsfirma, an deren Spitze der Prinzipal T.O. Schröter steht. Hier trifft er auf einen jungen, adligen und reichen Volontär, Fritz von Fink, der allerdings ohne Sekundärtugenden daherkommt und somit in Teilen einen Gegensatz zu Wohlfart darstellt. Nach einer Auseinandersetzung werden die beiden Freunde. Dennoch dominiert Fink nun den Wohlfart, wobei dieser dann immer seine gute Moral unter Beweis stellen kann. Alle „Typen“, die ansonsten auftauchen, sind ebenfalls stark konstruierte und überzeichnete Charaktere: ein adliger Familienvater, der aus der Not einen halbherzigen Versuch wagt, an der Industrialisierung teilzuhaben und daran scheitert und dessen Sohn ein spielsüchtiger Offizier ist; ein Geldjude mit einem Quasi-Zauberlehrling, wobei letzterer seinen Meister ruinieren, sowie dessen Tochter heiraten will und wie sein Chef scharf auf das Rittergut der Adligen ist; außerdem kommen vor ein schmieriger, betrügerischer Herbergsvater; ein heruntergekommener Winkeladvokat und ein märchenhaft riesiger, lederbeschürzter Auflader samt tapferem Soldatensohn. Selbst die Person, die am wenigsten agiert, nämlich die Schwester des Prinzipals, Sabine, macht dies in vollkommener Jungfrau-Maria-Attitüde, so dass zwangsläufig die zweite weibliche Figur, nämlich Wohlfarts adlige Schwärmerei, Lenore von Rothsattel, obwohl selbst jungfräulich, Züge einer Maria Magdalena trägt. Dass diese so wild tanzt und reitet, findet Wohlfart „unweiblich“. Schließlich finden die Adligen und die Bürgerlichen zueinander und der Held darf Sabine heiraten und Kompagnon vom Prinzipal werden. Aber was macht den Roman aus? Klar, sind es aus heutiger Sicht seine kolonialistischen („ich stehe jetzt hier als einer von den Eroberern“), seine antislawischen („Polnische Wirtschaft“) und nicht zuletzt seine antisemitischen (zwei Juden sind geldgierige Betrüger) Züge. Aber, mal ehrlich, in welcher Zeit spielt der Roman: Zwischen 1845 und 1848 erreichen die USA, getragen von der Monroe-Doktrin, größtenteils durch Krieg gegen Mexiko ihre heutige Ausdehnung, von den „Indianern“ mal ganz zu schweigen. Deutschland hat die Zeit der afrikanischen Kolonien erst noch vor sich. Was den Roman lesenswert macht sind zum einen die romantischen Charaktere, zum anderen aber auch die eben doch nicht so starren, schon fast kulturanalytischen Sichtweisen einiger Figuren, nicht zuletzt der des sich ambivalent gerierenden Fritz von Fink. Hier ein augenzwinkernder Exkurs zur klassischen Musik, da ein Kommentar zum Scheitern deutscher Vorratswirtschaft in den USA und dort eine unanständige Bemerkung zum deutschen Adel. Obwohl die Charaktere so überzeichnet sind und wenig mit Wirklichkeit zu tun haben, würde ich „Soll und Haben“ als ein Sittengemälde bezeichnen, nämlich so, wie ein Hollywood-Film ein solches sein kann. Da wissen ja auch alle, dass es ausgedacht ist.
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