Conrad Ferdinand Meyer: Gedichte. Ausgabe 1892 Während seine Prosa längst eigenständig ist, findet C.F. Meyers lyrisches Werk erst mit dieser späten Ausgabe zu seinem eigentümlichen Stil, der den deutschen Symbolismus einleitet. Ausgabe letzter Hand: Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer. Fünfte vermehrte Auflage, Leipzig (H. Haessel) 1892. - Die Gedichte entstanden zwischen 1860 und 1892. Vollständige Neuausgabe mit einer Biographie des Autors. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2015. Textgrundlage ist die Ausgabe: Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Vollständiger Text nach den Ausgaben letzter Hand. Mit einem Nachwort von Erwin Laaths, München: Winkler, 1968. Die Paginierung obiger Ausgabe wird in dieser Neuausgabe als Marginalie zeilengenau mitgeführt. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage. Gesetzt aus Minion Pro, 11 pt. Über den Autor: 1825 in Zürich als Kind des Juristen und Historikers Ferdinand Meyer geboren, freundet sich der sechsjährige Conrad Ferdinand Meyer mit der zwei Jahre jüngeren Johanna Spyri an, die später mit ihren Heidi-Romanen weltberühmt werden wird. Meyer lebt bis zu seiner späten Hochzeit - 1875 im Alter von 50 Jahren - mit seiner Schwester Betsy zusammen, die ihm Beraterin und Sekretärin ist. Er schwankt zwischen der deutschen und der französischen Sprache, übersetzt umfangreich in beide Richtungen und schreibt schließlich auf Deutsch einen Roman und zehn Novellen, die zu den wichtigsten Texten aus der Schweiz des 19. Jahrhunderts zählen. 1898 stirbt Conrad Ferdinand Meyer in Kilchberg bei Zürich nach langer Krankheit in schwerer Depression.
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Ossip Mandelstam ein moderner Dichter mit klassischer Form
Zitronenblau am 20.05.2021
Bewertungsnummer: 796931
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Mandelstam, russischer Dichter und Vertreter des Akmeismus, d.h. einer Strömung lyrischer Klarheit, gehörte somit genau nicht zu den avantgardistischen, futuristischen Poeten wie Chlebnikov an, besorgte mir ein besseres lyrisches Leseerlebnis. In großer Dankbarkeit für den Übersetzer, Paul Celan, den ich ohnehin sehr bewundere, öffnet sich in diesem kleinen Büchlein ein sehr prägnantes, aber keinesfalls lakonischen, jedoch aber sehr traditionelles und das Metrum wieder rehabilitierendes dichterisches Werk.
Mandelstam ist ein Poet lyrischer Miniaturen, so sind gerade die ersten Gedichte dieses Bandes weniger balladenhaft, episch und vielstrophig, das Metrum überwiegend jambisch, oft auch trochäisch, mit Tendenz zum klassischen Fünfheber. Die Reimstruktur ist sehr einfach (abab, aa bb cc, etc.), die Reime selbst bis auf einige Assonanzen ex aequo recht simpel (Sterne gerne, viel Ziel etc.) und kaum ein Auftreten von Enjambements oder ungewöhnlicher Versformationen. Die meisten Gedichte tragen keinen Titel.
Diese erste, wahrgenommene formale Schlichtheit soll aber nicht über den Inhalt hinwegtäuschen. Dieser ist allegorisch und symbolträchtig. Mandelstam transferiert Begriffe der Naturwelt in die Seelenlandschaft und beschwört seine Poesie zum Akt innerer Musik, sodann das Wort überführt werden soll in den bloßen Klang, fern semantischer, kognitiver Restriktion:
Keine Worte, keinerlei.
Nichts, das es zu lehren gilt.
Sie ist Tier und Dunkelheit,
sie, die Seele, gramgestillt.
Nicht nach lehre steht ihr Sinn,
nicht das Wort ists, was sie sucht.
Jung durchschwimmt sie, ein Delphin,
Weltenschlucht um Weltenschlucht.
Stark aber auch ist die christliche Symbolik: das Kreuz, der Himmel und die Weltschmerzlitaneien:
Weltenweh, das nebelhafte, trübe
O erlaub, daß ich ihm gleich sei: nebelhaft,
und erlaub mir, daß ich dich nicht liebe.
Oder:
O Himmel, Himmel, du kommst wieder, wieder
Im Traum! Dies kann nicht sein: daß du erblindet bist,
daß hier der Tag, ein weißes Blatt, ganz niederbrannte, nieder
zu diesem bißchen Rauch, zu diesem Aschenrest!
Groß angelegt ist die Reflexion über die Menschheit und ihrer Unvernunft:
Die Städte, die da blühn, sie mögen weiter
bedeutsam tun mit Namen und mit Schall.
Nicht Rom, die Stadt, lebt fort durch zeit und Zeiten,
es lebt des Menschen Ort ein Ort im All.
Ihn zu erobern, ziehn der Fürsten Heere,
heißen die Priester all die Kriege gut.
Und ohne ihn die Häuser, die Altäre:
Verachtungswürdig, elend, Schutt.
In den späteren Dichtungen greift er auf mythische Gleichnisse zurück, sodass man ihm einen neoklassizistischen Stil zuordnen kann. Die späten und auch komplexeren Dichtungen wie Bahnhofskonzert oder Griffel-Ode sind durchwoben von dunklen Metaphern und Symbolen:
Der Stern zum Stern, machtvoll gefügt
Der Kiesweg aus dem alten Liede
Kies spricht und Luft, Hufeisen spricht
zum Ring, das Wasser spricht zum Kiesel
Die Griffel-Zeichnung, milchig an
der Wolken weicher Schiefertafel
Nicht Welten-Schule nein, ein Wahn,
ein Halbschlaf-Traum, geträumt von Schafen.
Mandelstam kam tragisch ums Leben. Wurde Opfer stalinistischer Säuberungen. Der Gedichtband eröffnet den Interessierten einen ersten Blick in die Welt des russischen Poeten und bereitet vor auf ein Werk, das viel zutage gefördert hat, nicht zuletzt auch die Essays über die Poesie und vor allem Dante Mandelstams wichtigstes Vorbild.
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